17.09.2001 20:15:00 MEZ
Krise im Espressoland - eine Analyse
Das Museum moderner Kunst ist noch lange nicht fertig - und keiner ist schuld...

von Markus Mittringer


Wien - Und jetzt ist wieder keiner schuld. Weil schließlich ist es ja fertig. Und fesch ist es auch. Und man kann recht gut bunte Sujets draufprojizieren. Und das gefällt sowieso mehr Leuten, als jemals hineingehen werden, die dann oft weniger bunten Sujets innen anzuschauen. Und es strukturiert die Erlebnisgastronomie ganz vorbildlich.

Und die braucht man schon allein deswegen, damit der behinderte Mensch auch aufs Klo gehen kann, weil für so große Klos war dann wieder kein Platz im Mumok. Schließlich ist dort ja auch für die auszustellende Kunst zu wenig Platz. Jetzt ist gut ein Zehntel der Sammlung öffentlich zur Schau gestellt. Dieses unterzubringen musste aber schon auf Depotflächen zurückgegriffen werden. In den Depots war aber kein anständiges Blendwerk vorgesehen, die Haustechnik zu kaschieren. Und da ohnehin gespart werden musste, liegen die Röhrln jetzt eben blank. Und die Galerie heißt folglich "factory", und da die junge Kunst ja sowieso in Lofts wächst, passt das. Basta!

Zweckentfremdung der Depots

Selbstverständlich ist nicht nur wegen dieser Zweckentfremdung in den Depots des achtgrößten Kulturkomplexes der Welt viel zu wenig Platz. Weswegen auch sofort neue Lager im Winterhafen weit außerhalb angemietet wurden, und für die täglichen Wege wurde eben ein Chauffeur eingestellt, und wegen der heiklen Materie sind auch noch Restauratoren und versicherungsberuhigende Kustoden beschäftigt.

Innen gibt es ein Stiegenhaus, genauso fesch und dunkelgrau, wie es dem Basaltmugel gebührt. Der Rest ist bekanntlich weniger fesch. Aber das Wichtigste kommt ja noch: Das Café wird erst eröffnet. Und das wird sicher wieder fesch werden. Gerade recht für den liquiden urbanen Dynamiker und seine Büffelmozzarella auf Basilikumschaum.

Licht: Schlecht von Dan Flavin geträumt

Zum Inneren muss man noch sagen, dass die Kunst das Kunstlicht echt stört. Da verlegt man liebevoll ein Lampenmuster, ganz so, als hätte Sol Lewitt schlecht von Dan Flavin geträumt, und dann macht der störrische Direktor Hegyi wieder alles kaputt mit seiner Ostkunst. Da will der mit seinen Bildern aus einer Zeit nach den letzten Bildern immer justament dorthin, wo die Türln diverser Versorgungsschächte die schönsten Flecken markieren.

Überhaupt, was der sich einbildet. Der hat sich über zehn Jahre lang hier in Wien bloß mit Kunst beschäftigt. Ja, weit schlimmer noch, der hat Wien immer wieder verlassen, um mit irgendwelchen wildfremden Kollegen in aller Welt fachzusimpeln, anstatt sich darum zu kümmern, dass sein Museum auch ein Klo für Rollstuhlfahrer hat. Und dann kauft der ganz frech irgendwelche spanischen Künstler ein oder so veraltete Skulpturen wie die von Antony Gormley oder kümmert sich um den Gärtner Weinberger.

Im Depot nachfragen, was Kunst ist

Und dabei hätte der bloß im "Depot" fragen müssen, was richtige Kunst ist. Die hätten ihm gerne weitergeholfen. Und für Symposien wären seine neuen Räume auch weit geeigneter gewesen. Aber um die avancierte Szene hat der sich ja nie gekümmert. Geschieht ihm ganz recht, dass er jetzt weg muss.

Im März kann man den ganzen Krempel dann gottlob wieder rausschmeißen. Und endlich anständige Ausstellungen machen. So wie der Gerald Matt in der Kunsthalle das schon lange tut. Ausstellungen, die sich auch verkaufen lassen, Ausstellungen mit Künstlern, die auch wirklich jeder kennt, Ausstellungen wie Büffelmozzarella auf Basilikumschaum.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.9. 2001)


Quelle: © derStandard.at