Wie kann man den Unterschied zwischen dem Werk eines
tatsächlichen Nazi-Sympathisanten und dem eines zeitgenössischen Künstlers
erkennen, der mit dem Feuer der Popkultur spielt[*] Dies fragt die New
York Times angesichts einer Schau im Jüdischen Museum, die in New York
schon vor ihrer Eröffnung (17. 3.) für Erregung sorgt.
"Mirroring Evil: Nazi Imagery/Recent Art" zeigt Werke von
13 Künstlern zwischen 30 und 40 Jahren, die unter Verwendung von
"Nazi-Symbolik und -Bildersprache versuchen, das Wesen des Bösen zu
ergründen", so eine Aussendung. Zu sehen sind etwa ein Set von
Lego-Schachteln mit Photos von Konzentrationslagern, das der polnische
Künstler Zbigniew Libera gebaut hat, ein "Giftgas Giftset"
(Giftgas-Behälter mit Logos von Chanel, Hermes, Tiffany) und ein
Prada-Todeslager aus Pappkarton von Tom Sachs (USA), fünf Disney-artige
"Spielfiguren" mit Hitlerbart und Hakenkreuz vom Franzosen Alain Séchas.
Kritik von Elie Wiesel
"Das ist Kunst mit einer Botschaft, politische Kunst",
erklärt Museumsdirektorin Joan Rosenbaum: "Wir reden nicht über
ästhetische Themen." Laut Kurator Norman Kleeblatt liegt der Schwerpunkt
dieser neuen Art von Kunst erstmals nicht bei den Opfern, sondern bei den
Tätern. "Diese Künstler konfrontieren uns mit den Gesichtern der Nazis,
deren Machtapparat, der effizienten Propaganda. Sie bringen Bilder aus der
Vergangenheit in die Gegenwart, verwickeln den Betrachter, werfen Fragen
auf."
Auch jene, ob die Ausstellung nicht geschmacklos sei.
Manche Kritiker zeigen sich ebenso wie Überlebende des Holocaust und
Vertreter jüdischer Organisationen von der Trivialisierung, Parodie und
Provokation irritiert. "Ich verstehe weder die Künstler noch das Jüdische
Museum", schreibt Nobelpreisträger Elie Wiesel: "Schon daß die Ausstellung
so viele defensive Einleitungen von so vielen Experten braucht, zeigt die
Brüchigkeit ihres Konzepts." Er stößt sich an der "Verkitschung und
Popularisierung des Holocaust".
Menachem Rosensaft, Direktor des "Internationalen
Netzwerks von Kindern jüdischer Überlebender des Holocaust", spricht von
"Geschmacklosigkeit, die in der Maske von Kultur daherkommt". Es sei
empörend, daß eine "angesehene jüdische kulturelle Institution die
Banalisierung des Holocaust salonfähig macht". Ihn, der viele Angehörige
in Auschwitz verloren hat, schmerze es zutiefst, daß "deren Leiden zur
Satire wird". Er fordert das Museum auf, die Ausstellung abzusagen.
Krystufek und die Kamera
Die österreichische Künstlerin Elke Krystufek zeigt vier
Collagen, in denen sie nackt posiert, unter anderem mit einer Kamera, die
ihrerseits den Betrachter einfängt; eingeschnitten sind Textelemente sowie
Photos von Filmstars, die Nazis darstellen - in Anlehnung an das ebenfalls
gezeigte Werk Piotr Uklanskis "The Nazis".
Welche Botschaften wollte Krystufek vermitteln? "Die
Collagen waren ursprünglich 1998 Teil eines Ausstellungskatalogs namens
Economical Love. Sie entstanden in einem breiteren Kontext, der
sehr viel mehr Themen als nur den Holocaust berührt. Daß sie jetzt so
isoliert ausgestellt werden, entspricht eher einer kuratorischen Praxis
als meinem künstlerischen Denken. Ich habe mich in meinen Videoarbeiten
immer viel mit Schauspielerei auseinandergesetzt, daher das Interesse an
den Filmschauspielern, die Nazis spielen, aber nicht sind."
Daß man, wie kritisiert wurde, zum Verständnis der Werke
den Katalog braucht, ist für Krystufek kein Problem: "Wie kann jemand, der
sich nie mit Gegenwartskunst beschäftigt, diese denn verstehen? Warum
sollte die New York Times etwas davon verstehen oder begreifen, daß
Kunst sich so gut wie nie selbst erklärt hat, daß man auch Rembrandt oder
Chagall nicht ohne ihren Kontext versteht? Stellen Sie einen
Nazi-Sympathisanten und einen hippen zeitgenössischen Künstler gegenüber -
Sie werden den Unterschied sehr schnell begreifen!"
Laut Kurator haben Künstler der "3. Generation" ihr
Wissen über den Holocaust "hauptsächlich aus Cartoons und Filmen". Das
sieht Krystufek anders. "Mein Verständnis habe ich aus Gesprächen mit
meiner Familie, Freunden und Künstlern, aus Literatur, Zeitungen,
Kunstgeschichte, Schulunterricht usw."
Warum nimmt Krystufek an der Schau teil? "Viele meiner
Arbeiten beschäftigen sich mit der Idee des Scheiterns, von Menschen an
sich selbst oder ihres Erfolgs aufgrund ihres Scheiterns und des
Scheiterns des Kunstbetriebs an sich selbst als System. Der sogenannte
Hausverstand würde ja etwa einer Museumsdirektorin sagen, daß ein Publikum
aus Holocaust-Überlebenden, Nachfahren von KZ-Insassen oder Emigranten
sich von so einer Ausstellung verständlicherweise provoziert fühlen wird.
Das Museum sollte sich also über die entstandene Provokation nicht wundern
- oder so tun, als hätte es sie nicht gewollt."
© Die
Presse | Wien