Leopold-Museum: Schiele-Landschaften
Und schon wieder Schiele
Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer "Schiele & Roessler" im
Wien- Museum ist noch nicht beendet, gibt es schon eine neue Schau einer
Werkgruppe mit Arbeiten Egon Schieles.
2003 hatte die Österreichische Galerie Belvedere
mit Klimts Landschaften enorme Besucherströme verzeichnen können. Nun gibt
es im Leopold-Museum bis 31. Jänner 2005 eine aus internationalen Museen
und von zahlreichen Privatsammlern mit dem eigenen Bestand vereinte
Ausstellung der düsteren Landschafts- und Städtebilder Schieles. Dass
diese stimmungsvollen Veduten und oft kahlen Felder eine fast "unbeachtet
gebliebene Facette im Schaffen" des Künstlers darstellt, vermag man kaum
zu glauben; hat doch eine der Versionen der "Toten Stadt" die Medien seit
Jahren beschäftigt. Aber in Wien strapazieren die Museen ihre
Parademeister gerne zugunsten von Vermarktungsstrategien. Rudolf
Leopold, der wie gewohnt als Direktor wie Kurator auftritt, verweist denn
auch, dass "herausragende" Beispiele im Besitz seines Hauses sind. Und es
sind bekanntlich mehr Exponate als in der Österreichischen Galerie, die
aber, wie das MUMOK und die Albertina, an dem regen Bilderaustausch
prominent beteiligt sind. Schade ist deshalb, dass keine anderen Meinungen
im Katalog integriert wurden, deren es nicht wenige gibt. Womit neben den
durchgehend farbigen Abbildungen ein teilweise unwissenschaftlicher Text
ohne Quellen-Verweise unnötig Lücken und Rätsel hinterlässt. Jedoch
gibt es seit Sommer einen neuen Kunsthistoriker im Leopold-Museum, Michael
Fuhr, der bereits wissenschaftliche Beitexte für die Presse zu den
Vergleichswerken u. a. eines Hodler, Egger-Lienz und Gütersloh verfasst
hat sowie über die Geisteswelt in Wien um 1900 schreibt. Ihm bleibt es,
den Spagat zwischen Meinung des Direktors und Außenwelt zu schaffen.
Natürlich muss - und das ist ein Phänomen, das in Wien nicht nur
dieses Museum betrifft - jede Kritik an den Heroen der Wiener Moderne
wegfallen. Schieles Leiden an der konservativen Gesellschaft, seine
schwierigen Verhältnisse zu Sammlern, bilden den Mythos vom Märtyrer, den
die Protagonisten der Moderne nicht selten bewusst konstruiert haben.
Diese Tendenz, Kunst als neue Religion zu behandeln, wird leider bis heute
kritiklos perpetuiert. Die seltsam zusammengefaltete, damit eine Enge
der Hängung suggerierende Ausstellungs-Architektur von Angela Hareiter mit
noch seltsameren braunen Tapeten vermochte bei der Pressekonferenz
niemanden zu begeistern - die vielleicht gute Idee, auf das Kristalline im
Geschmack der Zeit zu verweisen, kommt nicht zum Ausdruck. Bleibt die
Entwicklung des früh Begabten von realistisch-impressionistischen
Anfängen, einem Versuch in Pointillismus (wohl nach Klimts Vorbild) und
van Gogh-Anregungen zu seiner kräftig, breiten und zügigen Pinselschrift.
Ab 1910 mischen sich expressive Tendenz und manieristische Reminiszenzen:
Die Zeichnung bekommt den typisch kantigen Stil, die Aussage wird
dramatisch, psychologisierende Allegorik birgt fantastische Elemente.
Einsamkeit, Weltuntergangsstimmung (Wien vor dem Ersten Weltkrieg) und
Visionäres verbinden sich mit extremen Auf- und Untersichten,
durchkreuzten Flächen (ähnlich denen eines El Greco) und roten Himmeln vor
kahlen Bäumen, die wie Sonnenblumen zu Mahnmalen mutieren. Es kann der
Konzeption der Schau nicht vorgeworfen werden, dass sie nicht alles zum
Thema Passende versammelt, was ungefähr die Hälfte des Werkes ausmachen
würde. Nicht nur für Touristen wird die Ausstellung sicher ein Magnet
sein. Zuvor genannte Kritikpunkte sind dem breiten Publikum unwichtig, ein
leicht lesbarer Katalog ist beliebter als ein inhaltlich anspruchsvoller.
Und Wien bleibt damit Wien.
Erschienen am: 22.09.2004 |
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