Artikel aus profil Nr. 46/2002
Wer lauter brüllt, fährt schneller

In der Wiener Generali Foundation führt eine exzellente Ausstellung anhand der Arbeit von vier Künstlern „Designs für die wirkliche Welt“ vor.
Ein hybrider Supermarkt-Einkaufswagen: mobiles Heim für Obdachlose. Der Hippo Water Roller: klingt sportlich, ist aber, wie’s aussieht, einfach ein Wassercontainer zum Nachziehen. Sie kommen als tragbare Kamera daher oder als bosnischer Schwarzmarkt: Designs für die wirkliche Welt. 1969 erschien in Schweden Viktor Papaneks Buch „Designs for the Real World“, das den Propagandisten der guten Form Beteiligung an so mancher gesellschaftlichen Hässlichkeit vorwarf.

Papanek liefert die Chiffre für eine aktuelle Ausstellung in der Generali Foundation, die sich um Lebensraumgestaltung dreht: initiiert und ausgeführt von Künstlern wohlgemerkt, nicht von Designern oder Architekten. Die ressortunzuständige Kunstfraktion wird vom bürgerlichen Idealisten nur allzu gern auf die ästhetische Reservebank geschickt – meist mit der Mahnung versehen, doch nicht in den Terrains der Realos zu wildern.

Denn wer heute interdisziplinär und kontextbezogen arbeitet, für den ist Design mehr als bloße Oberflächenvariation. Wer Kunst, Design und Architektur mit dem Thema Gesellschaft verbindet, Recherchemodalitäten und die Beobachtung der Wirklichkeit in ästhetisch wie funktional überraschende Form bringt, gehört zu jenen Tiefschürfern, die das Kunstwerk noch als Resultat von Reflexionen begreifen.

Exemplarisch dafür zeigt man nun in Wien, in der Ausstellung „Designs für die wirkliche Welt“, einmal den Polen Krzysztof Wodiczko, einen Veteranen für Kommunikationsstrategien im öffentlichen Raum. Der Professor am M.I.T. schlägt etwa eine fahrbare Rednertribüne vor, die durch Sprechemphase betrieben wird: Wer lauter brüllt, fährt schneller.

Die Slowenin Marjetica Potrc arbeitet am urbanen Drama der Slums und der Barackensiedlungen. Sie erzählt von „gated communities“ und Lebensstrategien im Elendsviertel. Würde man das zerstörte Königsberg überfluten, so eine ihrer subversiven Botschaften, ließe sich aus der Katastrophe touristisches Kleingeld schlagen. Die bosnische Architektin Azra Aksamija dokumentiert den Arizona-Markt auf der Straße nach Sarajewo. Umgeben von Minenfeldern und Ruinen wuchert ein bizarrer Organismus zwischen orientalischem Basar und Shopping Mall, dynamisch, konfliktbeladen.

Die heißen Spuren aus dem Osten treffen auf Florian Pumhösls coole Modelle zu Papaneks Konzept, zur Rhetorik der Moderne, zu Nachhaltigkeit und Verantwortung im Design: die soziale Dimension als Grundnahrungsmittel der Kunst.

„Designs für die wirkliche Welt“, bis 22.12., Wiener Generali Foundation, Wiedner Hauptstraße 15, 1040 Wien
Info-Tel.: 01/504 98 80

foundation.generali.at


Autor: Brigitte Huck


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