| Endoskopische Architektur | |
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Den Originalbeitrag zu Günther Domenigs Nürnberger Umbau finden Sie in der architektur aktuell, Österreichs größter Architekturzeitschrift. |
Der Kongressbau am ehemaligen Nürnberger
Reichsparteitagsgelände ist die größte erhaltene Bauruine des Dritten
Reichs. Die gewaltige Kubatur bildet metaphorisch das Fleisch, das der
Pfahl aus Stahl und Glas durchdringt. Kritische Auseinandersetzung Günther Domenig, selbst in dauernder kritischer Auseinandersetzung mit
seiner eigenen, traumatisch fortwirkenden Jugend in der NS-Zeit, konnte
hier ein radikales Konzentrat seiner bisher entwickelten Formensprache im
sinnfälligsten aller denkbaren Zusammenhänge realisieren: Die kantigen,
expressiven Formen der Durchschneidung und des Aufsprengens illustrieren
einen zornigen, aber auch präzisen Umgang mit Geschichte.
Die Dokumentationsausstellung in diesem extremen kontrastreichen
Gehäuse erklärt die Hintergründe der Nazi-Monumentalplanungen für
Nürnberg. Detailierte "Vorarbeit" Die Themen der scharfen Kontrastierung mit Altbestand, der Ausstellung
und des Zubaus hatte er in zahlreichen Bauten der vergangenen Jahre bis
zur Perfektion getrieben. In Nürnberg entschloss sich Domenig zur
synchronen Vereinigung der dabei erarbeiteten Typen.
Expressiver Stahlbau Die Wegführung durch die gewaltigen Höhlungen des Nürnberger Nazibaus
(wobei sogar nur ein Trakt der ehemaligen Erschließungs-, nicht einmal die
eigentlichen Tribünenbauten genutzt werden) bietet zahlreiche
Gelegenheiten, die Domenig eigene, expressive, auf oft aggressiv erlebte
Kollisionen ausgerichtete Stahlkörpersprache auszuleben. Es beginnt schon beim Eingang an der Flanke des ehemaligen
Kongressbaus. Der schmale Durchlass wird überragt von einem Bündel
horizontal aus dem Gebäude ragender Stahlstangen, wie sie Domenig schon
beim Gründerzentrum Völkermarkt verwendet hat und auch in seinem
legendären Steinhaus zielt ein Stahlgerät aus dem Gebäude auf einen
symbolischen Fernpunkt. Neue Dimensionen In Nürnberg führt eine Treppe weiter durch das meterdicke, durchwegs
roh belassene Mauerwerk in die erste Halle. Hier sind Empfang,
Wechselausstellung, gläserner Liftturm und ein in den Luftraum
eingehängter Projektionsraum als klar ablesbare Interventionen
untergebracht. Für die Kinohalle mussten in das Dachgeschoss neue
Betonüberzüge gespannt werden, von denen sie abgehängt ist.
Mussolinis Geschenk Das eigentliche Erlebnis stellt sich aber dann beim Durchschreiten des
Glasriegels ein, der mehrere der riesigen Repräsentationshallen
durchdringt. In der großen Säulenhalle, deren kostbare Riesenstützen als
ein perverser Klassizitäts-Beitrag von Mussolini als Geschenk geliefert
worden waren, ist der Glaskasten zwischen den Säulen durchgefädelt. Endoskopische Betrachtung Das räumlich-ikonographische Erlebnis ist fulminant: Ganz abgesehen von
den gewaltigen realen Raumdimensionen, die selbst einen Piranesi in
Schwindel versetzt hätten, fühlt sich der Besucher wie ein Teil eines
chirurgischen Geräts, das den Körper des NS-Baus durchdringt und dabei in
alle Richtungen Blicke auf seine Eingeweide werfen kann. Von diesem Endoskop aus führen verschiedene Wegabschnitte des
Ausstellungsparcours durch einige Hallen, die von Müller & Rieger aus
München für die Ausstellung eingerichtet wurden. Stahl dominiert als
Material der Segmentwände. Innensicht Am oberen Ende des Glasriegels betritt man eine Aussichtsplattform, die
einen Blick in das Innere des Kongressbaus eröffnet: Von hier oben wirkt
er wie ein gewaltiger Ziegelsteinbruch. Auf das Flachdach des Vorbaus, in dem das Dokumentationszentrum
untergebracht ist, hat Domenig ein Studienzentrum gesetzt, dessen
Konstruktion ingenieurmäßige Höchstleistungen erforderte. NS-Inszenierung Schiefe und gleichzeitig geneigte Stahlrahmen definieren den Raum, der
einen Rundblick über das gesamte Gelände bietet: So banal und alltäglich
das Parkgebiet heute in seiner vielfältigen Freizeitnutzung wirkt, in der
die NS-Ruinen gar nicht weiter auffallen, so faszinierend haben in den
1930er Jahren die Inszenierungen der NSDAP gewirkt, deren weit jenseits
der Harmlosigkeit liegende ästhetische Qualität als politisches Instrument
erst zu spät erkannt wurde. Zeitgenössisches Signal Domenigs auskragender, unregelmäßig prismatischer Schwebekörper aus
Stahl und Glas über der Kongresshalle ist weithin sichtbar als doppeltes
Signal: Erstens wirkt es als faszinierende zeitgenössische Behauptung
(deren Zweck dem Fernblick noch unklar ist) und zweitens auch als
Markierung, als eine Art dreifaches Ausrufungszeichen über dem im Grunde
recht banalen NS-Monument, das damit dem ausgleichenden Alltagsblick wohl
erst wieder als gebauter Irrsinn so richtig bewusst wird.
Auf dieser semantischen Ebene trifft sich Domenigs radikale
Schnitt-Chirurgie mit ihrem Objekt: Dem Wahnsinn ist, so scheint es, eben
nur durch Teilresektion beizukommen, die den abgestorbenen Organen eine
neue, diesmal allerdings humane Funktion verleiht. Presseschau Süddeutsche Zeitung I Tipp Die jüngste Ausgabe von architektur aktuell,
Österreichs größter Architekturzeitschrift, ist dem Thema memory gewidmet. | ||||||||