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Quer durch Galerien: Galerie Winter, Galerie Sur

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Eine sehr begabte Unterhose

Von Claudia Aigner

Debattieren Sie mit!Wenn ein Gesicht zur Gänze mit einer Unterhose bekleidet ist, dann soll das vermutlich die etwas kultiviertere (nämlich angezogene) Variante von dem sein, was man gemeinhin "Arschgesicht" nennt. Etwas sehr Ähnliches müsste dann eigentlich auch für eine Männerunterhose gelten, die glaubt, sie wäre ein Gesicht, und die sich dementsprechend, also sehr physiognomisch, benimmt. Einer solchen mimisch begabten Unterhose hat Bernd Klinger (bis 20. Jänner in der Galerie Winter, Breite Gasse 17) ein Daumenkino gewidmet.
Man könnte das natürlich auch einen ziemlich "einsilbigen" Arcimboldo-Verschnitt nennen, wo sich eine einzige Unterhose ins Zeug legt, um ein komplettes Gesicht auszuformulieren. (Und nicht gleich eine ganze Unterwäsche-Kollektion zu Rate gezogen wird, wo dann ja etwa ein BH Verwendung finden könnte für Basedow-Augen der Körbchengröße D.) Das Schöne an Klingers Arbeiten ist der unbeschwerte und experimentelle Zugang zu einer unverblümten Körperlichkeit (wie es sich für einen Aktionisten ja sowieso gehört). Und dass alles irgendwie miteinander verbunden ist.
Klinger hat die akrobatische Umkehrung der Kleiderordnung ja selbst einmal praktiziert und sich das, was über den Hintern gehört, über den Kopf gezogen. Zu sehen auf seiner gut hüfthohen Weltkugel, die in der Galerie herumkugelt und mit Fotos von Klingers Körperkunst beklebt ist. Man denkt instinktiv an Pistolettos umtriebigen "Performance Globus", nur dass Klingers Globus halt mit einer Schnur an einem Knochen hängt. Die unübersehbare Kugel als praktischer Hundenahrungs-Zusatz, quasi als Boje, damit der Hund todsicher die Stelle wiederfindet, wo er den Knochen eingebuddelt hat? Der abgenagte Knochen als "Körper mit hohem Abstraktionsgrad"? Man könnte jetzt bis zum Jüngsten Gericht weiterphilosophieren. Wahrscheinlich muss man die Skurrilität aber einfach als solche hinnehmen.
Genauso wie bei seinen Videos, die auf hinreißende Weise absurd, bizarr-kreatürlich und vor den Kopf stoßend komisch sind. "Hautbesen": Mit einem Miniatur-Kehrgerät wird auf einer Gänsehaut ausgekehrt (eine surreale Form, Hygiene auszuüben). Oder "Spermakus" (unterlegt mit Schuberts Bachforellenmotiv): In einem Spermienschwarm, da schießt in froher Eil' ein launisches Spermium vorüber und gerät außer Kontrolle (es macht einen regelrechten "Spartakusaufstand", gebärdet sich nämlich als Aktionist).
Schon ihre Hinterbacken allein haben quasi einen täglichen Kalorienverbrauch wie die ganze Claudia Schiffer: die überschwänglich "leiblichen" Mädeln aus Bronze oder Holz von Giovanni Rindler (bis 27. Jänner in der Galerie Sur, Seilerstätte 7). Freilich abstrahiert Rindler vom allzu natürlichen Körperspeck-Realismus, das heißt: Die beleibten Evas, Lolas und Susannen kommen gänzlich ohne Rubens-Cellulitis aus. Wunderbar satte und glatte Formen und schwelgerische Körperhaltungen: Diese Skulpturen sind pure Opulenz (und eindeutig was für Grapscher). Wenn man es nicht eigenäugig gesehen hat, wird man mir nicht glauben, dass diese wuchtigen, hedonistischen Damen über eine geradezu klassische Anmut verfügen. (Außer man kennt die Skulpturen von Aristide Maillol und Henri Laurens, denen das ja auch gelungen ist.) Ein bisschen sind sie ja nach dem Gliederpuppen-Prinzip gebastelt, wo dann etwa die Kniescheiben "legomäßig" drauf gesteckt sind (gut dazupassend: die schablonenhaften Papierarbeiten). Und sie verkörpern die Grazie und manche paradoxer Weise sogar die Zierlichkeit des Übergewichts (besonders die, die ihre Finger schon auffallend graziös "handhaben").

Erschienen am: 12.01.2001

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