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22.05.2001

Saskia Bos: Die Kunst-Kommissarin

Auf den Spuren der Zukunftskunst: Kuratorin Saskia Bos über die Berlin Biennale Interview von Ronald Berg

Braucht Berlin eine Biennale?
Es war nicht meine Initiative. Ich bin gefragt worden, die Biennale zu kuratieren. Und wenn ich total skeptisch gewesen wäre, hätte ich das nicht angenommen.

Was kann denn eine Biennale bewirken?
Sie kann die zeitgenössische Kunst in Berlin unterstützen. Die hier anwesenden Institutionen nehmen das immer noch nicht ernst genug. Natürlich gibt es im Hamburger Bahnhof, im Gropius-Bau oder in der Neuen Nationalgalerie manchmal große Ausstellungen, aber es gibt keine Kunsthalle. Die Kunst-Werke stehen mit ihrem Programm ein bisschen allein angesichts der wachsenden Zahl von Galerien und jungen Künstlern.

Haben Sie „Ihre“ Biennale speziell auf die Berliner Verhältnisse zugeschnitten?
Ich hoffe, dass es nicht nur für die Berliner funktioniert. Sie dürfen das nicht zu geographisch positionieren. Eine Ausstellung wohnt natürlich in der Zeit, aber sie schwebt auch ein bisschen über dem Raum. Inzwischen sind ja alle großen Städte miteinander informatorisch vernetzt.

Wen stellen Sie sich als Publikum vor?
Sowohl die Berliner als auch die internationalen Leute, die gerne nach Berlin kommen, um hier Kunst zu sehen. Eine Biennale hat immer einen internationalen Charakter, es muss eine Mischung geben von Lokalem und Globalem. Und die Vernetzung ist durch die Künstler, die – wie das Publikum auch – viel mehr reisen als früher, schon vorgegeben.

Sie haben angekündigt, dass die Künstler den direkten Austausch mit den Menschen erproben.
Ja, die Künstler suchen wieder – wie in den siebziger Jahren – den Kontakt zum Publikum. Sie wollen mit dem Publikum umgehen. Ich wollte zeigen, dass bei dieser Art der künstlerischen Ansprache das Publikum nicht wie beim Fernsehen zur Masse verkommt. Manche Installationen laden den Betrachter als Individuum ein, so wie Gemälde das immer gemeint haben. Denken Sie an Caspar David Friedrich. Der hat diese Rückenfiguren in seine Bilder hineingenommen, weil er das Publikum damit besser in seine Bilder hineinführen konnte. Und heute funktioniert das buchstäblich. Manche Installationen sind ganz körperlich erlebbar, man kann hineingehen, beispielsweise bei Alicia Framis. Ihre „Comfortzone“ können Frauen als Beichtstuhl oder als Massageraum benutzen.

Wie kamen Sie auf überhaupt auf das Biennale-Motto „Empathie“, Anteilnahme? Haben Sie diesen Gedanken bei den Künstlern ausgemacht?
Es geht bei mir immer parallel. Der Kurator sollte schon die Zeit in den Griff kriegen, und zwar unter der Prämisse: Was verändert sich, was sind die neuen Parameter in der Kunst? Danach orientiert sich die Künstlerauswahl. Ein bisschen muss man das aber auch am Thema theoretisieren, weil es sonst nicht zu vermitteln wäre.

Kann man das Thema der Biennale auch ohne den theoretischen Kontext wahrnehmen?
Ich glaube nicht, dass es nur ein sprachliches, gedankliches Verständnis gibt. Ich hoffe zumindest, dass es auch eine sinnlich visuelle Wahrnehmung gibt. Unsere Rezeption hat damit zu tun, ob wir sensibel genug sind. Deshalb hat der Kurator als Vermittlungsinstanz eine Mitverantwortung.

Welche Aufgabe hat ein Kurator überhaupt: die Vollendung des Gesamtkunstwerks Ausstellung oder die Komposition?
Zur Komposition sage ich ja, wenn man die Künstlerliste beurteilt. Postfuhramt, S-Bahnbögen an der Jannowitz-Brücke und Treptowers als Module der Biennale zu komponieren, war allerdings keine einfache Aufgabe. Natürlich hat jeder Ort seine Atmosphäre. Ich habe versucht, jeder Arbeit ihr Klima zu erhalten, ohne die Stimmung des Ortes zu zerstören.

Eine Biennale funktioniert nicht allein ästhetisch. Sie kennen die Kritik, die Biennale würde als Marketingveranstaltung für den Berlin-Tourismus benutzt werden.
Wenn man das in Berlin so sieht, hätte man mir einen höheren Etat geben müssen. Ich empfinde das Marketing nicht als bösen Teufel. Es wäre doch toll, wenn Berlin als Kulturstadt alles täte, um die zeitgenössische Kunst als Marketinginstrument zu entdecken.

Ist das kritische Potenzial der Ausstellung nicht gefährdet, wenn die Kunstwerke wie Konsumartikel gesehen werden?
Kunst ist Kunst, wenn sie Einsichten vermittelt, und die können mitunter sehr traurig oder kritisch sein. Aber wir haben heutzutage keine Gegenideologie mehr, da leiden wir alle darunter. Das heißt nicht, dass kritische Kunst nicht mehr möglich wäre. Und wenn die „Superflex“-Leute aus Dänemark ihre eigenes Radioprogramm machen, dann ist das zumindest als Gegenöffentlichkeit interessant. Das ist die einzige Möglichkeit, die Künstler heute haben.





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