Salzburger Nachrichten am 10. Mai 2006 - Bereich: Kultur
"Zielscheibengefühl"

Bevor "Kontracom" als Salzburger Festival für zeitgenössische Kunst beginnt, haben Proteste ein erschreckendes Niveau erreicht.

Salzburg (SN-bef, hkk, heba). Bevor "Kontracom" am kommenden Freitag in der Salzburger Altstadt eröffnet wird, werden Verantwortliche immer öfter und heftiger von Gegnern dieser Projekte von Kunst im öffentlichen Raum beschimpft und auf offener Straße angepöbelt.

Inga Horny, Geschäftsführerin der Innenstadtgenossenschaft, die "Kontracom" mit 450.000 Euro subventioniert, schildert Spaziergänge durch die Stadt so: "Es gab in den letzten Tagen Situationen, da kam ich mir wie eine Jüdin im Dritten Reich vor. Derart angefeindet und beschimpft wurde ich."

Für den Mirabellgarten hat Hans Schabus, der 2005 Österreichs Pavillon bei der Biennale in Venedig gestaltet hat, einen "Bauzaun" (siehe Bild oben) entworfen. Dem dort tätigen Zimmermeister wurde gesagt: "Ihr gehört ins Arbeitslager."

Verantwortliche und Mitarbeiter für "Kontracom" verweigern Interviews für die Zeitung, und begründen dies mit der Angst, bei öffentlicher Nennung noch mehr Anfeindungen hinnehmen zu müssen.

Inge Brodil vom Büro "Mozart 2006", das "Kontracom" veranstaltet, bestätigte den SN, dass es täglich "Schimpfanrufe" gebe, Sekretärinnen würden beflegelt. Die meisten Anrufer ließen einen nicht einmal zu Wort kommen, wollten keine Argumente hören oder über Ideen der Künstler informiert werden. Oft seien es "Beschimpfungen unter der Gürtellinie", sagte Brodil. Auch sie sei auf der Straße "persönlichen Anfeindungen" ausgesetzt.

Es gebe auch freundliche Anrufe, etwa Lob für "das Interessanteste, was es im Mozartjahr gibt". Doch diese Aufmunterungen seien "nicht in der Überzahl", sagt Brodil.

Das Festival "Kontracom" sollte Salzburgs zeitgenössischer Beitrag für das Mozartjahr sein. Es wird am Freitag mit zehn Interventionen (siehe Bilder) eröffnet. Kurator für die bildende Kunst ist Max Hollein, Direktor der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt. Für das Musikprogramm ab 2. Juni ist Tomas Zierhofer-Kin zuständig. "Kontracom" wird von Stadt und Land Salzburg und der Innenstadtgenossenschaft mit 1,35 Mill. Euro subventioniert.

Derartige Anfeindungen sind in der Kunst nicht erstmalig. Claus Peymann, damals Burgtheaterdirektor, beschrieb es als "Zielscheibengefühl", als er Mitte der 90er Jahre in Briefen körperlich bedroht wurde. Angestachelt durch eine Plakatkampagne der FPÖ ("Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peyman, Pasternak... oder Kunst und Kultur?") geriet er ins Fadenkreuz.

Jüngstes Beispiel in Salzburg war das Projekt "Er-Lösung" der ARGE Kultur, eine Glaubensprozession, die heuer für Karfreitag geplant, doch kurz davor wegen der Proteste abgesagt wurde. "Schlagt den Marcus Hank (künstlerischer Leiter der ARGE, Anm.) ans Kreuz und stellt ihn am Residenzplatz aus", verlangte deswegen ein anonymer Absender im Chatroom des ORF.

Erinnert sei an Proteste wegen Anton Thuswaldners "Einkaufswagerl" um das Mozartdenkmal und des ummantelten Mozartstegs.

Groß war 1987 die Aufregung um George Taboris Inszenierung von "Buch mit sieben Siegeln". Damals schrieb "Krone"-Kolumnist Staberl: "Herr Tabori, ein reichlich unappetitlich anmutender Mensch."

Allerdings dürften die Zeiten für die Kunst härter werden. Immer größer werde die "Allianz der Moralapostel, die nach dem Staat ruft: Das muss verboten werden!", berichtet der Karikaturist Gerhard Haderer, der 2002 mit dem Buch "Das Leben des Jesus" Widerstand erlebte. Damals sei er in Telefonaten und auf Flugblättern persönlich bedroht worden. Nach der ersten Welle habe er gedacht, dass sei bloß eine Randgruppe, die "mit solchen Geschützen auffährt", erzählte Haderer den SN. Mittlerweile habe er den Eindruck, derartige Aggression komme von "einer großen Anzahl von Österreichern".