Nicht der Adler, sondern ein Fertigteilhaus,
das Erwin Wurm zum Kunstwerk erhebt, ist verkehrt am Dach des Museums
gelandet. "House Attack" ist kein Untergangsszenario, das Häuschen hat
Vorhänge und Blumentröge, ist schlicht ein Symbol ganz normaler
Kleinkariertheit – oder doch nicht? Bis in die Ebene 8 haben es auch
ein mit rotem Kunststoff aufgefetteter Porsche und ein mittig
abgerundeter VW-Bus geschafft, der mit jeder Achse in eine andere
Richtung fährt.
Die Ausstellung "Erwin Wurm. Keep a Cool
Head" hat neben drei Ebenen im Inneren auch die Fassade und eigentlich
den ganzen Hof des Museumsquartiers in Beschlag genommen. Blickt man
über die österreichischen Grenzen hinaus, zeigt sich, dass diese
Ausmaße und auch der Aufwand der Schau berechtigt sind. Vom Pariser
Centre Pompidou über die Tate Modern in London bis ins Moma in New York
– überall ist Wurm präsent. Vielleicht ist er längst der bekannteste
und erfolgreichste Künstler unseres Landes.
Auf Händen getragen
Als Student lauschte er an der Angewandten den Aussagen Joseph
Beuys', der bereits Denken zur sozialen Plastik erhoben hat. Er kannte
die Staubskulpturen Marcel Duchamps und Yves Kleins, als er 1991 den
Hauptraum der Secession in eine ganze Hommage an dieses Material
verwandelte. Das Säubern geometrischer Flächen auf der Straße trug die
Idee in den öffentlichen Raum. Auch wenn die Staubskulpturen da nur
einige Stunden sichtbar waren, sein Anliegen, den Begriff des
Bildhauers einzuschläfern, haben sie erfüllt.
In zahlreichen Fotografien und Filmstills dokumentiert er seine
One-minute-sculptures und eine Spielplattform für die Besucher macht es
allen möglich, in die Rolle eines Modells zu schlüpfen.
Ein alter Golf kann da mit zwei Reifen in der Luft, über nur einen
Stift abgestützt, unglaubliche Balance halten. Ein Museumsdirektor kann
einmal von einem Künstler auf Händen getragen werden. Zur Erholung kann
man den Kopf in den Eiskasten stecken und über unsere banalen
Gesellschaftsrituale nachdenken.
Zwei Wände mit feinlinigen Zeichnungen lassen manch
situationistische Plastik im Entwurf nachvollziehen, Videos geben
Auskunft über unsere Zeit: Werbung, Fett- oder Magersucht, allerhand
modische Fetische und Perversionen machen sich breit.
Kunst besiegt Humor
Die voluminös aufgeblasenen Eigenheimträume werden in einem
Gartenhäuschen mit ausufernden Wänden thematisiert: Da fragt dann das
Haus selbst nach seiner Funktion als Kunstwerk, es bekommt Augen und
Mund.
Daneben stehen die zum Ballon aufgeblasene Figur des Künstlers, der
die Welt verschluckt hat und ein ausgestopfter Dackel. Ein Jäger mit
Jagdhund ist auf den Tisch gestiegen, die Beine der jüngst entstandenen
Figuren knicken um.
Doch am Ende triumphiert die Kunst über alles Humoristische,
Alltägliche und selbst im minimalistischen Wärmekubus unter Glas steckt
der klassische Grundgedanke, den auch Michelangelo mit der Sixtina und
dem Juliusgrabmal angestrebt hat: Das Unmögliche möglich zu machen und
alle dazu bringen, über das zeitgenössische Menschenbild nachzudenken.
Die Schau wird nach Wien in Hamburg in den Deichtorhallen, in St.
Gallen und Lyon präsentiert und ist auch ein Beitrag zum Monat der
Fotografie 2006 in Wien.
Erwin Wurm.
Keep a Cool Head
Mumok im MQ Wien
Kurator: Edelbert Köb
Bis 11. Februar 2007
http://www.mumok.at
Übergangsriten.
Freitag, 20. Oktober 2006