| Die Kunst der Selbstvermarktung | |
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Faxen mit Tiefgang, urteilte die deutsche Presse über das
österreichische Kunstquartett Gelatin. Ihr Expo-Beitrag für die
Kunstausstellung "In Between" erregte einiges Aufsehen.
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Auf seltsame Weise funktioniert das
Betriebssystem Kunst. Einerseits geht es um das Persönliche und
Individuelle, andererseits sind schillernde Markenzeichen nötig, um sich
im Medienbetrieb zu etablieren. Abseits des herkömmlichen Galerie- und Ausstellungsbetriebs formierten
sich in den 90er Jahren Produktions-Gruppen und versuchten es mit Namen
wie G.R.A.M., Rasmus Knuth, You Never Know. Oder noch klingender: das
Label Sabotage, Monochrom und eben: Gelatin - ein Künstlerquartett, das
ähnlich wie die Pop-Gruppe "Take That" als Boygroup der bildenden Kunst
gehandelt wird. Die Rede ist also von vier Männern - Mitte dreißig, schlank und
fotogen, wie man verschiedensten Bildern auf der Homepage von Gelatin
entnehmen kann. Da posieren Gelatin nackt vor der Kamera. Florian Reiter,
Ali Janka, Wolfgang Gantner und Tobias Urban präsentieren sich keineswegs
als schöngeistige Aktmodelle, sondern frech an der Grenze zum
Pornografischen. Immer wieder geht es um einen Schuss Provokation, um wildes, fast
aktionistisches Auftreten und um den Körper: Nicht immer um den eigenen.
Gelatin jagen ihr Publikum in extreme Situationen, wirbeln Zuschauer in
einem Hühnerstall durcheinander, lassen Galeriebesucher durch düstere
Röhren schlüpfen oder laden dazu ein, durch einen Unterwassertunnel zu
tauchen, wie jetzt auf der EXPO 2000 in Hannover. Rückblende Im letzten Jahr in Los Angeles errichteten Gelatin an der Außenwand des
zum Wiener MAK gehörigen Schindler House einen "Human Elevator", einen
"Menschenaufzug". Florian Reiter, auf Grund seiner Größe so etwas wie der
Frontman von Gelatin: " Das war ein Aufzug, der aus Bodybuildern bestanden
hat. Die sind in einer Gerüstkonstruktion gestanden und haben Leute aufs
Dach gehoben. Und das ist erstaunlich schnell gegangen. In drei Sekunden
war man am Dach. Die Leute waren hellauf begeistert." Selbst für Insider, die einiges gewöhnt sind, eine ungewöhnliche
Aktion. Vor Jahren noch hätte man gesagt, Gelatin gehören zur
"Spaßfraktion". Doch die Aktionen sind stets präzise durchchoreografiert.
Im Jahr 1993, als die Gruppe - noch namenlos - als lose zusammenhängender
Freundeskreis auftrat, inszenierte sie in einer Turnhalle in Krems einen
nächtlichen Boxkampf. In diesem frostigen Winter wurde die Halle mit
riesigen Heizkanonen angewärmt und unterstützt von schweren Breakbeats aus
einer Verstärkeranlage im Hintergrund wurde im Ring um Leib und Leben
gekämpft. Ein tranceartiges Erlebnis. Theater so lebensecht, dass man sich
in ein amerikanisch anmutendes Szenario versetzt fühlte. Partisanen oder Konzeptkünstler? Die Beschreibung solcher Aktionen ließe sich fortsetzen wie eine Liste
schalkhafter Episoden von ein paar Außenseitern der Kunst. Etwa eine
Autofahrt durch die mexikanische Wüste, während der ein Straßenkreuzer mit
diversesten Fundstücken beladen wurde, ein Skulpturenpark aus Altmöbel im
Hof des PS1 in New York oder höchst spektakulär: eine fast illegale Aktion
im World Trade Center, wo Gelatin unerlaubterweise eines der Glasfenster
ihres Appartements abmontierten und kurzfristig einen Holzbalkon
installierten. Immer wieder ist man mit der Frage konfrontiert:
Partisanentum oder Konzept? Spontanes Aufrühren der Verhältnisse oder
wohlbedachte Arbeit. Glückliche Hühner Die in Wien wahrscheinlich bekannteste Gelatin-Aktion ging im Rahmen
des Festwochen-Projektes Wahlverwandtschaften 1999 über die Bühne und hieß -
spanisch - "Pollo Feliz", also "das glückliche Huhn". Das Konzept dafür
entwickelte sich aus einer Kombination von Reiseerinnerungen und
Situationsanalyse. Kurz zuvor nämlich, auf der erwähnten Fahrt durch Mexiko, stießen die
Gelatin-Boys in den Dörfern immer wieder auf die dort gebräuchlichen
Glücks-Eier, auf folkloristisch bemalte und mit Konfetti gefüllte Eier,
die auf Festen herum geworfen werden. Auffallend in Mexiko war aber auch
eine an den Straßen gelegene Fast-Food-Kette namens "Pollo Feliz".
Subtile Komplexität Was bloß nach effektgeladener Show aussieht, offenbart sich vor dem
Rasterblick der Theorie schon ein wenig komplexer. Stets wird je nach
örtlichen Gegebenheiten ein bühnenartiges Environment konzipiert. Hinzu
kommt ein Performance-ähnlicher Auftritt der Truppe Gelatin. Entweder als
direkt teilnehmende Darstellende oder als witzig-nihilistisch posierende
Kunststars. Je nach Gegebenheit werden Materialien zu scheinbar improvisierten
Aufbauten collageartig zusammengefügt. Diese Mischung aus Aktionismus und
Installation wird dann gewürzt mit schillerndem Pop-Appeal. Das scheint
für das Publikum der Anreiz zu sein mitzumachen, sich eintunken zu lassen
oder gar auf Tauchstation zu gehen, wie jetzt auf der EXPO. In Between Neben einem gluckernden "Schlürfbrunnen", den Gelatin für die
Gestaltung eines Platzes in der niederösterreichischen Gemeinde Staatz als
Kunstwerk im öffentlichen Raum entworfen haben, gibt es in Hannover eine
der wenigen länger sichtbaren Arbeiten. Genauer gesagt handelt es sich um
eine fast unsichtbare Installation. Weltwunder heißt dieses Ding: Ein kleines, rundes
Schwimmbecken, eingelassen in eine der Rasenflächen zwischen den
monumentalen Ausstellungshallen. Wer es wagt, in die Tiefe zu tauchen,
gelangt in eine Unterwasser-Röhre, die in einen kommoden unterirdischen
Raum führt. "Es geht um extreme Überwindung, dass man darauf vertraut
vorzufinden, was einem erzählt wurde", so Florian Reiter. Und "In
Between"-Kurator Kaspar König lobte: "Das ist ein totales Gegensteuern
gegen den Terror der Medien".
Die geschickte Inszenierung wurde zur Mediensensation in Hannover.
Bereits in den Tagen vor der EXPO-Eröffnung waren Fernsehkameras und
Fotoapparate auf die unscheinbare Wasseroberfläche gerichtet, und in
EXPO-Zeitungsberichten wurden Spekulationen über das Unterwassergeheimnis
dieser aufwendigen Installation angestellt. Doch was es da zu sehen und
erleben gibt, will niemand so recht sagen. Der Norddeutsche Rundfunk
reiste sogar mit einer eigens engagierten Taucherin an. Was sich hinter
dem "Weltwunder" tatsächlich verbirgt, das wird auch an dieser Stelle
nicht verraten. Tipp: Am 17. Juni ist bei der Expo in Hannover Österreich-Tag. | ||||||