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Kunstberichte

Das Museum auf Abruf präsentiert in seiner Startgalerie Anna Schregers fantasievolle "Therapietankstelle"

Von Zehenbürsten und Brustkitzlern

Sie kitzeln, schrubben, bohren: Die Fantasie-Werkzeuge Anna Schregers ironisieren Schönheitswahn und Fitnesskult in der Startgalerie des Musa.  Foto: Musa

Sie kitzeln, schrubben, bohren: Die Fantasie-Werkzeuge Anna Schregers ironisieren Schönheitswahn und Fitnesskult in der Startgalerie des Musa. Foto: Musa

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Anna Schreger hat die Startgalerie des Museums auf Abruf (Musa) in eine Therapietankstelle umfunktioniert. Der Stützpfeiler im Raum wird zur Zapfsäule für sammelwütige Besucher, denn dort können Schregers zu Ausschneidebögen kopierten Zeichnungen für einen Euro pro Blatt erworben werden.

Kunst für alle als "Multiples", so demokratisch agierte schon in den 70er Jahren Joseph Beuys. Heute sind seine gestempelten Karten, Siebdrucke und Filzanzüge ein Vermögen wert. Macht sich Schreger also auch über den pervertierten Kunstmarkt lustig?

Ihre Spitzfindigkeit und wilde Mischung aus Wortgewandtheit und glücklicher Bildfindung hat die 1977 geborene Wienerin schon während ihres Doppelstudiums in Grafik und Kunstpädagogik bewiesen. Da lotete sie bereits in ihrer Diplomarbeit über das Werk Rosemarie Trockels die "Befragungen des begehrenden Blicks" aus und konnte dies kongenial auf ihre künstlerische Tätigkeit übertragen.

Ob gezeichnete Stoffe oder Werkzeuge, immer steht der nackte Körper hinter den taktilen Sensationen, doch er ist auch fragmentiert und verbirgt sich geheimnisvoll.

Quellende Borsten

Therapie und Tankstelle bilden nur kombiniert ein Kunstwort, Schreger denkt in konzeptuellen Abläufen: An der linken Wand hat sie 80 Zeichnungen in drei Reihen gehängt. Sie zeigen fiktive Werkzeuge, die mehr an Kuriositäten einer wissenschaftlichen Kunst- und Wunderkammer erinnern als an reale Vorbilder aus dem Baumarkt. Nur Teile dieser verfremdeten Objekte imitieren Alltagsgegenstände wie Mixer, Föhn, Rasierer oder Bohrer. Aus ihnen quellen textile bis tierisch anmutende Falten, Borsten, Federn, die den Tastsinn aktivieren: Man will sie begreifen im Doppelsinn dieses Wortes.

Wider den Fitnesswahn

Im zweiten Schritt macht Schreger mit der Berührung Ernst: Sie wendet die aus den Papieren geschnittenen Werkzeuge auf Kopfpartie, Arme und Hände, auf Rumpf und zuletzt Beine und Füße an: Indem sie eine zweite Zeichnungsserie von Körperteilen partiell einschneidet, um die Werkzeuge darauf zu stecken, entstehen dreidimensionale Collagen.

Die scheinbar von sich aus wild fingernden Geräte mutieren zu Brustkitzlern, Zehenbürsten oder Nabelbohrern. Fragil collagiert werden sie fotografiert und als "Handlungsweisen" mit Diaprojektor an die Wand projiziert: Eine ganzheitliche Anleitung für eine Therapie der Sinne, humorvoll und pseudomedizinisch, läuft wie in einem Film ab.

Ein künstlerischer Grenzgang voll erotischer Anspielungen, der sich nebenbei gegen Schönheitskult und Fitnesswahn wendet – Schregers Angsttherapie durch manisches Zeichnen ist gleichzeitig Lustbefriedigung. Mit der Zapfsäule ist der Besucher eingebunden, kann sich nach seinen Vorlieben aus den Mappen an vier Seiten des Pfeilers bedienen: wieder streng geteilt in Kopf-, Arm-, Rumpf- und Beinregion, sind die variablen Gebrauchsanweisungen aber auch neu kombinierbar.

Der aktivierten Fantasie und den Sinnen der Besucher sind also keine Grenzen gesetzt.

Anna Schreger:

Therapietankstelle

MUSA Startgalerie

Wien 1., Feldererstr. 6-8

Bis 18. April

Montag, 24. März 2008

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