gay-line

 

 

 

 

Roger Martin Buergel

 

 

Medienwerkstatt Wien
Wien
3.11.1998 - 10.11.1998

 

Dem Charme der Macht zu erliegen, die Insignien der Macht geil zu finden, ist kein Kennzeichen schwulen Begehrens allein. Doch während die Diskurse der normativen Sexualitäten den Wunsch zu dienen regelmäßig verschleiern und die diversen Spielarten der Sublimierung, allen voran das Theoriegenre, ihre Einsätze häufig mit irgendwelchem politischen Mehrwert verbrämen, existiert spätestens seit Leo Bersanis Aufsatz »Is the Rectum a Grave« [1] im Feld der schwulen Selbstverständigung eine Diskussion, die es sich leistet, Form und Gehalt des Begehrens wichtig und deshalb nicht so ernst zu nehmen.

Jürgen Brünings Film »Er hat 'ne Glatze und ist Rassist, er ist schwul und ein Faschist« (1994) ist ein weiterer Beitrag zu dieser Diskussion, die die allzu komfortable Gleichung von Homosexualität und politischer Dissidenz beiseite schiebt, um entlang einer historisch aktuellen Konfliktlinie originelle Beschreibungen psychischer und sozialer Verhältnisse zu gewinnen. Brünings neuester Film »Blut« (1998) geht in der Konstruktion von Blickweisen noch weiter, obwohl sich deren Relevanz nicht wie an einem Fieberthermometer ablesen läßt. Deshalb sage ich besser, daß er eine gewisse unpersönliche Beschreibungsform nutzt für ein deutsches Sittenbild, das deprimierend tragisch wirkt, weil es jeglicher Transzendenz eine Absage erteilt hat, und deshalb dem voyeuristischen Kinopublikum zumutet, sich im Nachhinein seiner selbst zu vergewissern. Wer den Film allein sieht, ist verloren. Aus dem Off vernimmt man die monotone Erzählung einer Frau, die minutiös über das Sterben ihrer drogensüchtigen Freundin berichtet. Das Aufbrechen der Abszesse, der kurze Sprung in die Apotheke, die Weigerung, im Krankenhaus zu bleiben, sind unterlegt mit der stummen Performance einer Nackten, von oben gefilmt, die sich auf ihrer Matraze wälzt, blutet, die mit einer aufblasbaren Sexpuppe agiert, indem sie diese wie ihr Double befühlt und mit Stoff versorgt, und die manchmal abwesend ist. Einmontiert sind Sequenzen aus S/M-Männerpornos, peitschende Folterer und die Penetration des Opfers, dessen Lust außer Frage zu stehen scheint. Marianne Rosenberg singt: »Liebe kann so weh tun, doch sie gibt auch viel... «, und um die Zerschlagung der narrativen Kohärenz auch dem blindesten unter den Liebenden vor Augen zu führen, läuft über die gesamte Dauer des Films ein Textzug, weiß auf schwarz: »Dieses Video entstand mit der freundlichen Unterstützung von« und dann kommt all jenes, was wir nie verarbeiten werden: »Peter und Steffi Graf, der Tölzer Knabenchor, Visa, Max Planck-Institut für angewandte Mondforschung, Lothar Matthäus usw.«. Trotz aller Neigungen, sie zu ästhetisieren, gilt, daß die Abstraktion eine Eiswüste ist. Jenseits von ihr liegt die Sphäre verkörperter, sinnlicher Ideen. Daß uns der Film dort nicht hingeleitet, kann ich dem Film nicht zum Vorwurf machen, würde es aber gern. Kopfzerbrechen bereitet auch die weibliche Nackte, die dank der Überdeterminierung von Frauenbildern automatisch zur Allegorie gerät. Vielleicht ist das aber der Preis, den der Film zu entrichten hat, um der klassischen Opferikonografie von AIDS zu entgehen. Nur, wer zahlt diesen Preis? Vielleicht - ich weiß es nicht - ist es möglich, diese Diskussion zu führen, ohne daß sich die sensibilisierten Minderheiten gegenseitig die Schuld am System zuschieben.

Als weitere monografische Schiene zeigte die Gay-Line die eher heiteren Filme von Michael Brynntrup. »Liebe, Eifersucht und Rache« (1991) etwa mimt einen Lehrfilm aus dem Sprachinstitut (»Deutsch für Deutsche«). Vor dem Hintergrund einer köstlichen Telefonkonversation in einer Schwulenbar geht es um die Einbürgerung ausländischer Filme mit Untertiteln - ein Projekt, das angesichts der grausamen Qualität deutscher Synchronisationen ebenso emsig betrieben werden sollte wie die Verleihung der Staatsbürgerschaft auch an fußballunbegabte AusländerInnen.

Daß die Anfang der achtziger Jahre als offener, durchaus auch politisch motivierter Produktionsort für autonome Medienarbeit gegründete Medienwerkstatt sich mit solchen Veranstaltungen als eine der wenigen Wiener Initiativen in diesem Bereich immer wieder ins Bewußtsein ruft, ist ein über das Programm der gay line hinaus eindrückliches Zeichen ihrer nach wie vor unverzichtbaren Arbeit.



 

   

 

1 Leo Bersani: »Is the Rectum a Grave«, in: October 43 (Sonderausgabe AIDS), S. 197-222.

 

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