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07.06.2006 - Kultur&Medien / Kultur News
Franzobel: "Kirsche, Pille, Wuchtel, Leder... "
VON ANNE-CATHERINE SIMON UND WOLFGANG WIEDERSTEIN
Interview: Franzobel über Fußball- und Sprachspiele, Kicken als Kriegsersatz und den Iran als WM-Meister.

Die Presse: Kaum ein Autor schreibt so viel über Fußball wie Sie, jetzt gibt es wieder eine Textsammlung, "Der Schwalbenkönig" . . .

Franzobel: Die Sportberichterstattung in den Medien nimmt stetig zu, während die Kultur verschwindet, es ist also reine Notwehr. Und wenn eine Sache so omnipräsent ist, die größten architektonischen Bestrebungen nicht mehr im Kirchen-, sondern im Stadienbau liegen, Fußballer die berühmtesten Menschen sind - David Beckham ist wahrscheinlich bekannter als der neue Papst -, da muss man sich schon fragen, was die Welt dazu bringt, sich nur mit Fußball zu beschäftigen, anstatt mit vernünftigen, mit ernsthaften Dingen. Fußball ist die Ersatzreligion, aber auch Kriegsersatz. Früher haben die Dichter Odysseus oder die Artus-Ritter besungen, heute sind es Fußballer.

Nicht nur der Fußball wird heuer gefeiert. Freud, Franzobel, Fußball - wie hängt das zusammen?

Franzobel: Fußball hat wie Schreiben ein bisschen mit Talent, viel mit Fleiß und Selbstvertrauen zu tun. In meinen Texten spielt das Unterbewusste der Figuren, die Traumebene, eine wichtige Rolle. Das Unterbewusste des Fußballs neben den nationalen Klischees? Vielleicht wird das in Spielverläufen sichtbar. In Laufwegen? In Rückennummern einer Freistoß-Mauer? Manchmal hat man das Gefühl, dass sich das Schicksal offenbart. Auch Zwangshandlungen kann man sehen, Triebhaftes. Neurosen weniger. Aber schon möglich, dass sich im Fußball das Unterbewusste einer Nation offenbart. Oder wird es da - von den Kommentatoren - erst gemacht?

Was reizt den Sprachspieler am Fußballspiel?

Franzobel: Das Schönste sind die Interviews danach, da habe ich viele Sternstunden erlebt. Auch die Sprache der Kommentatoren ist interessant, es gibt sonderbare Ausdrücke: "Ins Loch spielen", "der freie Raum", "eng am Mann stehen" etc. Oder wie viele Begriffe es für Ball gibt: Kirsche, Pille, Wuchtel, Leder . . . Bei einem der letzten Mailandspiele sagte der Sprecher: Kaka kommt von hinten - Kaka ist ein Brasilianer.

Und wo ist die Komik des Spiels - wenn man nicht gerade Franzobels Strategie-Vorschläge befolgt, etwa extrem dicke Spieler zu nehmen, damit der Gegner den Ball nicht kriegt?

Franzobel: Komisch ist ein Fußballspiel kaum, höchstens dann, wenn ein Schiedsrichter niedergeschossen wird, was aber selten geschieht. Nicht einmal ein Tor von der Mittelauflage, wo der Ball von der Stange den Rücken des Torwarts trifft, von dort an den Fuß des zurückgeeilten Verteidigers, schließlich ins Netz rollt, ist komisch - allenfalls kurios. Fußball ist ernst, kontemplativ, aber völlig unwichtig.

Welcher WM-Spieler ist für Sie eine literarische Fundgrube?

Franzobel: Meine persönlichen Helden waren der schwedische Tormann Ronnie Hellström und der Italiener Bruno Conti, aber über beide habe ich kaum geschrieben. Manchmal sind die Namen schön: Gogo Golautschnig, Wenzel Halama, Yves Eigenrauch, Kurt Eigenstiller. Zum Schreiben inspirieren mich eher tragische Figuren, Gerd Müller etwa oder Daniel Escobar, der kolumbianische Verteidiger, den man erschossen hat, Heinrich Strasser, der 78 den entscheidenden Fehler gegen Italien machte, Jean-Marie Pfaff, der in Belgien eine eigene Sprache geprägt hat: Pfaff-Deutsch, klingt deutsch, ist aber völlig verdreht.

Reizt den Literaten eher eine Figur à la Beckham oder das "Genie" Ronaldinho?

Franzobel: Da geht es um Identifikationsmöglichkeiten. Im konkreten Fall finde ich den Sohn eines Londoner Gasinstallateurs spannender als einen Brasilianer, von dem ich nur weiß, dass er wunderbar kickt und einen seltsamen Mund hat. Allerdings ist interessant, dass es ihn und noch zwei Ronaldos gibt, wenn das Nancy Reagan wüsste . . .

Fußball ist ein Millionen-Geschäft. Wurde die Seele brutal verkauft?

Franzobel: Was wäre eine unverkaufte, reine Seele? Straßenkicker? Fetzenlaberl? Aber es stimmt, seit dem Bosman-Urteil (dass Profi-Fußballer in der EU nach Vertragsende ablösefrei den Verein wechseln dürfen, Anm.) haben die Vereine keine Identität mehr. Fußball ist auch die Sehnsucht der kleinen Leute, Geschichte mitzuerleben - und das geht nur mit gewachsenen Vereinen, nicht mit gekauften Legionärstruppen.

Welcher Mannschaft wünschen Sie den Sieg?

Franzobel: Mein Herz schlägt für alle Außenseiter und für Argentinien. Aber dem Iran wünsche ich den Sieg - weil Fußball so auch politisch etwas bewegen würde. Dann könnte der Westen die Iraner nicht mehr nur als Kugellager der Achse des Bösen darstellen. Und im Iran würde man sehen, dass man auch nach westlichen Kategorien Erfolg haben kann. Das Selbstbewusstsein der arabischen Welt wäre enorm gestärkt. Vielleicht ließen sich dann junge Männer zu Fußballern statt zu Selbstmordattentätern ausbilden? Eine Fußball-Infiltrierung fände statt wie einst mit Coca Cola und Mickey Mouse in Europa, was den Fundamentalismus schwächen würde. Also: Forza Iran!

Von Franz Stefan zu Franzobel

Seinen Künstlernamen hat der österreichische Autor Franz Stefan Griebl angeblich von einem Fußballspiel Frankreich gegen Belgien (Fran 2:0 Bel). Fußballbücher: "Mundial. Gebete an den Fußballgott" (Essay, Droschl 2002), "Der Schwalbenkönig" (Ritter Verlag, 2006).


 

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