text breit  text schmal  
drucken 

derStandard.at | Kultur | Bildende Kunst | Biennale von Venedig  
30. Mai 2007
13:09 MESZ
Link: www.labiennale.org  
52. Biennale Venedig mit Rekordbeteiligung
Österreich-Pavillon als Tempel der Malerei

Venedig - Obwohl in der Kunstwelt weitgehend Einigkeit darüber herrscht, dass die nationale Präsentation von Kunst auf internationalen Ausstellungen ein Anachronismus ist, sind auf der 52. Kunstbiennale in Venedig so viele Länder vertreten wie nie zuvor. 77 Länder präsentieren sich in Giardini-Pavillons oder in angemieteten Lokalitäten, die über die ganze Stadt verstreut sind. Unter anderem sind erstmals der Libanon und die Türkei mit dabei. Unter den Künstlern finden sich manche prominente Namen.

Als der diesjährige Österreich-Kommissär Robert Fleck mit "seinem" Künstler Herbert Brandl im November zum Lokalaugenschein nach Venedig fuhr, fand er die Giardini wider Erwarten keineswegs einsam und verlassen vor: "Isa Genzken für den deutschen Pavillon, Tracey Emin für den britischen, Sophie Calle für den französischen, Herbert Brandl für den österreichischen Pavillon und noch fast dreißig andere Künstler waren auf dem Biennale-Gelände unterwegs, um das jeweilige Gebäude ihrer Ausstellung und die Landschaftsarchitektur der Giardini ausführlich zu begutachten", erinnert sich Fleck, "Dann kehrten sie alle in ihre Ateliers zurück, die in der ganzen Welt verstreut sind, um an ihren Werken für die Biennale zu arbeiten. So ergibt sich das Bild eines imaginären weltweiten Ateliers, in dem die Künstler an der Biennale von Venedig arbeiten, die am 10. Juni eröffnet wird."

Nationale Starter

Tracey Emin, 1963 geborene Hauptvertreterin der jungen britischen Künstlergeneration, die u.a. mit Installationen wie "My Bed" oder "Everyone I Have Ever Slept With 1963-1995" für Aufsehen sorgte, wird mit Sicherheit für einen großen Andrang im britischen Pavillon sorgen. "Die Leute, die meine Arbeit hassen, hoffen, dass ich richtig auf die Nase falle, und die Leute, die meine Arbeit lieben, wünschen sich einen echten Triumph", beschreibt die Künstlerin im Magazin "art" den Erwartungsdruck, "Damit muss ich fertig werden." Nun zeigt sie in Venedig eine neu gestaltete Kurzfassung von drei ihrer Ausstellungen der vergangenen Jahre sowie eine Serie kleinformatiger Monotypien.

Deutschland setzt auf die 58-jährigen Berlinerin Isa Genzken, die im Vorjahr eine große Ausstellung in der Wiener Secession bestritt. Die USA erinnern in ihrem Pavillon an den 1996 verstorbenen kubanischen Künstler Felix Gonzalez-Torres, Frankreich schickt die 1953 geborene Sophie Calle, die über 100 Frauen bat, sich mit dem Trennungsbrief eines Mannes zu befassen. In der Länderpräsentation des auch in der Kunst boomenden China gibt es für österreichische Besucher u.a. ein Wiedersehen mit den in Koffern verstauten "Portable Cities" der 44-jährigen Künstlerin Yin Xiuzhen, die bereits im Rahmen von "China now" im Essl Museum zu bestaunen waren. Die Türkei zeigt in eigenen Separees collage-artige Videos von Hüseyin Bahri Alptekin.

Die Ukraine hat sieben Künstler, darunter den deutschen Fotografen Juergen Teller und die britische Medienkünstlerin Sam Taylor-Wood, eingeladen, sich mit dem Land zu befassen, und auch Ungarn setzt auf Auslandshilfe: Der 1977 geborene Wiener Andreas Fogarasi präsentiert eine Erweiterung seiner vor kurzem bereits in der Box der Wiener Galerie Kargl gezeigten Installation mit einer Serie von Videoarbeiten zu Kultur- und Freizeiteinrichtungen in Budapest.

Tempel der Malerei

Die Vorbereitungen sind abgeschlossen, Boden und Wände getrocknet, die Bilder gehängt. Etwas mehr als eine Woche vor der Eröffnung steht fest: Der von Herbert Brandl bespielte Österreich-Pavillon in den venezianischen Giardini wird ein Tempel der Malerei, ein farbenprächtiger Ort der Ruhe und Kontemplation am Rande eines hektischen Besucherstroms, der sich über das Gelände der 52. Kunstbiennale Venedig ergießen wird.

"Gerade zum Zeitpunkt einer breiten Wiederentdeckung der Malerei in der aktuellen Kunst scheint es überfällig, diese herausragende Position heutiger Malerei im besonderen Rahmen der Biennale von Venedig vorzustellen", begründet Robert Fleck, Leiter der Hamburger Deichtorhallen und 2007 Kommissär des Österreich-Auftrittes, seine Entscheidung für den 48-jährigen gebürtigen Grazer. Brandl, der Anfang der 80er-Jahre mit Kollegen wie Siegfried Anzinger, Erwin Bohatsch und Hubert Scheibl als "Neue Wilde aus Österreich" international Furore machte, und nach seiner Venedig-Einladung alle Ausstellungsvorhaben absagte, um sich auf die Biennale zu konzentrieren, zeigt rund zwanzig meist großformatige neue Bilder.

"Im Vordergrund der Präsentation stehen die Möglichkeiten heutiger Malerei in unterschiedlichen Registern, wobei die Virtuosität und Mächtigkeit von Brandls Malerei durch Brüche und Grenzlinien in einem antidekorativen Sinn gehalten wird", heißt es in den Presseunterlagen. Das Gebäude von Josef Hoffmann wurde dafür von dem in der Lagunenstadt lebenden dänischen Architekten Troels Bruun nach Brandls Anweisungen behutsam umgebaut, um optimale Bedingungen für die Präsentation seiner Bilder zu erhalten. Torbögen wurden begradigt, Lichtverhältnisse verbessert, ein grauer Boden und wieder auf den Original-Zustand zurückgeführte Deckenlösungen schaffen ein ideales Umfeld für die gezeigten Kunstwerke.

Schon von weitem verweist der Pavillon auf seinen Inhalt: Im Innenhof hängt ein großes, grünes Gemälde, auf das der Blick des Besuchers durch den offenen Eingangsbereich schon bei seinem Weg zum Gebäudes fällt. Die Farben reflektieren auf verblüffende Weise die Rasenfläche vor dem Pavillon, und auch die sich auf dem Bild abzeichnende Wiese steht exemplarisch für Brandls zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, zwischen reinen Farbflächen und weiterentwickelter Landschaftsmalerei angesiedelten Bildern, für die nicht selten Fotografien als Anregung dienen. Auch für einen von violett bis orange grell schillernden Sonnenaufgang wurde Brandl von in Lanzarote aufgenommenen Fotos inspiriert.

Vor Grauschleier und Düsternis braucht sich der Besucher des Österreich-Pavillons nicht zu fürchten: Brandl zeigt keine Scheu vor kräftigen Farben. Zwar hat er seine in Venedig gezeigten Bilder extra für die Biennale gemalt, doch will er dabei "überhaupt nicht an den Pavillon gedacht" haben: "Ich bin nicht auf bestimmte Wände eingegangen", schildert er im Gespräch mit Robert Fleck, "ich dachte mir: Wir werden den richtigen Platz finden müssen. Das heißt, wir müssen es in Kauf nehmen, dass man - der Verzweiflung nahe - herumprobiert und eigentlich nicht weiß, wie es gehen soll. Dann gibt es das Erlebnis, dass es doch geht, und dann entsteht der Pavillon." Am 8. Juni (18 Uhr) wird er eröffnet. (APA)


© 2007 derStandard.at - Alle Rechte vorbehalten.
Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.