Quer durch Galerien
Ein so genannter Rubensdarm
Von Claudia Aigner
Verdaut die Venus von Willendorf schon wieder? Zumindest ihr
Stoffwechsel scheint wiedergeboren worden zu sein. Als gigantischer
Dickdarm mit einem Kopf am oberen Ende, kurz: als Frau, die sich
bestenfalls durch Peristaltik fortbewegen kann (raupenartig). Die ist nun
aber nicht einem "Darmspiegelungsperversling" erschienen oder einem
anderen Internisten, der gerade eine erotische Fantasie von einem üppigen
"Rubens-Gedärm" gehabt hat. Nein, die gibt's in der Galerie M-Art
(Börseplatz 3). Bis 18. Oktober. Das koloristisch geglückte, sehr
fleischige Bild von Julyah Rabinowich lässt den Östrogenspiegel steigen
(von jeder Jüngerin der ominösen Großen Mutter). Denn diese "Traumfrau für
Lüstlinge mit Endoskop", dieses Land der Verheißung für jedes
ambitionierte Abführmittel ist ein Affront gegen jede liegende Venus der
Kunstgeschichte. Ansonsten ist in der Ausstellung "Interno - Kunst von
Frauen" ja eigentlich eh alles wie bei den Männern. Ein bisschen schade.
In letzter Zeit werden anscheinend auch keine neuen Feministinnen mehr
geboren. Oder sie schauen mit einem Pokerface dabei zu, wie sich der Mann
still und heimlich regeneriert. Zur Not päppelt er sich ja mit Hilfe einer
blauen Tablette wieder auf, die das Hauptwerk des Y-Chromosoms (sein "Opus
magnum" sozusagen) wieder unmissverständlich inthronisiert. Trotzdem
will ich mich dem erquicklichen Gedanken hingeben, dass etwa Nadejda
Dimitrovas mutmaßliche Liebesszene den Geschmack des (neuerdings mit
Viagra gedopten) Patriarchats parodiert: Eine balzende Frau mit
geschocktem Pfau. Der kann folglich nicht der wandlungsfähige Zeus sein,
der ja nie vegetarisch, sprich: zölibatär gelebt hat. Und der ja
Liebestechniken in allen Aggregatzuständen beherrscht hat. Danae hat er
"beregnet" und eine gewisse Io gar "benebelt" (ein Meister der gasförmigen
Begattung, aber möglicherweise hat er sich dabei eh mit seinem
"Nebelhorn", einem Instrument im festen Aggregatzustand, in der
übertölpelten Io orientiert). Für mich heißt die komisch erotische
Verführungsszene mit dem hormonell desinteressierten Pfau jetzt jedenfalls
"Leda verwechselt einen völlig unbeteiligten Pfau mit dem Schwan". Lasst's
mir wenigstens die Freude. Ein König ist manchmal auch nur ein Mensch.
Dann stapeln sich auf seinem Thron zum Beispiel sieben Sitzpölster. Aber
nicht, weil er eine wehleidige Prinzessin auf der Hämorrhoide äh Erbse
wäre, sondern wegen der Aussicht. Deshalb "sitzt" er dort oben ja im
Stehen. Noch dazu hat er sowieso ein mickriges, also unmajestätisches
Sitzfleisch der Konfektionsgröße XS, während der Stuhl XXXL ist. Einen
Thron zu besteigen ist eben auch eine Form von Gipfelsieg. Brigitta
Knoll (mit ihrem Mann betreibt sie eine Ateliergalerie in der Schwertgasse
2, hinten wird gearbeitet, vorne ausgestellt) beherrscht den
hintergründigen Humor. Ihre Grafiken sind sozusagen von der "lieben" Art.
In ihren materialverspielten Gemälden zeigt sie dann aber so richtig, was
sie kann. Vielleicht ihr schönstes Bild: "Im Schwanensee." Da kostet sie
die Sinnlichkeit von knittrigem Seidenpapier genussvoll aus, das hier
geradezu herumplätschert und herumwogt. Von Bernhard Knoll: das Flair von
Höhlenmalereien. Wegen seiner koketten "Drahtwaschelmethode" sehen seine
"paläolithischen" Siebdrucke so pittoresk erodiert und zerkratzt aus.
Reinhard Roys Bilder (bis 31. Oktober beim Lindner, Schmalzhofgasse
13) haben absolut exakte "Masern" (Präzisionsmasern gewissermaßen), haben
sich aber nicht etwa bei Roy Lichtenstein angesteckt. Die bunten Punkte
ergeben nämlich nicht die Mickymaus, sondern eine flimmernde Farbfläche.
Ein reizvolles optisches Erlebnis.
Erschienen am: 11.10.2002 |
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