diepresse.com
zurück | drucken
29.11.2002 - Ausstellung
Wandern ist des Künstlers Lust
"No walk, no art": Hamish Fulton ist ein großer, stiller Wanderer unter den Künstlern. Die Bawag Foundation zeigt in Wien neue Arbeiten.
VON ISABELLA MARBOE


Von Bilbao bis Rotterdam, durch Australien, Island, Lappland, Alaska: Tausende Meilen in über 24 Ländern hat der Konzeptkünstler Hamish Fulton in den Füßen. Er wanderte durch extreme Naturregionen, entlang asphaltierter Straßen oder Highways. 1973 legte er in 47 Tagen 1022 Meilen zurück. Damals beschloß er, "nur mehr Kunst zu machen, die aus der Erfahrung individuellen Gehens entsteht."

Für die Bawag Foundation konzipierte Fulton Wandmalereien, ebenso vergänglich wie das Wandern. Die Arbeiten reagieren auf den Raum, fordern auf, sie entlangzuschreiten. Der Schriftzug "continuing one hundred thousand paces" bedeckt die Längswand, "walking on country roads and paths Kent England 27 March 1994," steht in großen, roten Lettern darunter. Fulton nutzt die anonyme Werbetypographie, um individuelle Erfahrung in allgemeine Formensprache zu transformieren.

Erlebtes schimmert zwischen den Lettern: "Slow, Heat, Dove, Wind". Wie Tagebuchextrakte lesen sich die Worte in einer Spalte, daneben: "Shade, Binds, Drift, Trail". Vier Lettern bilden die erste Spalte, fünf die zweite, sechs die dritte. Fulton erzeugt einen Rhythmus, der an die Regelmäßigkeit aneinandergesetzter Schritte denken lässt. Lesend kann man zwischen Worten wandern, neue Verbindungen herstellen, lang verweilen oder sie rasch überfliegen. Die abschließende Zeile deutet auf den Ursprung: vierzehn Tage Wandern, vierzehn Tage campen in der Chihuahuan Wüste in Texas, Mai 1997. Für einen Straßenmarsch wählte Fulton Digitalschrift: wieder ein Verweis. Wie sich seine Arbeit erschließt, entspricht der Wahrnehmung beim Gehen.

Im Untergeschoß sind kleine Zeichnungen zu sehen, die Fultons behutsamen Umgang mit Natur zeigen. Er ist kein Land-Artist, der Gewachsenem seinen Stempel aufdrücken muß. Er zeichnet den Umriß eines Steins auf Japanpapier und legt den Stein dann wieder zurück.

Als Weg zu Selbsterkenntnis und spiritueller Erfahrung hat der weite Fußmarsch jahrhundertelange Tradition. Griechische Philosophen, Dichter und Pilgermönche wußten um die reinigende Wirkung des Gehens, Hamish Fulton wandelt in ihren Spuren. "Der körperliche Einsatz macht einen empfänglich. Ich wandere durch das Land, um mit der Natur zu verwachsen. Wanderungen haben einen praktischen und keinen theoretischen Charakter." Fultons Arbeit ist geprägt von Klarheit, Reduktion - wonach auch die Menschen seit Jahrhunderten wandernd suchen.

Bis 2. Februar 2003, täglich 10 bis 18 Uhr. Führungen: Sa., So. 15 Uhr.



© Die Presse | Wien