Endoskopische Architektur

Den Originalbeitrag zu Günther Domenigs Nürnberger Umbau finden Sie in der architektur aktuell, Österreichs größter Architekturzeitschrift.


Der Kongressbau am ehemaligen Nürnberger Reichsparteitagsgelände ist die größte erhaltene Bauruine des Dritten Reichs. Die gewaltige Kubatur bildet metaphorisch das Fleisch, das der Pfahl aus Stahl und Glas durchdringt.

Kritische Auseinandersetzung

Günther Domenig, selbst in dauernder kritischer Auseinandersetzung mit seiner eigenen, traumatisch fortwirkenden Jugend in der NS-Zeit, konnte hier ein radikales Konzentrat seiner bisher entwickelten Formensprache im sinnfälligsten aller denkbaren Zusammenhänge realisieren: Die kantigen, expressiven Formen der Durchschneidung und des Aufsprengens illustrieren einen zornigen, aber auch präzisen Umgang mit Geschichte.

Günther Domenig / ©Bild: ORF
Günther Domenig / ©Bild: ORF

Die Dokumentationsausstellung in diesem extremen kontrastreichen Gehäuse erklärt die Hintergründe der Nazi-Monumentalplanungen für Nürnberg.

Detailierte "Vorarbeit"

Die Themen der scharfen Kontrastierung mit Altbestand, der Ausstellung und des Zubaus hatte er in zahlreichen Bauten der vergangenen Jahre bis zur Perfektion getrieben. In Nürnberg entschloss sich Domenig zur synchronen Vereinigung der dabei erarbeiteten Typen.

  • Den langgestreckten gläsernen Riegel hatte er bereits bei einer Landesausstellung in Kärnten als visuelles Rückgrat der Konfrontation mit Ruinen (die auch dort das Hauptexponat darstellten) erprobt.
  • Das "Aufschneiden" eines Bestandstraktes unter Einfügung einer Stahl-Glas-Konstruktion als Abstandshalter zwischen den verbliebenen Bau-Hälften hat er im Schloss Neuhaus in Unterkärnten bei einem privaten Wohnbau vorformuliert.
  • Und das Aufsetzen und Andocken eines Zusatzvolumens hat Domenig bereits bei der Erweiterung des Klagenfurter Stadttheaters zelebriert.

Expressiver Stahlbau

Die Wegführung durch die gewaltigen Höhlungen des Nürnberger Nazibaus (wobei sogar nur ein Trakt der ehemaligen Erschließungs-, nicht einmal die eigentlichen Tribünenbauten genutzt werden) bietet zahlreiche Gelegenheiten, die Domenig eigene, expressive, auf oft aggressiv erlebte Kollisionen ausgerichtete Stahlkörpersprache auszuleben.

Es beginnt schon beim Eingang an der Flanke des ehemaligen Kongressbaus. Der schmale Durchlass wird überragt von einem Bündel horizontal aus dem Gebäude ragender Stahlstangen, wie sie Domenig schon beim Gründerzentrum Völkermarkt verwendet hat und auch in seinem legendären Steinhaus zielt ein Stahlgerät aus dem Gebäude auf einen symbolischen Fernpunkt.

Neue Dimensionen

In Nürnberg führt eine Treppe weiter durch das meterdicke, durchwegs roh belassene Mauerwerk in die erste Halle. Hier sind Empfang, Wechselausstellung, gläserner Liftturm und ein in den Luftraum eingehängter Projektionsraum als klar ablesbare Interventionen untergebracht. Für die Kinohalle mussten in das Dachgeschoss neue Betonüberzüge gespannt werden, von denen sie abgehängt ist.

©Bild: APA
©Bild: APA

Mussolinis Geschenk

Das eigentliche Erlebnis stellt sich aber dann beim Durchschreiten des Glasriegels ein, der mehrere der riesigen Repräsentationshallen durchdringt. In der großen Säulenhalle, deren kostbare Riesenstützen als ein perverser Klassizitäts-Beitrag von Mussolini als Geschenk geliefert worden waren, ist der Glaskasten zwischen den Säulen durchgefädelt.

Endoskopische Betrachtung

Das räumlich-ikonographische Erlebnis ist fulminant: Ganz abgesehen von den gewaltigen realen Raumdimensionen, die selbst einen Piranesi in Schwindel versetzt hätten, fühlt sich der Besucher wie ein Teil eines chirurgischen Geräts, das den Körper des NS-Baus durchdringt und dabei in alle Richtungen Blicke auf seine Eingeweide werfen kann.

Von diesem Endoskop aus führen verschiedene Wegabschnitte des Ausstellungsparcours durch einige Hallen, die von Müller & Rieger aus München für die Ausstellung eingerichtet wurden. Stahl dominiert als Material der Segmentwände.

Innensicht

Am oberen Ende des Glasriegels betritt man eine Aussichtsplattform, die einen Blick in das Innere des Kongressbaus eröffnet: Von hier oben wirkt er wie ein gewaltiger Ziegelsteinbruch.

Auf das Flachdach des Vorbaus, in dem das Dokumentationszentrum untergebracht ist, hat Domenig ein Studienzentrum gesetzt, dessen Konstruktion ingenieurmäßige Höchstleistungen erforderte.

NS-Inszenierung

Schiefe und gleichzeitig geneigte Stahlrahmen definieren den Raum, der einen Rundblick über das gesamte Gelände bietet: So banal und alltäglich das Parkgebiet heute in seiner vielfältigen Freizeitnutzung wirkt, in der die NS-Ruinen gar nicht weiter auffallen, so faszinierend haben in den 1930er Jahren die Inszenierungen der NSDAP gewirkt, deren weit jenseits der Harmlosigkeit liegende ästhetische Qualität als politisches Instrument erst zu spät erkannt wurde.

Zeitgenössisches Signal

Domenigs auskragender, unregelmäßig prismatischer Schwebekörper aus Stahl und Glas über der Kongresshalle ist weithin sichtbar als doppeltes Signal: Erstens wirkt es als faszinierende zeitgenössische Behauptung (deren Zweck dem Fernblick noch unklar ist) und zweitens auch als Markierung, als eine Art dreifaches Ausrufungszeichen über dem im Grunde recht banalen NS-Monument, das damit dem ausgleichenden Alltagsblick wohl erst wieder als gebauter Irrsinn so richtig bewusst wird.

Der Nürnberger Bauleiter Walter Anderle zeigt Domenigs Modell, November 1998 / ©Bild: APA
Der Nürnberger Bauleiter Walter Anderle zeigt Domenigs Modell, November 1998 / ©Bild: APA

Auf dieser semantischen Ebene trifft sich Domenigs radikale Schnitt-Chirurgie mit ihrem Objekt: Dem Wahnsinn ist, so scheint es, eben nur durch Teilresektion beizukommen, die den abgestorbenen Organen eine neue, diesmal allerdings humane Funktion verleiht.

Presseschau

Süddeutsche Zeitung I
Süddeutsche Zeitung II
Die Zeit
Der Spiegel

Tipp

Die jüngste Ausgabe von architektur aktuell, Österreichs größter Architekturzeitschrift, ist dem Thema memory gewidmet.

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