Laura Cottingham & Leslie Singer: »The Anita Pallenberg Story«

 

 

 

 

Roger M. Buergel

 

 

Galerie nächst St. Stephan
Wien
3.5.2000 - 10.6.2000

 

Jede Artikulation lässt sich unter dem Blickwinkel ihrer Virtuosität betrachten. Eine solche Perspektive nahm Jean-Luc Godard ein, als er den Rolling Stones nicht nur auf der Bühne, sondern gerade auch im Studio auf die Finger und in die Augen schaute. Sein Film »One Plus One« ist das Paradox einer Repräsentation: die materialistische Geschichte eines mythischen Phänomens. Heute, gut 30 Jahre später, wirkt dieser Mythos so grotesk wie die steinalten Stones, die noch immer tingeln. In ihrem Video »The Anita Pallenberg Story« setzen sich Laura Cottingham und Leslie Singer mit dieser Groteske auseinander.

Das Video hat eine interessante Besetzung aufzuweisen. Cottingham selbst mimt Mick Jagger, Nicole Eisenman spielt Keith Richards, Cosima von Bonin verkörpert die gefallene Anita Pallenberg, undsoweiter. Diese komische Version der Selbstreferentialität kennt man aus Warhol-Filmen, deren derzeitige Konjunktur (und akademische Bearbeitung) nach der Betrachtung von »Pallenberg« nicht mehr verwundert. Die Idee, dass sich eine Gemeinschaft selbst erzeugen, dass sich ein Kollektiv eine eigene Lebensform, eine eigene Ethik geben kann, hat von ihrer Faszination nichts eingebüßt. Vielleicht ist sie auch die einzige Alternative, um den Typus von Individualisierung loszuwerden, den uns die globale Unternehmerwirtschaft aufzwingt. Der ständigen Möglichkeit einer heraufziehenden Gemeinschaft tragen Cottingham und Singer aber auch ganz explizit Rechnung, wenn sie Aufnahmen von Stones-Konzerten einblenden: die Totale ins Publikum, Teenager mit offenen Augen, die von einer besseren Welt träumen.

Aber die Augen sind auch offen vor Angst. Die Präsenz von Hell's Angels, denen das Messer locker sitzt, und die anschließenden Tumulte auf der Bühne zeigen auf, dass der Freiheitskampf kein Nullsummenspiel ist. Gewinne und Verluste werden nach dem klassischen Imperativ der Geschlechterdifferenz zugeschrieben; die lechzende Zunge, Logo der Stones, steht nicht für universale, sondern für partikulare Libertinage - für invasive Penetration.

Dennoch ist »Pallenberg« kein kritisches oder nachtragendes Projekt. Riskant wird die Performance, wo sie die Grenzen zwischen den Stones-Charakteren samt ihrer Entourage und dem Zirkel um Cottingham verwischt, und das tut sie genüsslich. »Mick Cottingham« weiß um die Sprengkraft von sadistischer Bosheit. Daher opfert er/sie sie auch nicht auf dem Altar der Moral, sondern lotet ihre Potenziale aus, wirbt für sie. Auch Nicole Eisenmann gefällt sich nicht schlecht in der absoluten Blödheit, die Keith Richards umnebelt. Gerade vor dem Hintergrund linker Strategiediskussionen erschließt das Video eine ganze Palette von Handlungsoptionen, die jenseits eines immer schon als vernünftig kodierten Terrains in Vergessenheit zu geraten droht.

Es gibt nicht viele ästhetische Unternehmungen, die sich so weit vorwagen, die ihren Gehalt zum Einsatz machen. Natürlich gibt es das Klischee der künstlerischen Subjektivität, die dem Werk eingeschrieben ist; die Produktion, die die Existenz vernichtet. Die post-dekonstruktivistische, post-konzeptuelle Generation findet dieses Klischee geschmacklos. Man kann sich aber fragen, ob Geschmacksurteile weiterhin die Diskussion um politische Taktik bestimmen sollten, oder ob man hier nicht bei einer Politik stehenbleibt, deren Scheitern beispielhaft die EU-Sanktionen gegen Österreich vorführen: bloßes Angewidertsein, das sich von den Phänomenen, zumal den mythischen, nicht emanzipiert.

Cottingham, Singer und die anderen optieren jedenfalls dafür, radikal abgeschmackt zu werden. Sie wollen heran an jene gesellschaftliche Größe, die keine Befriedigung erfährt (»I can get no satisfaction«) und mit dem Teufel sympathisiert (»Sympathy for the devil«) - jene Größe, unter der alle leiden, die aber nie beim Namen genannt wird: das planetarische Kleinbürgertum. Arbeitet man mit einer Kategorie wie der des Kleinbürgertums, dann macht man sich des Klassendünkels verdächtig. Aber so ist das Folgende nicht zu verstehen. Kleinbürgertum bezeichnet nicht länger eine bestimmte Schicht, sondern stellt eine mehr oder weniger universale Bedingung dar, die auch unter dem Namen »Glokalisierung« diskutiert wird. Das planetarische Kleinbürgertum hat alle Schichten und die klassischen sozialen Subjekte (Bourgeoisie, Arbeiterschaft usw.) aufgehoben und ersetzt. Daher zielt diese Kategorie auch nicht mehr auf Subjekte, sondern auf Handlungsoptionen oder Spielräume.

Wie und wer diese Spielräume strukturiert, ist eine der zentralen Fragen, welche die Protestbewegung gegen die österreichische Regierung aufwirft. Es wäre aber falsch - der Fehler der Sozialdemokratie -, aus all dem abzuleiten, dass man mit der Stimme des Kleinbürgertums sprechen muss, um sich Gehör und damit Gestaltungsspielraum zu verschaffen. Dass sich zeitgenössische Macht nur in der Stimme des Kleinbürgertums artikuliert, heißt nicht, dass das Kleinbürgertum über die Macht verfügt. Den Blick für diese Differenz gilt es zu schärfen. Und genau diese Differenz bespielt »Pallenberg«.

Wenn Cottingham »I can get no satisfaction« singt oder ankündigt, ein Buch schreiben zu wollen, dann mit ihrer Stimme. Das ist der (politische) Unterschied zwischen Performance und Karaoke. Aber ihre Stimme ist der kleinbürgerlichen Artikulation abgetrotzt. Der Unterschied zwischen dem Stargehabe der Stones und dem Stargehabe jener KünstlerInnengeneration um die Vierzig, die endlich Klassiker werden wollen, ist marginal. Am Ende, und das ist das wirklich Großartige an »Pallenberg«, ist er gar nicht vorhanden. Keine Befriedigung zu finden, vergeblich nach dem Produkt zu fahnden, um das man sich betrogen fühlt oder um das man tatsächlich betrogen wurde, die eigene Existenz an irgendwelche haltlosen Identitäten (nationale Zugehörigkeiten, Fußballvereine, Geschlechter) zu binden - das sind die Determinanten kleinbürgerlicher Handlungsoptionen.

Dank der Durchlässigkeit, die sich »Pallenberg« erlaubt, dank des Unwillens zur Selbstzensur und der Neugier auf taktische Spiele - auch um ihrer selbst willen - etabliert das Projekt schließlich eine Relationalität mit seinem Publikum, das ständig aufgefordert wird, Cottingham als Repräsentation von Jagger, als Besetzerin der Diskursoption »Jagger« anzuerkennen. Der Erfolg hängt in jeder der 77 Minuten nicht von den Stars, sondern von uns ab. Das bereitet Arbeit und macht Spaß. Diese Form der Publikumsermächtigung ist zugleich rührend. Sie markiert den Unterschied zwischen kleinbürgerlichem Pathos, das auf Anti-Establishment macht, um die transformatorischen Potenziale der Jugend zu absorbieren (beziehungsweise in klingende Münze zu verwandeln), und Kunst.

 

   

 

 

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