Kultur/Medien | 13.08.01 | www.DiePresse.at
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Manie und Obsession: Pierre Klossowski ist tot

In Paris ist im Alter von 96 Jahren der Philosoph, Romancier, Maler Pierre Klossowski gestorben.

Fast fünfzig Jahre nach dem Erscheinen seines literarischen Hauptwerks, des Prosa-Triptychons "Gesetze der Gastfreundschaft", ist in Paris im Alter von 96 Jahren eines der merkwürdigen Multitalente des vorigen Jahrhunderts gestorben: Pierre Klossowski. Über sich selbst sagte der Sohn des Kunsthistorikers Erich Graf Klossowski de Rolla und der Malerin Baladine Klossowska: "Ich bin kein Romancier, kein Philosoph, nicht einmal ein Künstler, sondern zuerst bin ich manisch - schlicht und einfach ein Manischer. Jedes meiner Werke, welches es auch sei, hat zum Ursprung eine Manie."
Diese Manie hat bunte, wirre Früchte getragen, zumeist von aggressiver Laszivität. Ihn als Pornographen abzutun, hindern der enorme geistes- und kulturhistorische Hintergrund und die gestalterische Disziplin. Aber trotz einer Fülle von an Marquis de Sade und George Bataille geschulten Grausamkeits-Erfindungen entging er nicht dem Grundübel der Pornographie: der Wiederkehr des Immergleichen.
Eine Hauptfigur beherrscht sein großes Buch (ihn): die als Bürgerschreck (Sozialistin, Atheistin) konstruierte Roberte, die von ihrem Mann, einem Philosophieprofessor, den bizarren Gästen zu jedweder lustvollen Schändung freigegeben wird. Er hat Roberte auch vielmals gezeichnet, in schamlosen Posen, eine Göttin und Dirne und Objekt pubertärer Phantasie.
Über sich selbst hat er auch in Filmen Auskunft zu geben versucht - in wohlkomponierter Selbststilisierung: "Roberte Interdite", "Peintre exorciste". Anläßlich einer Ausstellung vor sechs Jahren in der Wiener Secession gewann ein Urteil des Kunsthistorikers Peter Gorsen anschaulich Gewicht: Er beschrieb Klossowski als einen "Meister des Traumkitschs", Rudolf Burger skizzierte Klossowski als einen "katholischen Dionysos".
Klossowski war ein Bruder des im Vorjahr verstorbenen Malers Balthus (dem der Palazzo Grassi in Venedig ab 9. September eine große Retrospektive widmet). Er studierte Theologie, übersetzte Hölderlin-Gedichte und Nietzsche-Briefe und gab sich eine Zeit lang als Sohn Rilkes aus - den er ebenso kennengelernt hatte wie André Gide. Dem Christentum wirft er die sexuelle Verdrängung vor, und doch wollte er immer zugleich Ketzer und Katholik sein.
"Die Gesetze der Gastfreundschaft" entwickeln in drei verschiedenen Erzähl-Szenarios die Teilhabe an den Freundschaftsspielen bei aller Offenheit auch mit viel Geheimnistuerei um ein Ritual. Im Roman "Baphomet" hat sich Klossowski dann dem Lockruf des Mysteriums und Lästerlichen noch weiter geöffnet: Roberte ist eine Wiedergeburt der Heiligen Therese von Avila, die Hauptfigur, ein Page wird in den klandestinen Orden der Templer eingeführt, dort als Lustobjekt mißbraucht, zuletzt als Gott verehrt und rituell erhängt (eine in der Kunst öfter thematisierte Homosexuellen-Phantasmagorie).hai

© Die Presse | Wien
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