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23.02.2002 - Ausstellung
Giftgas und Parfum: Banalisierter Holocaust?
In New York zeigt das Jüdische Museum ab Mitte März eine Ausstellung über "Nazi Imagery". Mit Elke Krystufek ist auch eine österreichische Künstlerin vertreten. Die "Presse" sprach mit ihr über die umstrittene Schau.
Von unserer Korrespondentin EVA MALE


Wie kann man den Unterschied zwischen dem Werk eines tatsächlichen Nazi-Sympathisanten und dem eines zeitgenössischen Künstlers erkennen, der mit dem Feuer der Popkultur spielt[*] Dies fragt die New York Times angesichts einer Schau im Jüdischen Museum, die in New York schon vor ihrer Eröffnung (17. 3.) für Erregung sorgt.

"Mirroring Evil: Nazi Imagery/Recent Art" zeigt Werke von 13 Künstlern zwischen 30 und 40 Jahren, die unter Verwendung von "Nazi-Symbolik und -Bildersprache versuchen, das Wesen des Bösen zu ergründen", so eine Aussendung. Zu sehen sind etwa ein Set von Lego-Schachteln mit Photos von Konzentrationslagern, das der polnische Künstler Zbigniew Libera gebaut hat, ein "Giftgas Giftset" (Giftgas-Behälter mit Logos von Chanel, Hermes, Tiffany) und ein Prada-Todeslager aus Pappkarton von Tom Sachs (USA), fünf Disney-artige "Spielfiguren" mit Hitlerbart und Hakenkreuz vom Franzosen Alain Séchas.

Kritik von Elie Wiesel

"Das ist Kunst mit einer Botschaft, politische Kunst", erklärt Museumsdirektorin Joan Rosenbaum: "Wir reden nicht über ästhetische Themen." Laut Kurator Norman Kleeblatt liegt der Schwerpunkt dieser neuen Art von Kunst erstmals nicht bei den Opfern, sondern bei den Tätern. "Diese Künstler konfrontieren uns mit den Gesichtern der Nazis, deren Machtapparat, der effizienten Propaganda. Sie bringen Bilder aus der Vergangenheit in die Gegenwart, verwickeln den Betrachter, werfen Fragen auf."

Auch jene, ob die Ausstellung nicht geschmacklos sei. Manche Kritiker zeigen sich ebenso wie Überlebende des Holocaust und Vertreter jüdischer Organisationen von der Trivialisierung, Parodie und Provokation irritiert. "Ich verstehe weder die Künstler noch das Jüdische Museum", schreibt Nobelpreisträger Elie Wiesel: "Schon daß die Ausstellung so viele defensive Einleitungen von so vielen Experten braucht, zeigt die Brüchigkeit ihres Konzepts." Er stößt sich an der "Verkitschung und Popularisierung des Holocaust".

Menachem Rosensaft, Direktor des "Internationalen Netzwerks von Kindern jüdischer Überlebender des Holocaust", spricht von "Geschmacklosigkeit, die in der Maske von Kultur daherkommt". Es sei empörend, daß eine "angesehene jüdische kulturelle Institution die Banalisierung des Holocaust salonfähig macht". Ihn, der viele Angehörige in Auschwitz verloren hat, schmerze es zutiefst, daß "deren Leiden zur Satire wird". Er fordert das Museum auf, die Ausstellung abzusagen.

Krystufek und die Kamera

Die österreichische Künstlerin Elke Krystufek zeigt vier Collagen, in denen sie nackt posiert, unter anderem mit einer Kamera, die ihrerseits den Betrachter einfängt; eingeschnitten sind Textelemente sowie Photos von Filmstars, die Nazis darstellen - in Anlehnung an das ebenfalls gezeigte Werk Piotr Uklanskis "The Nazis".

Welche Botschaften wollte Krystufek vermitteln? "Die Collagen waren ursprünglich 1998 Teil eines Ausstellungskatalogs namens Economical Love. Sie entstanden in einem breiteren Kontext, der sehr viel mehr Themen als nur den Holocaust berührt. Daß sie jetzt so isoliert ausgestellt werden, entspricht eher einer kuratorischen Praxis als meinem künstlerischen Denken. Ich habe mich in meinen Videoarbeiten immer viel mit Schauspielerei auseinandergesetzt, daher das Interesse an den Filmschauspielern, die Nazis spielen, aber nicht sind."

Daß man, wie kritisiert wurde, zum Verständnis der Werke den Katalog braucht, ist für Krystufek kein Problem: "Wie kann jemand, der sich nie mit Gegenwartskunst beschäftigt, diese denn verstehen? Warum sollte die New York Times etwas davon verstehen oder begreifen, daß Kunst sich so gut wie nie selbst erklärt hat, daß man auch Rembrandt oder Chagall nicht ohne ihren Kontext versteht? Stellen Sie einen Nazi-Sympathisanten und einen hippen zeitgenössischen Künstler gegenüber - Sie werden den Unterschied sehr schnell begreifen!"

Laut Kurator haben Künstler der "3. Generation" ihr Wissen über den Holocaust "hauptsächlich aus Cartoons und Filmen". Das sieht Krystufek anders. "Mein Verständnis habe ich aus Gesprächen mit meiner Familie, Freunden und Künstlern, aus Literatur, Zeitungen, Kunstgeschichte, Schulunterricht usw."

Warum nimmt Krystufek an der Schau teil? "Viele meiner Arbeiten beschäftigen sich mit der Idee des Scheiterns, von Menschen an sich selbst oder ihres Erfolgs aufgrund ihres Scheiterns und des Scheiterns des Kunstbetriebs an sich selbst als System. Der sogenannte Hausverstand würde ja etwa einer Museumsdirektorin sagen, daß ein Publikum aus Holocaust-Überlebenden, Nachfahren von KZ-Insassen oder Emigranten sich von so einer Ausstellung verständlicherweise provoziert fühlen wird. Das Museum sollte sich also über die entstandene Provokation nicht wundern - oder so tun, als hätte es sie nicht gewollt."



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