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Fang Lijun: Ohne Titel, 1995
Kunst aus China
Signale aus der Umbruchgesellschaft
Von Hans-Joachim Müller, Bern

24. August 2005 Die Kunst darf alles, sagt die Künstlerin. Einspruch, sagt der Ethikprofessor, die Kunst darf überhaupt nicht alles. Und es klingt ein bißchen wie beim Streit zwischen Vater und Tochter, wie lang heute abend Ausgang ist.

Dabei wäre es ja durchaus spannend, einmal zu erfahren, was die Kunst nun wirklich darf - bündig, schlüssig, gesetzespraktikabel. Aber soviel ist von einem Podium wohl nicht zu erwarten, das kühn die Grenzen des Darstellbaren angepeilt hat und nicht weiter kommt als bis zu den Grenzen des Zumutbaren. Daß sich Kunst womöglich doch nicht an ihre Grenzgebote halten würde, das ahnten alle, die an diesem Abend im Berner Kunstmuseum zusammengekommen waren, um über das Schicksal eines kleinen Kunstmonsters zu befinden, das einen erregungstüchtigen Internetjournalisten zur Strafanzeige gegen das Museum bewogen und es gezwungen hat, das Corpus delictum aus seiner Ausstellung chinesischer Gegenwartskunst zu entfernen.

Echte tote Möwe, echter toter Fötus

Liu Wei: It looks like a landscape, 2004

Schon wahr, die Hybridbestandteile sind echt. Echte tote Möwe, echter menschlicher Fötus. Sind das zulässige Baumaterialien für ein Kunstobjekt - welcher Gesinnung auch immer? Daß ganze Publikumsscharen an dem Werk des Künstlers Xiao Yu vorbeigezogen sind, als es im Jahr 2001 auf der Biennale in Venedig, in Harald Szeemanns Ausstellung „Plateau der Menschheit”, gezeigt wurde, ist kein Argument gegen den spät geborenen Verdacht und schon gar kein Einwand gegen das unstillbare Bedürfnis, ein wenig Erträglichkeitssicherheit auch in die ästhetischen Belange zu bekommen.

Sind die Grenzen des Darstellbaren schon mit dem toten Christus am Kreuz erreicht? Oder doch mit dem Original-Fötus, den die Mexikanerin Teresa Margolles (siehe auch: Das Frankfurter Museum für Moderne Kunst zeigt Teresa Margolles) in einen Betonquader gegossen hat? Oder vielleicht erst mit der eingelegten Kuh-Hälfte des Damien Hirst? Und sind die Grenzen überschritten, wenn Xiao Yu narkotisierte Mäuse zusammennäht und von ihrem Gezappel ein Video dreht? Tierversuch mit Kunstvorbehalt? Einspruch, sagt der Ethikprofessor (Beat Sitter). Klarer Verstoß gegen die verfassungsgeschützte „Würde der Kreatur”. Aber wer weiß denn, sagt die Künstlerin (Miriam Cahn), ob das alles so stimmt, was der Künstler so sagt. Gehört nicht gerade die böse Verunklärung, die Falschspurenlegung zu seinem angestammten Metier? Wäre alles nur halb so schlimm, wenn Fötus und Möwe hyperrealistische Nachbildungen wären? Wenn sich, wie Museumsdirektor Matthias Frehner gehofft hatte, der Schrecken in der Erkenntnis seines Scheingrunds kathartisch auflösen könnte?

Böse Verunklärung?

Sun Yuan: Honey 1999

Nichts hat sich aufgelöst. Allenfalls die Hoffnung, Xiao Yu könnte seine künstlerische Fötus-und-Möwe-Verwertung beißend kritisch gedacht haben, als strengen Kommentar zu Genmanipulation und anderen Ausgeburten der Laborneugier. Da mußte nun die Sinologin (Andrea Riemenschnitter) ihrerseits Einspruch erheben. „Ruan”, der Werktitel, sei aus frei erfundenen Schriftzeichen gefügt, die auf offene, leere Bedeutungsfelder wiesen. Nichts, auch nicht die Selbstaussagen des Künstlers rechtfertigten die Interpretation. Also doch böse Verunklärung, Falschspurenlegung?

Könnte das Problem einfach darin bestehen, daß „Ruan” keineswegs in der geordneten Zeichenwelt aufbewahrt und - vorerst - das beunruhigend Unverstandene geblieben ist? Kunst ist grausam. Sie zeigt mit Vorliebe die Bilder, die nicht sein dürfen. Daß man sie deswegen wegsperren möchte, ist ein plausibler Reflex. Daß man sie wegsperrt, weil man befürchten muß, wie Frehner freimütig bekennt, der Skandal könnte die öffentliche Subventionierung des Museums gefährden, das ist in Wahrheit viel skandalöser als das eingeglaste Vormenschenköpflein.

Vulkanische Epoche

Wang Guangyi: Ohne Titel, 1986

Dabei hätte die Ausstellung entschieden verdient, daß man nicht bloß über ihre kunstüblichen Blasphemien, Thrills und Schocker herfällt. Was die Sammlung zeitgenössischer chinesischer Kunst, die der Schweizer Uli Sigg in knapp zwei Jahrzehnten zusammengetragen hat (rund 1200 Werke), einzigartig macht, ist ihr enzyklopädischer, man müßte fast sagen, ihr systematischer Anspruch. Sigg - ehemals Schweizer Botschafter in Peking - konzentriert sich nicht auf bestimmte Werke, nicht auf eine begrenzte Anzahl von Künstlerpersönlichkeiten, er sammelt mit gleichsam dokumentarischem Gewissen, sammelt als Archivar einer offensichtlich vulkanischen Epoche.

Daß bei allen Angleichungen, Anpassungen die Kunstwelt doch nicht oder noch nicht eine ist, wird in dieser Ausstellung immer wieder anschaulich. Ohne kulturellen Kontext, ohne Kenntnisse der Mao- und Nach-Mao-Geschichte, ohne Erfahrungen mit den Tabus und Sprachregelungen der jüngeren Generation, ohne Augenschein der Umbruchgesellschaft bleibt vieles verschlossen - und erscheint gerade deshalb so faszinierend. Wie Ai Weiwei zum Beispiel einen ganzen Raum mit viertausend, fünftausend Jahre alten neolithischen Vasen vollstellt, die er in deutlicher Überschreitung der Zumutbarkeitsgrenze mit weißer Farbe übermalt hat („Whitewash”), das ist ein starker Kommentar zur Geschichtsvergessenheit in der Wachstumseuphorie.

Zhang Xiaogang: Bloodline Series, 1997

Mit dem Discountwort vom „Reich der Mitte” ist jedenfalls nichts anzufangen. Nichts, überhaupt nichts zeugt in dieser Ausstellung von Mitte. Alles ist Schieflage, Gefälle, Abgleiten, Haltsuche, Erregung. Konfuzianische Bescheidung in die vorgezeichneten Wege des Menschen sollte man also nicht erwarten. Die Künstler, die Uli Sigg versammelt, erzählen von der Unpassierbarkeit der vorgezeichneten Wege, von der Auflösung der Ordnungen, vom Traum des selbst bestimmten Lebens. Und das ist dann doch noch einmal spannender als der Verständigungsversuch über die Grenzen des Darstellbaren.


Kunstmuseum Bern, bis 16. Oktober. Der Katalog, erschienen bei Hatje Cantz, kostet 65 Franken.

Text: F.A.Z., 24.08.2005, Nr. 196 / Seite 35
Bildmaterial: Kunstmuseum Bern / Courtesy of Sigg Collection
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