Essl Museum Klosterneuburg zeigt "India Awakens.
Under the Banyan Tree"
Technologie und die globale Mythenwanderung
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Tarun Chhabras "Holi Celebrations" (2007) als Dokumentation eines
farbenprächtigen Festes. Foto: T. Chhabra
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Von Brigitte
Borchhardt-Birbaumer

Die zweite
Schau über indische Gegenwartskunst im Museum Essl weitet den Blick –
nach bekannten Namen des internationalen Marktes bei "Chalo! India" 2009
– auf die junge, im Westen und teils sogar am indischen Kunstmarkt noch
unbekannte "emerging artists"-Szene. Als solche entspricht sie dem
Prinzip einer Ausstellungsreihe und der Ankaufspolitik des Hauses: Die
neun Staaten, in denen durch die Expansion der Firma Bau-Max Kontakte
entstanden sind, werden nach Österreich gebracht.
Diesmal geht der Zuwachs der Sammlung mit "India Awakens. Under the
Banyan Tree" auch auf Europatournee. Förderung junger Talente auf
globaler Ebene gibt den staatlichen Institutionen jedenfalls einen
breiten Horizont vor.
Fokus auf Werke nicht auf Gender
Die Fragen, die dabei kritisch gestellt werden müssen, sind neben der
nach der "Indishness" und ihrem Gegenpol eines Schielens nach
internationalen Tendenzen natürlich die nach der Qualität der jungen
Positionen. Nationalität hin oder her, die Kuratorin, eine Professorin
und Spezialistin für indische Kunst der Gegenwart in Neu Delhi, Alka
Pande, hat inner- und außerhalb des Landes lebende Künstler in Fokus auf
die Werke und nicht auf Gender oder andere Aspekte ausgesucht. Trotzdem
sind Künstlerinnen in der Mehrzahl. Pande sieht sich damit jedoch nicht
als Feministin, aber das besondere Erwachen der modernen Kultur
schreibt sie in ihrem vielschichtigen Land den Frauen zu. Neue
Rollenspiele weg von der patriarchalischen Grundstruktur sind trotzdem
kein dominantes Thema. Remen Chopra etwa fragt viel mehr nach dem
Schleier als traditioneller religiöser Ver- und Enthüllung einer
heiligen Mutter, die Jahrtausende alt ist.
Damit spricht sie mit ihrer auf ein sensibles Licht- und
Schattenspiel konzentrierten Installation eine gemeinsame Prähistorie
an, die tatsächlich global in Schöpfungsmythen vorhanden ist. Zudem
verknüpft sie Theater mit skulpturalen und zeichnerischen Elementen zu
einer neuen Raumbühne. In der ist immer noch das Spiel mit der
Transparenz durch Licht einer Wandzeichnung aus urgeschichtlichen Höhlen
in Ost und West ähnlich, sozusagen als kollektives Gedächtnis. Also
weder speziell Indisches noch ein Schielen auf den nur mehr theoretisch
westlich dominierten Kunstmarkt. Denn dieses Land mit derartigem
Aufschwung hat längst einen eigenen Kunstmarkt, der allerdings mit
multiplen Identitäten, mit tausenden von Göttern und Mythen sowie fünf
Religionen konfrontiert ist; ein eigener Kontinent für sich zwischen
Tradition und Moderne.
Das Nomadische, Reisen und beschleunigte Veränderung als Thema, ist
denn auch kein indisches Thema mehr. Und wieder könnte auch hier der
Blick in eine gemeinsame Kunst der Urgeschichte gerichtet werden,
nämlich über die traditionellen Handwerkstechniken. Sie werden
künstlerisch genauso konzeptuell "verbraten" wie die Fotografie, die ja
nun wirklich als die einzige westliche Erfindung unter den
künstlerischen Techniken genannt werden kann.
Ein Straßenkind wird zu Gott Shiva
Tarun Chhabra dokumentiert heilige Riten und das Schminken eines
Straßenkindes als Gott Shiva als großen Farbrausch, die Arbeit eines
Webers in Schwarzweiß – er bereist dafür sein Land quer durch alle 31
Staaten.
Ayesha Kapur lenkt ihren Kamerafokus besonders nach Bollywood, da
gerade die kommerzialisierte Filmindustrie eine globale Entwicklung ist.
Global heißt kapitalistisch: Das Lotusblatt aus Dollarscheinen und
Wassertropfen als Rupien, was nach weiblich anmutender Textilarbeit
aussieht und inhaltlich der Natur verpflichtetes scheint, ist Malerei
Siri Khandavillis über collagiertes Geld. Sonia Mehra Chawlas
Jahreszeitenzyklus als Mythos des Seepferdchens ist eine "individuelle
Mythologie", die aus urbaner Verfremdung kommt. Bleibt der im
Ausstellungstitel beschworene Glücksbaum, den Manisha Jha als Serie von
"Feminine Trees" in traditioneller "Mathila"-Malerei ausführt. Frauen
malten so für Hochzeiten und traditionelle Feste.
Ähnlich Nancy Spero versucht die Künstlerin nun eine Geschichte der
indischen Frau samt Witwen und Wäscherinnen am Benares als Antwort auf
die männerdominierte hierarchische indische Gesellschaft zu fixieren.
Ausstellung
India Awakens. Under the Banyan Tree
Alka Pande,
Anna Szöke (Kuratorinnen)
Museum Essl
bis 27. Februar
Printausgabe vom Freitag, 26.
November 2010
Online seit: Donnerstag, 25. November 2010 16:56:00
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