Ull Hohn: »Malerei«

 

 

 

 

Roger M.Buergel

 

 

Galerie NEU
Berlin
30.1.2000 - 12.3.2000

 

Bekanntlich ist die Malerei ein flüssiges bis schmieriges Medium, das mit der Zeit erstarrt, um sich dann als transparente oder opake Oberfläche preiszugeben. Doch nicht alle Gemälde erstarren. Bei Hans von Marées etwa, dem begabtesten deutschen Maler des 19. Jahrhunderts, wandern die Schichten nach wie vor. Die Bilder sind mit Asphalt gemalt, dessen verführerisches, so warmes wie tiefes Braun niemals ganz durchtrocknet. Was bei Rembrandt, der Asphalt als oberste Schicht einsetzte, kein Problem darstellt, entwickelt sich bei Mareés, der Asphalt als Grundlage verwendete, zum konservatorischen Desaster. Die Oberfläche rutscht, wodurch die Bilder über alle Maßen runzeln. Im Eigenleben des Films, der Autonomie des Materials, manifestiert sich das Scheitern der Repräsentation. Es gibt aber keinen Grund, dieses Scheitern zu beklagen. Es bedeutet eben keinen Endpunkt, kein Erstarren, sondern einen ständig verschobenen Ausblick. Immer vorausgesetzt, man kann diesen Ausblick erkennen.

Ull Hohns Bilder ermöglichen dieses Erkennen. So lotet er in einer Serie von Mittelformaten (»Tan Enamel«, 1993) das Spannungsverhältnis zwischen dem Film, der souveränen Oberfläche der Malerei, und dem Bildgehalt aus. Gehalt meint hier nichts Narratives, sondern ganz wortwörtlich die Verkrustungen, Pastositäten, Stücke, die sich unter der letzten Schicht wölben. Man kann ein Nutellabrot glatt streichen, man kann sich aber auch an den Unebenheiten weiden. So oder so besteht ein Rekurs auf Körperpraktiken. Mit Freuds Feststellung, wonach das Ich »nicht nur ein Oberflächenwesen, sondern selbst die Projektion einer Oberfläche [ist]«, lässt sich die innige Beziehung zwischen malerischer Textur und Selbstreflexion noch erhärten. Selbstreflexion heißt mehr, als dass man als guter Modernist im Zuge der Betrachtung die künstlerische Reflexion nachvollzieht: Sie ist stets auch ein Versuch, das Ich-Bewusstsein auf die Umgebung zu übertragen - und daher fixer Bestandteil im Repertoire der Kontrollfreaks. Zu schauen, ob die Form des Ich der Umgebung gehorcht, oder umgekehrt. Und je flüssiger die Malerei beziehungsweise je flüssiger sie wirkt, desto mehr vermag sie dem Ich die narzisstische Vision einer expansiven Oberfläche unterzureiben.

Hohn kontert diesem expansiven Gestus, indem er seine Malerei immer wieder der Disziplin der Repräsentation unterwirft. Am offensichtlichsten in einer Serie, die sich an die Anweisungen des amerikanischen TV-Mallehrers Bob Ross hält. Aber auch hier, im Genre schlimmster Kaufhauskunst, transformiert ein kalkuliertes Quentchen malerischen Exzesses die schneebedeckten Gipfel und nebelumflorten Birken. Das ist einfach großartig: in der Hölle kleinbürgerlicher Befriedung die Spuren der Utopie sichtbar zu machen. Eingängiger erscheinen dagegen jene Bildserien, die für das Spiel von Repräsentation und deren Aufhebung einen gemeinsamen Code - das an Gerhard Richter gemahnende Verwischen - finden: Schwänze, Wärme, braun, gelb, rot.

Hat Ull Hohn für das Kleinbürgertum gemalt? Ihm, der 1995 im Alter von 35 Jahren an den Folgen von AIDS starb, wird in den USA und in Deutschland die tödliche Bedrohung seitens der Normierungsgesellschaft nicht entgangen sein. Der kleinbürgerlichen Lieblingsbeschäftigung, die eigene vermurkste Identität wider besseres Wissen - und dementsprechend militant, mit Spoiler und breiten Reifen - zu behaupten, setzt Hohn eine Malerei entgegen, die ihre Grundlagen befragt. Das hat eine autobiografische Dimension, die sich darin zeigt, dass er frühe Bilder von sich wiederaufnimmt und durcharbeitet. Es hat aber auch, so komisch das klingen mag, eine objektive Dimension, die sich in der Erscheinung der Malerei, ihrer Stofflichkeit und Farbe offenbart.

In dieser objektiven Dimension treffen und unterscheiden sich Marées und Hohn. Führte das Marées'sche Projekt der Rekonstruktion über die Antike, das heißt, über attische Jünglinge und Orangen vor blauem Himmel, zum konservatorischen Desaster, so kann Hohn das Material sinnvoll artikulieren. Vielleicht, weil er der kleinbürgerlichen Versuchung widerstand, die Repräsentation mit der Vision zu befrachten. Seine Rekonstruktion fördert nichts zutage, sie sucht nichts zu fassen, sondern ist eine ethische Disziplin, was vor allem heißt: sie IST - eben Malerei.

 

   

 

 

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