Nachruf. Teddy Podgorski,
früherer ORF-Generalintendant, über seinen Freund, den
Karikaturisten Erich Sokol, der vergangenen Donnerstag 69-jährig
verstorben ist.
Es ist nicht einfach, mit einem Genie
befreundet zu sein. Das gilt wahrscheinlich für alle Genies, aber in
besonderem Ausmaß galt es für Erich Sokol. Er war natürlich, wie wir
alle, „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“, aber bei ihm hatte man es besonders
oft mit „Mr. Hyde“ zu tun. Er konnte aggressiv, taktlos und
ungerecht sein. Und er stellte die Freundschaft auf eine harte
Probe. Nicht nur unsere.
Warum, fragen wir uns alle, war das
so? Ich glaube, er hat unter seiner Genialität gelitten wie ein
Hund. Er hat, glaube ich, seine Gottesgabe als Bürde erlebt. Sein
Talent hat ihn nicht befreit, sondern in eine immer größer werdende
Verantwortung gezwungen. Er war ein Denker, ein Kritiker, ein
Zweifler, ein Aggressor gegen die Dummheit. Der Blick des Künstlers,
mehr noch: der Fokus des Karikaturisten hat ihn auf Schritt und
Tritt verfolgt.
Man erzählt sich von Johann Strauß, dass er
Tag und Nacht Melodien gehört habe. Walzer, Polka, Märsche – ein
genetischer Walkman des lieben Gottes. Schrecklich. Was sich in
Johann Strauß’ Ohren abgespielt hat, manifestierte sich bei Sokol in
den Augen. Ein visueller Tinnitus. Er hat seine Umwelt mit den Augen
seziert und aufs Wesentliche, das heißt auf die Wahrheit, reduziert.
Dieser Anblick muss schlimm gewesen sein. Die Mitmenschen als
Karikaturen. Tagein, tagaus.
Wenn er Menschen beschreiben
musste, tat er es mit seinen Mitteln: „… das ist doch der mit den
großen Nasenlöchern, die mit den verschieden großen Ohren oder den
Ganslaugen.“
Trotzdem war er nie ein Karikaturist im
landläufigen Sinn. Er flüchtete vor der Schärfe in seiner Zeichnung
in die Ästhetik der Aquarelle. Mit dem Resultat, dass die Pointe nur
noch ätzender wurde.
Die Details, die er mitlieferte, waren
eigentlich nur die Zuwaag. Die kleinen körperlichen Fehler, die sich
seine Opfer vor dem Spiegel eskamotierten, legte er gnadenlos für
die Ewigkeit fest, als Warnung vor seinem scharfen Blick, der in
Wirklichkeit unseren Herzen galt. Wir haben es sehr oft nicht
begriffen.
„Big Sokol is watching you.“ Es war eine
Auszeichnung, auf seiner Watchlist zu stehen. Erich Sokol war ein
Wiener. Ein ungemütlicher Wiener, der sich nach Gemütlichkeit
gesehnt hat, mit dem Hang zur Idylle. Er war ein Sportler. Zusammen
mit seinem Zwillingsbruder Alfred spielte er Handball bei Rapid. In
derselben Mannschaft spielte ein Stürmer namens Leherbauer, später
bekannt als Maler „Leherb“.
Erich Sokol war Sozialdemokrat.
Er schimpfte zwar über die roten Politiker, aber er verteidigte
immer die „Partei“. Sie war auch so eine Art Idylle geworden. Er hat
in der „AZ“ die „ÖVP-Tant“ erfunden: eine verzopfte, miefige Vettel,
die wirksamer war als so manche Wahlkampagne.
Seine
Zeichnungen im „Playboy“, in der „Krone“ und in vielen anderen
Zeitungen waren Bildtafeln von unauslöschlicher Eindringlichkeit.
Ein Wiener Daumier. Ich holte ihn schon in den sechziger Jahren als
Mitarbeiter zum ORF, wo er später Art-Director wurde. Er liebte es
seltsamerweise, ein Funktionär zu sein. Vielleicht weil der
Zeichentisch eine Art Einzelhaft war. Er blieb allerdings ein
Einzelkämpfer. Schade, dass er nicht mehr auf uns losgeht. Ich
glaube, wir haben es gebraucht.