Artikel aus profil Nr. 09/2003
Gelitten wie ein Hund

Nachruf. Teddy Podgorski, früherer ORF-Generalintendant, über seinen Freund, den Karikaturisten Erich Sokol, der vergangenen Donnerstag 69-jährig verstorben ist.
Es ist nicht einfach, mit einem Genie befreundet zu sein. Das gilt wahrscheinlich für alle Genies, aber in besonderem Ausmaß galt es für Erich Sokol. Er war natürlich, wie wir alle, „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“, aber bei ihm hatte man es besonders oft mit „Mr. Hyde“ zu tun. Er konnte aggressiv, taktlos und ungerecht sein. Und er stellte die Freundschaft auf eine harte Probe. Nicht nur unsere.

Warum, fragen wir uns alle, war das so?
Ich glaube, er hat unter seiner Genialität gelitten wie ein Hund. Er hat, glaube ich, seine Gottesgabe als Bürde erlebt. Sein Talent hat ihn nicht befreit, sondern in eine immer größer werdende Verantwortung gezwungen. Er war ein Denker, ein Kritiker, ein Zweifler, ein Aggressor gegen die Dummheit. Der Blick des Künstlers, mehr noch: der Fokus des Karikaturisten hat ihn auf Schritt und Tritt verfolgt.

Man erzählt sich von Johann Strauß, dass er Tag und Nacht Melodien gehört habe. Walzer, Polka, Märsche – ein genetischer Walkman des lieben Gottes. Schrecklich. Was sich in Johann Strauß’ Ohren abgespielt hat, manifestierte sich bei Sokol in den Augen. Ein visueller Tinnitus. Er hat seine Umwelt mit den Augen seziert und aufs Wesentliche, das heißt auf die Wahrheit, reduziert. Dieser Anblick muss schlimm gewesen sein. Die Mitmenschen als Karikaturen. Tagein, tagaus.

Wenn er Menschen beschreiben musste, tat er es mit seinen Mitteln: „… das ist doch der mit den großen Nasenlöchern, die mit den verschieden großen Ohren oder den Ganslaugen.“

Trotzdem war er nie ein Karikaturist im landläufigen Sinn. Er flüchtete vor der Schärfe in seiner Zeichnung in die Ästhetik der Aquarelle. Mit dem Resultat, dass die Pointe nur noch ätzender wurde.

Die Details, die er mitlieferte, waren eigentlich nur die Zuwaag. Die kleinen körperlichen Fehler, die sich seine Opfer vor dem Spiegel eskamotierten, legte er gnadenlos für die Ewigkeit fest, als Warnung vor seinem scharfen Blick, der in Wirklichkeit unseren Herzen galt. Wir haben es sehr oft nicht begriffen.

„Big Sokol is watching you.“ Es war eine Auszeichnung, auf seiner Watchlist zu stehen. Erich Sokol war ein Wiener. Ein ungemütlicher Wiener, der sich nach Gemütlichkeit gesehnt hat, mit dem Hang zur Idylle. Er war ein Sportler. Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Alfred spielte er Handball bei Rapid. In derselben Mannschaft spielte ein Stürmer namens Leherbauer, später bekannt als Maler „Leherb“.

Erich Sokol war Sozialdemokrat. Er schimpfte zwar über die roten Politiker, aber er verteidigte immer die „Partei“. Sie war auch so eine Art Idylle geworden. Er hat in der „AZ“ die „ÖVP-Tant“ erfunden: eine verzopfte, miefige Vettel, die wirksamer war als so manche Wahlkampagne.

Seine Zeichnungen im „Playboy“, in der „Krone“ und in vielen anderen Zeitungen waren Bildtafeln von unauslöschlicher Eindringlichkeit. Ein Wiener Daumier. Ich holte ihn schon in den sechziger Jahren als Mitarbeiter zum ORF, wo er später Art-Director wurde. Er liebte es seltsamerweise, ein Funktionär zu sein. Vielleicht weil der Zeichentisch eine Art Einzelhaft war. Er blieb allerdings ein Einzelkämpfer. Schade, dass er nicht mehr auf uns losgeht. Ich glaube, wir haben es gebraucht.

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