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Pawel Ksiazek: Die Vorbilder, die keiner kannte

31.07.2009 | 18:26 | ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Pawel Ksiazek zeigt im Salzburger Kunstverein, wie gefährlich nahe sich die Extremspiele der YouTube-Jugend und historische Kunstaktionen kommen können.

In die eine Richtung zieht Lynndie den irakischen Gefangenen über den Boden von Abu Ghraib, das sadistische Bild ging durch alle Medien. In die andere Richtung führt Valie Export Peter Weibel an der Leine übers Wiener Pflaster, die feministische Szene ist aus der Kunst der späten 60er-Jahre geläufig. Zwei ikonische Bilder aus völlig anderen Zeiten und Zusammenhängen, deren schockierende formale Ähnlichkeit einem erst Christiane Reiters ziemlich hartes animiertes Video in der Galerie 5020 so richtig bewusst macht.

Aber was macht man mit einer solch hässlichen Erkenntnis? Im Salzburger Kunstverein wird die Verwirrung noch gesteigert: Da malt der junge polnische Konzeptkünstler mit dem unaussprechlichen Namen Pawel Ksiazek tolle kleine Bilder mit irritierenden, dunklen Motiven: Sie kommen einem schwer bekannt vor und doch wieder nicht. Eines glaubt man gleich zu kennen – es zeigt einen Menschen, der mit Klebeband mitten auf der Wand fixiert wurde. Maurizio Cattelan tat das 1999 mit seinem Galeristen und nannte die lebende Installation dann böse „A Perfect Day“. Einen Papiersack hatte er ihm trotzdem nicht über den Kopf gestülpt, auch wenn das die Sache für den Künstler vielleicht noch perfekter gemacht hätte.

 

Denunzierende Schnappschüsse

Das tat ein anonymer Fotograf, ein in der Kunst gebräuchlicher „N.N.“ (nomen nescio). Ksiazek fand das Bild im Internet, auf YouTube, MySpace oder sonst einer Seite mit pubertärem Exhibitionismus. Auch das Mädel mit der Schampusflasche im Mund hat er nicht aus Nan Goldins Fotoserie ihres devastierten Freundeskreises abgemalt. Von dieser Komasäuferin aber kennt man weder Namen noch Fotografen, man kann sich von ihr auch nicht durch die Kunstbrille distanzieren, sie wurde durch den Schnappschuss von ihren Freunden, oder besser: ihren Mittätern, schlicht denunziert.

Der weibliche Körper mit Brandspuren, die zerkratzten Rücken und die über dem Balkongeländer Hängende, die Ksiazek in seinen intensiven, pastos gemalten Kleinformaten unregelmäßig über die Wände verteilt, sie alle stammen aus diesem anonymen Fundus des täglichen weltweiten Grauens. Mit Kunst haben sie nichts zu tun – und erinnern doch frappant an teils historische Aktionen. Ksia?ek projiziert diese Vorbilder, die keiner kannte, als Diaschau in eine Ecke.

Auch Lynndie wird Valie nicht gekannt haben. Was die komasaufende Partyjugend von heute, die doch nur eine technisch versierte Variante des ewig Pubertären ist, und die aktionistische Nachkriegskunst miteinander verbindet, ist die Suche nach existenziellen, nach extremen Situationen. Beide bedienen sich dabei uralten Ritualen der Initiation, zeigen sich bemalt, zerschnitten, berauscht. Die einen tun das in Protest gegen die Eltern, in selbstvergessener Flucht, aus reiner Verliebtheit in die eigene Unbändigkeit. Die anderen taten es, um nach dem Krieg ein repressives System aufzubrechen. Mit diesem Vergleich ist Ksiazek gerade in Österreich ein starkes (institutionelles) Debüt gelungen.


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