Wiener Zeitung · Archiv


Kunstberichte

Knie nieder und denke an die Kunst

"Keep a Cool Head": Das Wiener Mumok zeigt eine umfangreiche und ironische Werkschau von Erwin Wurm
Illustration
- Fetter Porsche: Wurms „Fat Convertible“ aus 2005.  Foto: Mumok/ Xavier Hufkens/Vincent Everharts

Fetter Porsche: Wurms „Fat Convertible“ aus 2005. Foto: Mumok/ Xavier Hufkens/Vincent Everharts

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Nicht der Adler, sondern ein Fertigteilhaus, das Erwin Wurm zum Kunstwerk erhebt, ist verkehrt am Dach des Museums gelandet. "House Attack" ist kein Untergangsszenario, das Häuschen hat Vorhänge und Blumentröge, ist schlicht ein Symbol ganz normaler Kleinkariertheit – oder doch nicht? Bis in die Ebene 8 haben es auch ein mit rotem Kunststoff aufgefetteter Porsche und ein mittig abgerundeter VW-Bus geschafft, der mit jeder Achse in eine andere Richtung fährt.

Die Ausstellung "Erwin Wurm. Keep a Cool Head" hat neben drei Ebenen im Inneren auch die Fassade und eigentlich den ganzen Hof des Museumsquartiers in Beschlag genommen. Blickt man über die österreichischen Grenzen hinaus, zeigt sich, dass diese Ausmaße und auch der Aufwand der Schau berechtigt sind. Vom Pariser Centre Pompidou über die Tate Modern in London bis ins Moma in New York – überall ist Wurm präsent. Vielleicht ist er längst der bekannteste und erfolgreichste Künstler unseres Landes.

Auf Händen getragen

Als Student lauschte er an der Angewandten den Aussagen Joseph Beuys', der bereits Denken zur sozialen Plastik erhoben hat. Er kannte die Staubskulpturen Marcel Duchamps und Yves Kleins, als er 1991 den Hauptraum der Secession in eine ganze Hommage an dieses Material verwandelte. Das Säubern geometrischer Flächen auf der Straße trug die Idee in den öffentlichen Raum. Auch wenn die Staubskulpturen da nur einige Stunden sichtbar waren, sein Anliegen, den Begriff des Bildhauers einzuschläfern, haben sie erfüllt.

In zahlreichen Fotografien und Filmstills dokumentiert er seine One-minute-sculptures und eine Spielplattform für die Besucher macht es allen möglich, in die Rolle eines Modells zu schlüpfen.

Ein alter Golf kann da mit zwei Reifen in der Luft, über nur einen Stift abgestützt, unglaubliche Balance halten. Ein Museumsdirektor kann einmal von einem Künstler auf Händen getragen werden. Zur Erholung kann man den Kopf in den Eiskasten stecken und über unsere banalen Gesellschaftsrituale nachdenken.

Zwei Wände mit feinlinigen Zeichnungen lassen manch situationistische Plastik im Entwurf nachvollziehen, Videos geben Auskunft über unsere Zeit: Werbung, Fett- oder Magersucht, allerhand modische Fetische und Perversionen machen sich breit.

Kunst besiegt Humor

Die voluminös aufgeblasenen Eigenheimträume werden in einem Gartenhäuschen mit ausufernden Wänden thematisiert: Da fragt dann das Haus selbst nach seiner Funktion als Kunstwerk, es bekommt Augen und Mund.

Daneben stehen die zum Ballon aufgeblasene Figur des Künstlers, der die Welt verschluckt hat und ein ausgestopfter Dackel. Ein Jäger mit Jagdhund ist auf den Tisch gestiegen, die Beine der jüngst entstandenen Figuren knicken um.

Doch am Ende triumphiert die Kunst über alles Humoristische, Alltägliche und selbst im minimalistischen Wärmekubus unter Glas steckt der klassische Grundgedanke, den auch Michelangelo mit der Sixtina und dem Juliusgrabmal angestrebt hat: Das Unmögliche möglich zu machen und alle dazu bringen, über das zeitgenössische Menschenbild nachzudenken.

Die Schau wird nach Wien in Hamburg in den Deichtorhallen, in St. Gallen und Lyon präsentiert und ist auch ein Beitrag zum Monat der Fotografie 2006 in Wien.

Erwin Wurm.

Keep a Cool Head

Mumok im MQ Wien

Kurator: Edelbert Köb

Bis 11. Februar 2007

http://www.mumok.at

Übergangsriten.

Freitag, 20. Oktober 2006


Wiener Zeitung · 1040 Wien, Wiedner Gürtel 10 · Tel. 01/206 99 0 · Mail: online@wienerzeitung.at