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| Viennale:
"Immer langsam immer schöner" - Martin Bruchs handbikemovie Der gebürtige Tiroler Martin Bruch hat es geschafft, seiner vor über zehn Jahren diagnostizierten Multiple-Sklerose-Erkrankung ungewohnte künstlerische Perspektiven abzugewinnen. Wien (APA) - Seine unter dem Titel "Bruchlandungen" veröffentlichten Fotografien, die u.a. 2001 auf der Biennale von Venedig ausgestellt waren, entstanden unmittelbar nach seinen Stürzen mit einem Tretroller. Im Rahmen der Viennale (am 25.10.) erlebt nun Bruchs Filmdebüt seine Uraufführung: "handbikemovie" basiert auf Fahrten mit einem "handbike" - einem handpedalbetriebenen Fahrrad, mit dem Bruch seit 1998 vorzugsweise unterwegs ist - und versteht sich als konzeptuelle Studie über Dauer, Zeit und Bewegung.16.000 Kilometer hat Bruch u.a. in Wien, London, Paris, Istanbul und New York zurückgelegt und mit einer eigens konstruierten "Helmkamera" dokumentiert, die subjektive Einblicke in eine Weltsicht bei fünf bis zehn km/h vermittelt - eine "autobiografische Lebensabschnittsbeschreibung" nennt er diesen fast nonverbalen, aus 56 hart geschnittenen Einstellungen montierten Reisebericht. Bruch kurbelt sich durch den Großstadtverkehr, über Brücken und Autobahnen(!), Pässe hinauf und Bergstraßen hinunter, bis ans Meer. Seine Bremsseile ragen in den unteren Bildrand, und wenn ausnahmsweise einmal kein Auto vorbeifährt, hört man sein Tretgeräusch und seinen Atem. Dass er fast nur auf unerlaubten Wegen unterwegs und praktisch immer in Lebensgefahr ist, versteht sich von selbst. Die Bilder, die der Zuschauer zu sehen bekommt, sind dennoch reichlich unspektakulär. Die Langsamkeit, mit der Bruch sich fortbewegt, scheint er nicht gerade für kontemplatives Schauen zu nutzen. Er rollt begeistert durch einen "toll" befundenen Supermarkt, ohne sich aber an den Ständen aufzuhalten. Nicht einmal vor den Kunstwerken der Tate Gallery macht er Halt. Wenn er sich allerdings in halsbrecherischer Geschwindigkeit eine Bergstraße hinunterrollen lässt, fühlt man sich an die spielerische Experimentierlust der frühesten Kinodokumente erinnert. Im neuen Kulturforum New York begegnet er einem Tiroler Landsmann, dem Architekten Raimund Abraham, der ihn dem Filmemacher Peter Kubelka vorstellt. "Er ist ein großer Lehrer von mir", erklärt Bruch Abraham, "weil ich mach' jetzt einen Film." Und zu Kubelka: "Jetzt sind Sie drin." "Aha", lacht der, "Naja, kann man nichts machen." Dass es Bruch in seinem Film wohl weniger ums Sehen im herkömmlichen Sinn geht als vielmehr um eine andere Art von Wahrnehmen, um Erleben und Spüren, macht nicht zuletzt der witzige Dialog gegen Ende des Streifens deutlich, als dem Regisseur in Wien der blinde Musiker Otto Lechner über den Weg läuft: "Hallo Otto!" - "Hallo Martin! Wie geht's ?" - "Siehst eh". - Die Schluss-Sequenz hat dann schon eher transzendentale Qualität: Die Kamera verfolgt Bruch von hinten auf einem Weg durch eine endlos scheinende Sandebene, bis er als Punkt am Horizont verschwindet, begleitet von einem Song von Otto Lechner: "Es wird langsam langsam langsam immer schöner, immer langsam, immer schöner...". 2003-10-19 09:19:07 |