Österreichs erste Staatskunst
Herbert Boeckl. Wie ein Künstler modern malte und zugleich den österreichischen Ständestaat repräsentierte, zeigt das Belvedere in einer Retrospektive.
Hedwig Kainberger Wien (SN). Der „Hymnus an Maria“ steht an der Wiege des österreichischen Kunstverständnisses. Für dieses Gemälde der Gottesmutter mit Heiligenschein, die auf der Mondsichel steht und das strahlenbekränzte Jesuskind auf dem Arm hält, während rund um sie Engel das Böse abhalten, wurde der Maler Herbert Boeckl im Jahr 1934 mit dem erstmals verliehenen Großen Österreichischen Staatspreis geehrt. Diese höchste staatliche Auszeichnung an einen Künstler wurde 1950 für die Zweite Republik wieder eingeführt, Herbert Boeckl wurde 1954 ein zweites Mal damit gewürdigt.
Nach dem Ersten Weltkrieg dauerte es mehr als ein Jahrzehnt, bis in den Restgebieten des einstigen Habsburgerreichs so etwas wie ein österreichisches Selbstwertgefühl entstand. Weil die Kunst – wenigstens die öffentlich wahrgenommene – ein Ausdruck für solch eine Identität ist, kann man dieses Bild als ein erstes Exemplar österreichischer Staatskunst begreifen. Und Herbert Boeckl, der zudem Österreich bei der Weltausstellung 1935 in Brüssel als „spezieller Regierungskommissär“ vertrat, war somit der erste österreichische Staatskünstler. Er bildete ab, was damals offizielles österreichisches Selbstverständnis war.
Diesem Künstler ist im Unteren Belvedere in Wien ab heute, Mittwoch, eine Sonderausstellung von 150 Werken gewidmet. „Wir zeigen eine Retrospektive, also einen Überblick über sein gesamtes Werk“, erläuterte Direktorin Agnes Husslein am Montag im Pressegespräch. Dies sei „eines der bedeutendsten Oeuvres der Moderne Österreichs“. Es umspannt die 50 Jahre von 1914 bis 1964, also „die schwierigsten Zeiten Österreichs“. Agnes Husslein und ihr Cousin Matthias Boeckl – zwei Enkel des Malers – haben die Schau kuratiert.
In zweijähriger Vorbereitung wurden Gemälde, Literatur und Dokumente gesammelt und gesichtet. Vierzig Bilder wurden neu identifiziert, ein neues Werkverzeichnis wurde erstellt, ein reich bebilderter Katalog mit über 400 Seiten beschreibt und analysiert das Schaffen Herbert Boeckls. Viele Dokumente – von Briefen bis Zeitungsartikel – wurden in Original oder in Kopien in das neue Research Center des Belvedere aufgenommen, das am 27. Oktober eröffnet und als Archiv und Bibliothek für österreichische Kunst für Studenten, Forscher oder sonstige Interessierte frei zugänglich sein wird.
Herbert Boeckl ist „einer der wichtigsten Repräsentanten der Kulturpolitik des Ständestaats gewesen“, erläutert Kurator Matthias Boeckl. So konservativ die Politik unter den Bundeskanzlern Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg in vielen Bereichen erschienen ist, so „punktuell progressiv“ ist sie in der Kultur gewesen. Herbert Boeckl hat den Ständestaat „auf der richtigen Seite, nämlich der modernen Kunst“ vertreten; ihm sei es gelungen, Österreich mit moderner Malerei zu identifizieren.
Allerdings wirkt der Altar aus der Salvatorkirche am Wienerfeld mit „Hymnus an Maria“ im Mittelbild (in den 40er-Jahren ergänzt um Seitenflügel) kaum modern. Zu sehr sträubt sich das brav katholische Bildprogramm gegen jedes Aufbrechen.Ausdrucksstarke, kräftige Farben Die Modernität Herbert Boeckls zeigt sich vielmehr in Porträts, Stillleben und Landschaften: expressionistisch mit grellen, kräftigen Farben und grobem, wildem Duktus, scheinbar skizzenhaft und rasch gemalt sowie flächig im Verzicht auf Perspektive wie im großzügigen, pastosen Farbauftrag. Vor allem an frühen Bildern – wie am Porträt Bruno Grimschitz’ (1915) oder an „Die Verlobten“ (1918) – ist zu bestaunen, wie virtuos und subtil der autodidaktische Maler Gesichtszüge und Stimmungen festzuhalten vermochte. Für Landschaftsbilder fing er zum Beispiel mit hingespachteltem Rot, Blau und Grün die Gegend am Klopeinersee ein. Die „Donna Gravida“ von 1930, eine nackte Schwangere, war sogar für die Brüsseler Weltausstellung zu modern und durfte dort nicht aufgehängt werden.
Obwohl katholisch, obwohl Ständestaatskünstler, obwohl modern, galten Herbert Boeckls Bilder in der Nazizeit nicht als entartet. Der Maler beendete zwar 1939 seine Meisterklasse an der Akademie, doch setzte er seine Lehrtätigkeit im „Abendakt“ fort, das war ein für alle Akademiestudenten verbindliches Aktzeichnen.
Sofort nach dem Krieg (1945 bis 1946) wurde Herbert Boeckl Rektor der Wiener Akademie, er berief Künstler wie Fritz Wotruba und Albert Paris Gütersloh als Professoren. Eine der ersten Ausstellungen im „20er Haus“, dem Museum für Kunst des 20. Jahrhunderts in Wien, war 1964 eine Retrospektive über sein Werk. Im selben Jahr erlitt er einen Hirnschlag, er starb 1966.Herbert Boeckl, Retrospektive, Unteres Belvedere, bis 31. Jänner 2010, täglich 10 bis 18 Uhr, mittwochs 10 bis 21 Uhr. www.belvedere.at




















