TBA 21 und Wiener Festwochen präsentieren das jüngste Projekt des libanesischen Künstlers Walid Raad
Wie der Spiegel im Vampirfilm
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Walid Raad zeigt, was nicht mehr da zu sein scheint nach
Extremsituationen – das muss nicht immer Krieg sein. Die Installation
ist in der Wiener Schau zu sehen. Foto: Walid Raad / Galerie
Sfeir-Semler (Beirut/Hamburg)
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Von Manisha Jothady

In arabischen Ländern entwickelt sich der Kunstmarkt erstaunlich schnell.

Ein Gespräch über Krieg und Kunst, über Trauma und Tradition.
Walid
Raad wurde 1967 in Chbanieh, Libanon, geboren. Sein Schaffen umfasst
Fotografien, Textanalysen, Videos und Performances. Bekannt wurde er mit
"The Atlas Group", einer Stiftung, welche die traumatischen Ereignisse
der Bürgerkriege in seiner Heimat sowie deren Fortschreibung in der
Gegenwart erforscht und dokumentiert. Zum Archiv von "The Atlas Group"
zählen gefundene als auch vom Künstler kreierte Zeugnisse. Raad
hinterfragt wie Geschichte erfahren, gezeigt und erzählt werden kann.
Im März wurde ihm der mit 113.000 Euro dotierte Hasselblad-Preis für
Fotografie verliehen. Sein aktuelles Projekt im Rahmen der Wiener
Festwochen feiert heute erstmals Premiere im deutschsprachigen Raum
"Wiener Zeitung": Sie sind im Libanon während
des Bürgerkrieges aufgewachsen. Wollten Sie als Künstler immer schon die
politische Situation des Landes dokumentieren?
Walid Raad: Meine ersten Fotografien habe ich als
15-Jähriger während des Bürgerkrieges gemacht. Als Teenager habe ich
mich vor allem für die technischen Möglichkeiten interessiert. Die
Auswirkungen des Kriegs mittels Fotografie zu dokumentieren, kam mir
damals noch nicht in den Sinn. Erst während meines Studiums in den USA
habe ich über das Fotografieren als künstlerisch-dokumentarische Praxis
und die Geschichte des Libanons nachzudenken begonnen.
Im Vorjahr zeigten Sie in ihrer ersten Solopräsentation in
Österreich – bei Camera Austria in Graz – Fotos aus der Serie "Sweet
Talk: Commissions (Beirut)": Bilder von zerstörten Gebäuden entlang der
ehemaligen Green Line, die Ost- und Westbeirut getrennt hat, sowie
urbane Alltagsszenen. Was bewog Sie zu diesen Aufnahmen?
Das Ende der Libanonkriege im Jahr 1989 war prägend für dieses
fortlaufende Projekt, das ich Ende der 1980er begann. Es war
faszinierend, plötzlich mit einer Kamera durch eine Stadt gehen zu
können, die vorher getrennt war, in der jedes Viertel von einer anderen
Gruppe kontrolliert wurde und insgesamt ein immens hohes Misstrauen
herrschte. Sobald man mit dem Fotoapparat unterwegs war, wurde man in
eine Schublade gesteckt: Man war entweder vom Nachrichtendienst, vom
Militär oder wurde als Spion verdächtigt. Und obwohl es nach den Kriegen
keine Straßenblockaden und keine Restriktionen durch das Militär mehr
gab, wurde ich das Gefühl nicht los, mich in verbotenen Zonen zu
bewegen. Viele der in Graz ausgestellten Fotos zeigten Gebiete, in denen
die intensivsten Kämpfe stattgefunden haben. Ich empfand eine dringende
Notwendigkeit, all das zu fotografieren, da ich wusste, dass es diese
Ansichten bald nicht mehr geben würde. Denn nach dem Krieg wichen der
Zerstörung nach und nach mehr Gebäude. Plötzlich wurde man als Fotograf
auch nicht mehr verdächtigt, sondern gefragt, ob man für ein
Architekturbüro oder eine Immobilienfirma arbeite. Die Stadt war nun
offen für seine Bürger. Aber noch lange Zeit danach galt es, die vormals
physischen Barrieren auch psychologisch zu überwinden.
Sehen Sie sich als politischer Künstler?
Als Künstler geht es mir vor allem um Formen, Linien, Farben oder
Konturen. Ich sehe die Dinge zudem nicht so getrennt – da die Kunst,
dort die Politik. Kunst ist für mich nicht etwas, das Politik
repräsentieren muss. Vielmehr interessiert mich, wie politische,
ökonomische, emotionale oder welche Extremsituationen auch immer
Möglichkeiten für künstlerische Konzepte, neue Formen und neue
Denkansätze eröffnen. Krieg ist so eine Extremsituation, aber auch
Liebe. Politische Kunst operiert ja mitunter mit den Mitteln der
Demontage bestimmter Ideologien. Ich denke, dass bestimmte Verhältnisse
weitaus komplexer sind und deshalb andere Formen der Auseinandersetzung
einfordern. Meine Arbeit basiert auf Fakten, wobei ich Fiktionen auf
einer ebenso realen Ebene ansiedle wie wirkliche Begebenheiten.
Auf der Verschränkung von Realität und Fiktion bauen auch die
Arbeiten von "The Atlas Group" auf, jenem Label, unter dem Ihre Arbeiten
bekannt wurden.
Das Grundkonzept von "The Atlas Group" bezieht sich auf das durch den
Krieg verursachte Trauma, auf die Tatsache, dass bestimmte Dinge
erlebt, aber nicht verarbeitet wurden und auf die hysterischen Symptome,
die durch Verdrängung entstehen. Mich hat interessiert, ob all das auf
kultureller Ebene sichtbar ist. "The Atlas Group" lässt sich in gewisser
Weise als Archiv von Spuren der Verdrängung verstehen.
Wie kann man sich die gegenwärtige zeitgenössische Kunstszene im Libanon vorstellen?
Sehr energiegeladen, sehr organisch. Nach dem Krieg entwickelten sich
einige nicht vom Staat subventionierte, nicht-kommerzielle
Organisationen, die ohne festen Standort operierten. Das hat sich in den
letzten fünf, sechs Jahren verändert. Galerien und Kunstinstitutionen
haben sich etabliert, die Kunstuniversitäten sind besser strukturiert.
Aktuell erlebt die Szene einen erneuten Wandel, der aber nicht nur im
Libanon, sondern auch andernorts feststellbar ist. Kunst und Kultur
werden verstärkt als ökonomisches, touristisches Modell wahrgenommen, in
demokratischen Staaten ebenso wie in nicht-demokratischen, in
Krisengebieten ebenso wie in stabilen Regionen.
Ein Effekt der Globalisierung. Das finanzielle Engagement des
Westens, die relativ jungen Szenen des Mittleren Ostens zu fördern, wird
mitunter als neokolonialer Habitus empfunden. Wie sehen Sie das?
Es ist vielmehr das Geld der arabischen Länder, das in Projekte wie
die Art Dubai oder die Sharjah Biennale fließt. Dabei stützt man sich
auf westliche Expertisen. Kunst als Teil innerhalb der wirtschaftlichen
Maschinerie ist ja nichts Neues. In Bezug auf die arabischen Länder ist
allerdings die Geschwindigkeit, in der sich der Kunstmarkt entwickelte,
erstaunlich. Viele Regionen der arabischen Welt hatten schon immer
Infrastrukturen für Kunst, die nun einen Transformationsprozess
durchlaufen. Es ist interessant zu beobachten, wie die alten und neuen
Strukturen einander bedingen oder auch ausschließen. Abgesehen davon
sind die Voraussetzungen in Katar oder Abu Dhabi ganz andere als etwa in
Kairo, das schon lange eine aktive Kunstszene hat. Es geht um weit mehr
als darum, Stararchitekten für den Bau neuer Museen zu gewinnen.
Einfach zu sagen, all das diene nur ausbeuterischen Interessen, wäre zu
simpel. Viel wesentlicher ist doch die konstruktive und ernsthafte
Auseinandersetzung mit der Kunst und den Traditionen der jeweiligen
Regionen. Und diese findet von westlicher Seite genauso statt wie von
arabischer.
Ihr aktuelles Projekt in Wien trägt den Titel "An Dingen rühren,
die ich verleugnen könnte: Eine Geschichte der Kunst in der arabischen
Welt". Lässt sich die Kunst aus den so unterschiedlichen Regionen über
einen Kamm scheren? Ist das nicht ein problematisches Unterfangen?
Ich bin mir der unterschiedlichen Geschichten – nicht nur der
arabischen Länder – bewusst, weshalb es in dem Projekt auch gar nicht
darum gehen kann. Mich interessiert hier vielmehr die Frage, wie man die
Geschichte von etwas schreibt, das physisch intakt, aber nicht sichtbar
ist. Der libanesische Autor, Filmtheoretiker und Künstler Jalal Toufic
spricht vom Rückzug von Tradition nach einer unvergleichlichen
Katastrophe. Er stellt die Frage, ob es bestimmte Ereignisse gibt, die
Kulturen auf eine uns bislang unbekannte Weise in Mitleidenschaft
ziehen. Als Künstler kann man nach einer übermächtigen Katastrophe das
Entzogene entweder wieder aufleben lassen oder den Entzug enthüllen. Die
Kunst fungiert dabei wie der Spiegel im Vampirfilm: Sie zeigt den
Entzug dessen, was wir noch immer für anwesend halten. Darum geht es
hier.
Information
Walid Raad: "Scratching on Things I Could Disavow. A History of Art in the Arab World":
26. Mai bis 15. Juni, TB A21,
Premiere der Performance: 26. Mai Ausstellungsrundgänge mit dem Künstler: 26. – 28. Mai, 7. – 12. Juni (18 Uhr)
Gespräch: In Absentia/Walid Raad und Jalal Toufic:
27. Mai, 16 Uhr, TB A21
Printausgabe vom Donnerstag, 26. Mai 2011
Online seit: Mittwoch, 25. Mai 2011 19:24:14