Ihre Photos gingen um die ganze Welt: Eine Dame in
Pelzmantel und Hut in ihrem Automobil, der uniformierte Chauffeur wartet
auf der Straße, reduziert auf ein Requisit. Entlarvender Augenblick
der Klassengesellschaft, festgehalten auf Polaroid 1953, ohne zu werten,
ohne zu urteilen. Audrey Hepburn mit verschränkten Armen vor einer kahlen
Wand. Den Blick gesenkt. Der Kopf eines Lamas, der mitten im
Verkehrsgewühl von New York aus einem Auto ragt.
Aufnahmen, zärtlich, intim und doch ohne
Sentimentalität, ohne Pathos. Die Photographin hieß Inge Morath. Am
Mittwoch wurde sie mit 78 Jahren mitten aus ihrer Arbeit gerissen: Die
gebürtige Grazerin, die erste Gewinnerin des Österreichischen
Staatspreises für Photographie, starb in einem Krankenhaus in New York.
Sie hatte eine Bilderserie über die privaten Gedenkstätten der Opfer des
11. September in Arbeit.
Das alltägliche Leben und der Mensch waren Moraths
Lieblingsmotive. Als Mitglied der renommierten Photoagentur "Magnum"
reiste sie durch die Welt, fing die Seele von Ländern wie China, Spanien,
Rußland in ihren Aufnahmen ein. Ihr Schlüssel zu den Kulturen war die
Sprache: Sie sprach acht verschiedene. Bei ihrer Arbeit lernte sie auch
den Dramatiker Arthur Miller kennen, mit dem sie, seit 1962 verheiratet,
in den USA lebte. Ihre Reportage über die Dreharbeiten an seinem Film
"Misfits", mit Marilyn Monroe, wurde eine ihrer berühmtesten.
Über dreißig Bildbände von Moraths Arbeiten, von denen
vier der österreichische Verleger Kurt Kaindl herausgab, haben ihr schon
zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt. Moraths berühmter Lehrer war der
Franzose Henri Cartier-Bresson, Gründungsmitglied der legendären
Photoagentur "Magnum", der Morath seit 1953 als Vollmitglied angehörte.
Die Photographie wurde zu ihrer eindrücklichen
künstlerischen Sprache, eine "seltsame Sache", über die sie sagte: "Man
traut seinem Auge und entblößt seine Seele." sp
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Die Presse | Wien