Ikonen des Weiblichen

Die indische Plakatmalerei hat einen eindeutigen Hang zur holden Weiblichkeit.
Von Ines Mitterer.


Es gibt sie tatsächlich noch: die Kalendermaler in Indien. Sie stellen zumeist anonym die Bilder her, die dann als Druckvorlage für Kalender dienen und zu Hunderttausenden in alle Winkel des Subkontinents verkauft werden. Lokale Maler ergänzen die Bilder mit lokalen Motiven und lokale Druckereien bringen noch die gewünschte lokale Werbung an. Das geht so seit über hundert Jahren.

Krishnas Arme

Einige Motive sind dabei gleich geblieben, andere haben sich verändert. Gleich geblieben sind vor allem die religiösen Darstellungen. Die Göttinnen mit den vielen Armen in starken, knalligen Farben; die Mutter Krishnas etwa mit dem blauen Kind am Arm, wobei das Blau auf die Göttlichkeit des Babys verweist. Die religiösen Motive sichern den indischen Kalendermalern in den Zeiten der Fotografie und des Computers auch das Überleben, erklärt die Soziologin Patricia Uberoi, Leihgeberin und Kuratorin der Kalenderblätter.

Wie fotografiert man eine Göttin?

Interessant ist aber auch, dass mit Bildern gearbeitet wird, die tatsächlich als religiöse Bilder verehrt werden. Und da ist es mit der Fotografie natürlich schwierig. Denn wie fotografiert man einen Gott oder eine Göttin? "Man kann zwar das Gesicht eines Filmstars verwenden oder eines Models aus der Werbung, aber dann muss man sie mit vier oder acht oder zehn Armen versehen und das ist nicht so einfach", erläutert Patricia Uberoi schmunzelnd.

Irdische Göttinnen

"I Love You", 1976 (Zum Vergrößern anklicken)

Die meisten der Damen, die sich jetzt auf den indischen Kalenderbildern räkeln, sind aber durchaus irdische Göttinnen: Romantische Schönheiten mit Halbmond im Hintergrund à la "Tausend und eine Nacht", kämpferische Heldinnen, liebevolle Mütter, selbstbewusste Schauspielerinnen, die vor dem Taj Mahal ihr Coca Cola schlürfen, und brave Bäuerinnen und verführerische leichte Mädchen.

Unerreichtes Ideal?

"Mädchen und Motorroller", 1970 (Zum Vergrößern anklicken)

Dargestellt wird also ein idealisiertes Frauenbild, das die realen Inderinnen ehrt und ärgert zugleich. Gilt die Verehrung doch einem unerreichbaren Ideal und nicht dem erreichbaren Alltag, wie er auf den Monaten und Tagen der Kalender verzeichnet ist. Auf vielen Bildern werden die schönen Frauen zudem mit irgendwelchen begehrenswerten Gegenständen abgebildet, vom Fahrrad über das Auto bis hin zu Fernsehgeräten und Nähmaschinen, Uhren und Juwelen, um auch diese Sehnsüchte noch zu schüren. Kein Wunder, dass Patricia Uberoi, die seit Jahrzehnten in Indien lebt und forscht, große Parallelitäten zwischen Kalendermalerei und Werbung sieht.

Wenig Prestige

"The Priceless Pearls of Bengali", 1973 (Zum Vergrößern anklicken)

Bis jetzt ist die indische Kalendermalerei als Kunstform genauso wenig anerkannt worden wie etwa die Plakatmalerei. Die Künstler sind anonym, die Druckereien schneiden ihre Namen meistens weg und keiner kümmert sich um Copyrights. Außerdem sind diese Bilder einfach da, überall und seit Ewigkeiten.

Beginnender Boom

Erst heute fangen die ersten Galerien und Museen an, einzelne Arbeiten auszustellen. Wobei sich aus nostalgischen Gründen ältere Exemplare - etwa aus den 60er und 70er Jahren - größerer Beliebtheit erfreuen. Da es sich um Massenkunst handelt, glaubt Patricia Uberoi aber nicht, dass die Kalendermalerei dem feinen Geschmack der gebildeten Bevölkerung entspricht. "Die grellbunten Farben, die kitschige Formensprache gelten als Beleidigung für den guten Geschmack", so Uberoi.

Dennoch ist es heute so, dass immer mehr anerkannte bildende Künstler diese Malerei für sich entdecken und in ihre Arbeiten einfließen lassen. Und das führt wiederum zu einer Anerkennung dieser Kunst in allen Bevölkerungsschichten, als Kunst für jeden Tag. So verzieren die schönen Damen nun mit Fug und Recht auch die Wohnzimmer kunstsinniger Inder. In den Autowerkstätten hatte man ihre Qualität ohnehin schon lange erkannt.

Tipp:

Die Ausstellung "From Goddess to Pin-Up", Ikonen des Weiblichen in der indischen Kalendermalerei, ist von 28. Februar bis 22. April im Wiener MAK zu sehen.

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