Die Wiener Art Foundation gibt mit
Gebrauchsskulpturen ihr Debüt im Kunstbetrieb
Ein ganz normaler Stuhl?
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Ausstellungsansicht "originalfunktional". Im Bild auch Kurator Stefan
Bidner. Foto: Wiener Art Foundation.
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Von Manisha Jothady

Was Josef
Hoffmann um 1905 als "Sitzmaschine" ersann, könnte für Laien durchaus
als Folterinstrument durchgehen. An der perforierten Rechteckmusterung
der Rückenlehne ließe sich gut jemand fesseln. Durch die
hochrechteckigen Schlitze der Seitenteile könnte man dem Delinquenten
spitze Gegenstände zuführen, die ihm manches Geständnis entlocken
würden. Dann auch noch die Fertigung rein aus Holz. Nichts Gepolstertes
ermöglicht hier bequemes Sitzen.
Dabei fand das so klug ausgetüftelte Möbel auch Aufstellung im
Sanatorium Purkersdorf, das der Rundumgestalter Hoffmann 1904 bis 1905
errichtete. In der Ausstellung "originalfunktional" dient sein
Design-Klassiker neben Möbeln von Adolf Loos, Gerrit Rietveld und
Friedrich Kiesler nun als historischer Verweis auf ein Phänomen, das in
der Gegenwartskunst insbesondere seit den 1990ern an Konjunktur erfährt.
Nämlich die Verschwisterung von Kunst und Design.
Mit Beiträgen von über 70 zeitgenössischen Künstlern bestückt der neu
gegründete Kunstverein Wiener Art Foundation seit vergangenem Freitag
die vormaligen Räumlichkeiten des Bawag Contemporary in der
Barnabitengasse. Kuratiert wurde die Schau, die in den kommenden Wochen
durch Performances, Lectures, DJ-Events und Kurzfilmabende bereichert
wird, von Stefan Bidner, dem ehemaligen Leiter des Kunstraum Innsbruck.
Gemeinsam mit dem Wiener Galeristen Amer Abbas (kunstbüro) hob er die
Wiener Art Foundation aus der Taufe.
An die Tradition der Wiener Werkstätte und des Bauhaus wollen die
Initiatoren mit ihrer ersten Ausstellung anknüpfen. Die Exponate
erfüllen die Forderung nach Funktionalität allemal. Dennoch wird beim
Rundgang klar, wie sehr sich die Vorzeichen verändert haben, unter denen
Künstler heute das Feld der Gebrauchskunst beackern. Galt es einst die
Hierarchie von angewandtem, "dekorativem" Kunsthandwerk und "freier",
bildender Kunst zu durchbrechen, so arbeiten Gegenwartskünstler nun vor
dem Hintergrund eines erweiterten Skulpturbegriffs. Wollten Hoffmann und
Co., stets das Gesamtkunstwerk vor Augen, im Sinne einer sozialen
Verantwortung sämtliche Lebensbereiche gestalterisch durchdringen,
verstehen heute zeitgenössische Künstler die Benützung ihrer Objekte
vielfach als performativen Prozess, in dem der Betrachter zum Akteur
wird.
So lässt es sich gut hopsen auf dem überdimensionalen Trinkbeutel,
den David Moises neben einem aus alten Schiern gezimmerten Schemel
zeigt. Auch Richard Hoecks zweiteiligen Hocker mit der Aufschrift "Po
Po" will man dem eigenen Gesäß nicht vorenthalten. Weniger bequem
dagegen der Sofasessel aus Kartoffeln, "designed" von der Gruppe Mahony.
Ein Nagel als Kunstwerk
Elke Krystufek steuert einen 2,40 Meter hohen siebenarmigen Leuchter
bei, der als Bücherregal mit ausgewählter Literatur fungiert. Franz West
produzierte eine auf 172 Stück limitierte Edition, deren Erlös zur
Hälfte dem Integrationshaus Wien zugute kommen wird. Sie besteht aus
einem Nagel. Vorschläge, was man "zur Vervollständigung" daran aufhängen
kann ("schlimmstenfalls sich selbst"), macht der Künstler in einem
Video. Spektakulär ist das organisch anmutende Gebilde von Thomas
Feuerstein. Durch schwarze Kabel verbindet er eine Diskokugel mit einem
stuhlförmigen Verstärker. Was wohl passiert, wenn man die Stecker zieht?
Insgesamt beeindruckt die Schau durch die Fülle unterschiedlicher
Ansätze: Von der Recycling-Ästhetik der Gruppe gelitin bis hin zur
minimalistischen Sterilität eines Michael Kienzer oder Heimo Zobernig
erscheinen sämtliche Mittel recht, um das Gebrauchsgut aus der Domäne
industrieller und serieller Produktion in jene des individuell
gefertigten Unikats zu hieven. Dabei werden nicht selten persönliche
Geschichten und Befindlichkeiten zu Wohnlandschaften arrangiert oder
private Mythologien mit allgemein gesellschaftlichen Themen verknüpft.
Ausstellung
originalfunktional
Stefan Bidner (Kurator)
Wiener Art Foundation
bis 15. Jänner 2011
Printausgabe vom Dienstag, 02.
November 2010
Online seit: Montag, 01. November 2010 18:31:10
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