Braucht Berlin eine Biennale?
Es war nicht meine Initiative. Ich bin
gefragt worden, die Biennale zu kuratieren. Und wenn ich total
skeptisch gewesen wäre, hätte ich das nicht angenommen.
Was kann denn eine Biennale bewirken?
Sie kann die
zeitgenössische Kunst in Berlin unterstützen. Die hier anwesenden
Institutionen nehmen das immer noch nicht ernst genug. Natürlich
gibt es im Hamburger Bahnhof, im Gropius-Bau oder in der Neuen
Nationalgalerie manchmal große Ausstellungen, aber es gibt keine
Kunsthalle. Die Kunst-Werke stehen mit ihrem Programm ein bisschen
allein angesichts der wachsenden Zahl von Galerien und jungen
Künstlern.
Haben Sie „Ihre“ Biennale speziell auf die Berliner
Verhältnisse zugeschnitten?
Ich hoffe, dass es nicht nur für
die Berliner funktioniert. Sie dürfen das nicht zu geographisch
positionieren. Eine Ausstellung wohnt natürlich in der Zeit, aber
sie schwebt auch ein bisschen über dem Raum. Inzwischen sind ja alle
großen Städte miteinander informatorisch vernetzt.
Wen stellen Sie sich als Publikum vor?
Sowohl die
Berliner als auch die internationalen Leute, die gerne nach Berlin
kommen, um hier Kunst zu sehen. Eine Biennale hat immer einen
internationalen Charakter, es muss eine Mischung geben von Lokalem
und Globalem. Und die Vernetzung ist durch die Künstler, die – wie
das Publikum auch – viel mehr reisen als früher, schon vorgegeben.
Sie haben angekündigt, dass die Künstler den direkten
Austausch mit den Menschen erproben.
Ja, die Künstler suchen
wieder – wie in den siebziger Jahren – den Kontakt zum Publikum. Sie
wollen mit dem Publikum umgehen. Ich wollte zeigen, dass bei dieser
Art der künstlerischen Ansprache das Publikum nicht wie beim
Fernsehen zur Masse verkommt. Manche Installationen laden den
Betrachter als Individuum ein, so wie Gemälde das immer gemeint
haben. Denken Sie an Caspar David Friedrich. Der hat diese
Rückenfiguren in seine Bilder hineingenommen, weil er das Publikum
damit besser in seine Bilder hineinführen konnte. Und heute
funktioniert das buchstäblich. Manche Installationen sind ganz
körperlich erlebbar, man kann hineingehen, beispielsweise bei Alicia
Framis. Ihre „Comfortzone“ können Frauen als Beichtstuhl oder als
Massageraum benutzen.
Wie kamen Sie auf überhaupt auf das Biennale-Motto „Empathie“,
Anteilnahme? Haben Sie diesen Gedanken bei den Künstlern ausgemacht?
Es geht bei mir immer parallel. Der Kurator sollte schon die
Zeit in den Griff kriegen, und zwar unter der Prämisse: Was
verändert sich, was sind die neuen Parameter in der Kunst? Danach
orientiert sich die Künstlerauswahl. Ein bisschen muss man das aber
auch am Thema theoretisieren, weil es sonst nicht zu vermitteln
wäre.
Kann man das Thema der Biennale auch ohne den theoretischen
Kontext wahrnehmen?
Ich glaube nicht, dass es nur ein
sprachliches, gedankliches Verständnis gibt. Ich hoffe zumindest,
dass es auch eine sinnlich visuelle Wahrnehmung gibt. Unsere
Rezeption hat damit zu tun, ob wir sensibel genug sind. Deshalb hat
der Kurator als Vermittlungsinstanz eine Mitverantwortung.
Welche Aufgabe hat ein Kurator überhaupt: die Vollendung des
Gesamtkunstwerks Ausstellung oder die Komposition?
Zur
Komposition sage ich ja, wenn man die Künstlerliste beurteilt.
Postfuhramt, S-Bahnbögen an der Jannowitz-Brücke und Treptowers als
Module der Biennale zu komponieren, war allerdings keine einfache
Aufgabe. Natürlich hat jeder Ort seine Atmosphäre. Ich habe
versucht, jeder Arbeit ihr Klima zu erhalten, ohne die Stimmung des
Ortes zu zerstören.
Eine Biennale funktioniert nicht allein ästhetisch. Sie kennen
die Kritik, die Biennale würde als Marketingveranstaltung für den
Berlin-Tourismus benutzt werden.
Wenn man das in Berlin so
sieht, hätte man mir einen höheren Etat geben müssen. Ich empfinde
das Marketing nicht als bösen Teufel. Es wäre doch toll, wenn Berlin
als Kulturstadt alles täte, um die zeitgenössische Kunst als
Marketinginstrument zu entdecken.
Ist das kritische Potenzial der Ausstellung nicht gefährdet,
wenn die Kunstwerke wie Konsumartikel gesehen werden?
Kunst
ist Kunst, wenn sie Einsichten vermittelt, und die können mitunter
sehr traurig oder kritisch sein. Aber wir haben heutzutage keine
Gegenideologie mehr, da leiden wir alle darunter. Das heißt nicht,
dass kritische Kunst nicht mehr möglich wäre. Und wenn die
„Superflex“-Leute aus Dänemark ihre eigenes Radioprogramm machen,
dann ist das zumindest als Gegenöffentlichkeit interessant. Das ist
die einzige Möglichkeit, die Künstler heute haben.