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| Was kostet eine Landmark? Im Flügelschlag des Titanen: Endrunde der Sanierung der Wiener Albertina, Spatenstich für Holleins neuen Eingangsbereich WIEN, im Juni Leider hat es geregnet. Sonst hätte es ein typischer Wiener Glücksmoment werden können, jener Augenblick, als die geladenen Zelebritäten, darunter die Bundesministerin für Wissenschaft, der vitale neue Museumsdirektor, der berühmte Architekt und der nun berühmt werdende Sponsor die weißen Schutzhelme aufsetzten, tapfer die messingfarbenen Spaten packten, heraustraten aus dem schützenden Zelt in den unfreundlichen Niesel und die Spaten in den nassen Sand rammten, für die Presse strahlend lächelnd, selbstverständlich. Kein Grundstein, sondern der Schlußstein, vielmehr die Perle, die "dem Ring den Glanz verleiht", hatte zuvor der neue vitale Museumsdirektor Klaus Albrecht Schröder verkündet, wie immer ein klein bißchen zu dick aufgetragen, wie immer ein klein bißchen zu sehr begeisterte Werbesprache, die aus der in Wien seit Jahrhunderten gepflogenen atmosphärischen Balance herausragt wie bald der neue "Soravia-Wing" aus der vertrauten Silhouette der Albertina. Das Wort "landmark" ist in Wien jüngst sehr in Mode gekommen; das Fehlen solcher "landmarks" beklagt jeder, der die (über den Denkmalschutz hinausgehende) Stadtplanung zu Recht des jahrzehntelangen Tiefschlafs zeiht. Vor dem neuen Museumsquartier hat Volkes Stimme, also die "Kronen Zeitung", erfolgreich eine solche "landmark" verhindert; post festum jammert Wien, daß das Quartier nicht auch von außen so neu aussieht wie von innen. Nachdem das Museumsquartier zum Leidwesen der Berichterstatter praktisch das ganze Vorjahr hindurch quasi ununterbrochen eröffnet hat, versucht nun unübersehbar die Albertina dem "MQ" den Rang "meistbesprochenes Museum der Stadt" abzulaufen. Irgend jemand hat es kürzlich wieder gezählt: Angeblich hat Wien auf zwei Quadratkilometern mehr Museen als ganz Paris. Da hat, verständlich, jeder Direktor die vornehmste Pflicht, durch professionelles Wellenschlagen die Öffentlichkeit von der Wichtigkeit gerade seiner Institution zu überzeugen. Und weil sich Wien seit je gegen den unfreundlichen Vorwurf wehrt, weniger Stadt denn als Ganzes ein Freiluftmuseum zu sein, versucht man hier, in einer Hauptstadt der Museen, die beiden Begriffe Museum und Modernität angestrengt zusammenzuführen. Das aber beschert nun der Albertina, bislang durch ihre die Jahrhunderte überdauernde, konzentrierte Langsamkeit bekannt, eine moderne "landmark": einen zart schwebenden Flügel aus Titan, geschaffen von Hans Hollein, der bereits auf dem Dach des Haas-Hauses am Stephansplatz eine Vorliebe für etwas erkennen ließ, das die Wiener dort "Sprungbrett" nannten. Boshaft hat Holleins Kollege Gustav Peichl dieses Flugdach schon "neue Tankstelle" genannt, wie auch immer, es ist die horizontale Flagge, die auf die "neue Eingangssituation" hinweisen wird. Was für ein Glück, daß die "neue Eingangssituation" gleichzeitig auch die alte ist, die historische nämlich. Nach einem katastrophalen Bombentreffer im Jahr 1945 wurde die Auffahrtsrampe auf die Bastei (das Palais steht auf einem letzten Rest der Wiener Stadtmauer) einfach weggerissen, der alte Haupteingang hinter dem Reiterstandbild des Gründers Albert von Sachsen-Teschen wurde sinnlos und nur zu einem Ort für Liebespaare, man betrat die Albertina seither durch einen Seiteneingang, also im ursprünglichen Kellerniveau. Holleins Entwurf macht das wieder gut. Bald wird der Rampenrest, dort, wo die Zelebritäten nun schon fotogen zu graben begannen, durchstochen, Aufzüge und Rolltreppen werden wieder zum alten, neuen, zum eigentlichen Vordereingang führen, darüber schwebend der Titanenflügel, in der Nacht beleuchtet. Der Spatenstich für den Abschluß der gigantischen Bauarbeiten wurde auch deshalb so erfreut begangen, weil er von Privatsponsoren bezahlt und anschließend der Republik geschenkt wird, deshalb wird Holleins Flügel nach seinen Spendern "Soravia-Wing" heißen. Das alles hat Klaus Albrecht Schröder geschafft. Schröder rührig zu nennen wäre eine Untertreibung. Er ist ein moderner Kunstmanager, der mit seinem raubtierhaften Kosmopoliten- und Expertentum träge Wiener Strukturen aufgeschreckt und ihnen eine Mischung aus Lust und Gruseln verschafft hat. Deshalb wohl setzte ihm die Ministerin so liebevoll-mütterlich den Schutzhelm auf. Dem Mann, der in einem Atemzug von Holleins Architektur, seinen eigenen Macherqualitäten und den historischen Wandbespannungen in den Prunkräumen schwärmen kann, während er verträumt eine der Musen aus dem Zyklus von Josef Klieber streichelt, ist es gelungen, in großem Stil private Sponsoren (neben der Soravia-Gruppe etwa die liechtensteinische Stiftung "Propter Homines") für die gigantische Generalsanierung der jahrzehntelang vernachlässigten Albertina aufzutreiben. Schröder macht es nicht unter dem Maximum, deshalb wird das vierundzwanzigkarätige Albertina-Gold wieder aufgetragen, deshalb werden die Wandbespannungen nach historischen Vorlagen neu gewebt, die Kristallüster gratis von Swarovski renoviert, deshalb führt er alte Damen zum Essen aus, die anschließend anonym große Summen spenden. Kein Stein bleibt in der Albertina auf dem anderen, soviel ist klar. Die weltbekannte, traditionsreiche graphische Sammlung, die auch bedeutende Foto- und Architekturbestände beherbergt, wird nach ihrer Neueröffnung im März nächsten Jahres nach allen Regeln moderner Managerkunst vermarktet werden. Um die Quote wird es gehen, wie überall, auch wenn Puristen zürnen, die den kunsthistorisch-wissenschaftlich wegweisenden Ausstellungen unter Schröders Vorgänger Konrad Oberhuber nachtrauern. Schröder, der ja fast alles, aber kein ausgewiesener Fachmann für graphische Arbeiten ist, plant "immer drei Ausstellungen gleichzeitig", plant Munch, plant eine große Dürer-Schau, plant eine "Geschichte der Obszönität". Er spricht davon, daß graphische Sammlungen heute nicht mehr wahrgenommen würden, weil "Zeichnungen klein und unbunt sind - das Publikum nimmt sie nicht mehr an. Aber wir sind ja viel mehr als eine graphische Sammlung". Viel mehr als eine graphische Sammlung, ja - nämlich die nächste "landmark" auf dem Wiener Museumssektor. EVA MENASSE Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.06.2002, Nr. 139 / Seite 49 © Frankfurter Allgemeine Zeitung 2001 All rights reserved. Reproduction in whole or in part is prohibited. |