04.07.2003 21:27
"Regionale" Kunstverlockung
Die
zeitgenössische Kunstsammlung FRAC feiert ihren 20. Geburtstag und zeigt in vier
Städten mehr als tausend Werke internationaler Künstler - Foto
Die zeitgenössische regionale Kunstsammlung FRAC, einst von
Kulturminister Jack Lang zum Zwecke der Dezentralisierung gegründet, feiert bis
zum Herbst ihren 20. Geburtstag und zeigt in vier Städten mehr als tausend Werke
internationaler Künstler.
Straßburg/Nantes/Avignon/ Arles - Staats(kunst)schatz lautet der
programmatische Titel der Mega-Kunstschau, die in Straßburg, Nantes, Avignon und
Arles zu sehen ist. "Die bedeutendste Darbietung zeitgenössischer Kunst, die
jemals in Frankreich organisiert wurde", lautet der selbstbewusste Slogan des
Kulturministeriums für die Veranstaltung, die anlässlich des zwanzigjährigen
Bestehens der zeitgenössischen regionalen Kunstsammlungen FRAC (Fonds régionaux
d'art contemporain) eine stattliche Auswahl an Kunstwerken
präsentiert.
Die im Rahmen der Dezentralisierung unter Kulturminister
Jack Lang 1982 gegründeten FRAC haben beispielhaften Charakter. Jede der 23
administrativen "Regionen" Frankreichs hat einen FRAC mit folgende Aufgaben:
zeitgenössische Kunst zu kaufen, neue Richtungen lokal zu fördern, Kunst
aufzubewahren, auszustellen, zu verleihen und in Publikationen zu
veröffentlichen. Finanziert wird zu je 50 Prozent vom Staat und von der Region.
Das Gesamtbudget für 2002 betrug rund 15 Millionen Euro.
Nach einer
ersten Bestandsaufnahme vor zehn Jahren las man noch Angriffe wie "bürokratische
Klon-Sammlungen, vom Staat manipuliert, überall die gleichen, mutlos
zusammengekauften Kunstströmungen." Zum 20. Geburtstag, für den ein Budget von
1,050.000 Euro zur Verfügung stand, wurde den Vorwürfen der Wind aus den Segeln
genommen, indem man den diplomatisch geschickten Kurator Bernard Blistène mit
der Konzeption beauftragte und ihm den langjährigen FRAC-Leiter Ami Barak zur
Seite stellte.
Die beiden Kunstkoryphäen präsentieren an 15 verschiedenen
Ausstellungsorten ihre stringente Auswahl von mehr als 1000 Werken optimal.
Staats(kunst)schatz heißt nicht "Staatskunst". Das demonstriert man mit subtiler
Gewichtung zwischen internationalen und französischen Künstlern, deren Arbeiten
zwar überall auf der Welt zu sehen sind, die aber jetzt auch mit selten bis nie
gesehenen Werken vertreten sind. Internationale Spitzenstars wie Katharina
Fritsch, Gloria Friedmann, Hans Haacke, Gerhard Richter, Sigmar Polke, Richard
Long, Jeff Wall, Frank Stella, Chris Burden, von den FRAC meist schon in den
80er Jahren angekauft, ziehen logischerweise den Blick
an.
Österreichische Künstler zeigt u. a. die Kunstschule Nantes. Ihr
Leiter Robert Fleck presste in seinen Minischauraum Peter Koglers aufblasbare
Plastikskulpturschlange mit geometrischem Aufdruck. Daneben steht das
Gemeinschaftswerk von Peter Kogler und Franz West, Hirn mit Ei (Wiener Küche)
von 1994, wofür Kogler Gehirnmotive auf einen Vorhang druckte, der den Blick auf
einen roten West-(östlichen)-Diwan freigibt. Heimo Zobernig's zerborstener
Spiegel, Ohne Titel, wartet im bretonischen Herzogsschloss von Nantes auf
weitere harte Schläge. Das Musée des Beaux Arts von Nantes, wo Popkünstler
ironische Heiterkeit verbreiten, bietet Erwin Wurm mit seinen One Minute
Sculptures-Fotos. Und im Eisenbahndepot von Arles trifft man auf ein übermaltes
Autoporträt von Arnulf Rainer, das - in eine lange Glaslamelle eingezwängt -
scheinbar im Raum schwebt.
Beeindruckend auch der Saal des Avignoner
Papstpalastes, wo sich Richard Longs 45 Meter lange Bodenplastik ausbreitet und
in Nebensälen drei Malereiaspekte von Gerhard Richter (Kerze; Grau;
Rot-Blau-Gelb Nr.365/2) sowie das auf Matratzenstoff von Sigmar Polke gemalte
Motto Ein Bild sollte nicht größer sein als ein Bett (1985) hängen. Unter den
zahlreichen Videos, die in die Ausstellungsparcours eingefügt sind, sei die
amüsante, in Nantes zu sehende Arbeit von Peter Fischli und David Weiss, Der
Lauf der Dinge, hervorgehoben, wo Gegenstände aus Gummi, Holz oder Metall
diverse Stadien zwischen Feuer, Wasser, Eis und Rauch durchlaufen. (DER
STANDARD, Printausgabe vom 5./6.7.2003)