Dabei wäre es ja durchaus
spannend, einmal zu erfahren, was die Kunst nun wirklich darf -
bündig, schlüssig, gesetzespraktikabel. Aber soviel ist von einem
Podium wohl nicht zu erwarten, das kühn die Grenzen des
Darstellbaren angepeilt hat und nicht weiter kommt als bis zu den
Grenzen des Zumutbaren. Daß sich Kunst womöglich doch nicht an ihre
Grenzgebote halten würde, das ahnten alle, die an diesem Abend im
Berner Kunstmuseum zusammengekommen waren, um über das Schicksal
eines kleinen Kunstmonsters zu befinden, das einen
erregungstüchtigen Internetjournalisten zur Strafanzeige gegen das
Museum bewogen und es gezwungen hat, das Corpus delictum aus seiner
Ausstellung chinesischer Gegenwartskunst zu entfernen.
Echte tote Möwe, echter
toter Fötus
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| Liu Wei: It looks like a landscape, 2004
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Schon wahr, die
Hybridbestandteile sind echt. Echte tote Möwe, echter menschlicher
Fötus. Sind das zulässige Baumaterialien für ein Kunstobjekt -
welcher Gesinnung auch immer? Daß ganze Publikumsscharen an dem Werk
des Künstlers Xiao Yu vorbeigezogen sind, als es im Jahr 2001 auf
der Biennale in Venedig, in Harald Szeemanns Ausstellung „Plateau
der Menschheit”, gezeigt wurde, ist kein Argument gegen den spät
geborenen Verdacht und schon gar kein Einwand gegen das unstillbare
Bedürfnis, ein wenig Erträglichkeitssicherheit auch in die
ästhetischen Belange zu bekommen.
Sind die Grenzen des
Darstellbaren schon mit dem toten Christus am Kreuz erreicht? Oder
doch mit dem Original-Fötus, den die Mexikanerin Teresa Margolles
(siehe auch: Das
Frankfurter Museum für Moderne Kunst zeigt Teresa Margolles) in
einen Betonquader gegossen hat? Oder vielleicht erst mit der
eingelegten Kuh-Hälfte des Damien Hirst? Und sind die Grenzen
überschritten, wenn Xiao Yu narkotisierte Mäuse zusammennäht und von
ihrem Gezappel ein Video dreht? Tierversuch mit Kunstvorbehalt?
Einspruch, sagt der Ethikprofessor (Beat Sitter). Klarer Verstoß
gegen die verfassungsgeschützte „Würde der Kreatur”. Aber wer weiß
denn, sagt die Künstlerin (Miriam Cahn), ob das alles so stimmt, was
der Künstler so sagt. Gehört nicht gerade die böse Verunklärung, die
Falschspurenlegung zu seinem angestammten Metier? Wäre alles nur
halb so schlimm, wenn Fötus und Möwe hyperrealistische Nachbildungen
wären? Wenn sich, wie Museumsdirektor Matthias Frehner gehofft
hatte, der Schrecken in der Erkenntnis seines Scheingrunds
kathartisch auflösen könnte?
Böse Verunklärung?
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| Sun Yuan: Honey 1999 |
Nichts hat sich aufgelöst.
Allenfalls die Hoffnung, Xiao Yu könnte seine künstlerische
Fötus-und-Möwe-Verwertung beißend kritisch gedacht haben, als
strengen Kommentar zu Genmanipulation und anderen Ausgeburten der
Laborneugier. Da mußte nun die Sinologin (Andrea Riemenschnitter)
ihrerseits Einspruch erheben. „Ruan”, der Werktitel, sei aus frei
erfundenen Schriftzeichen gefügt, die auf offene, leere
Bedeutungsfelder wiesen. Nichts, auch nicht die Selbstaussagen des
Künstlers rechtfertigten die Interpretation. Also doch böse
Verunklärung, Falschspurenlegung?
Könnte das Problem einfach
darin bestehen, daß „Ruan” keineswegs in der geordneten Zeichenwelt
aufbewahrt und - vorerst - das beunruhigend Unverstandene geblieben
ist? Kunst ist grausam. Sie zeigt mit Vorliebe die Bilder, die nicht
sein dürfen. Daß man sie deswegen wegsperren möchte, ist ein
plausibler Reflex. Daß man sie wegsperrt, weil man befürchten muß,
wie Frehner freimütig bekennt, der Skandal könnte die öffentliche
Subventionierung des Museums gefährden, das ist in Wahrheit viel
skandalöser als das eingeglaste Vormenschenköpflein.
Vulkanische Epoche
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| Wang Guangyi: Ohne Titel,
1986 |
Dabei hätte die Ausstellung
entschieden verdient, daß man nicht bloß über ihre kunstüblichen
Blasphemien, Thrills und Schocker herfällt. Was die Sammlung
zeitgenössischer chinesischer Kunst, die der Schweizer Uli Sigg in
knapp zwei Jahrzehnten zusammengetragen hat (rund 1200 Werke),
einzigartig macht, ist ihr enzyklopädischer, man müßte fast sagen,
ihr systematischer Anspruch. Sigg - ehemals Schweizer Botschafter in
Peking - konzentriert sich nicht auf bestimmte Werke, nicht auf eine
begrenzte Anzahl von Künstlerpersönlichkeiten, er sammelt mit
gleichsam dokumentarischem Gewissen, sammelt als Archivar einer
offensichtlich vulkanischen Epoche.
Daß bei allen Angleichungen,
Anpassungen die Kunstwelt doch nicht oder noch nicht eine ist, wird
in dieser Ausstellung immer wieder anschaulich. Ohne kulturellen
Kontext, ohne Kenntnisse der Mao- und Nach-Mao-Geschichte, ohne
Erfahrungen mit den Tabus und Sprachregelungen der jüngeren
Generation, ohne Augenschein der Umbruchgesellschaft bleibt vieles
verschlossen - und erscheint gerade deshalb so faszinierend. Wie Ai
Weiwei zum Beispiel einen ganzen Raum mit viertausend, fünftausend
Jahre alten neolithischen Vasen vollstellt, die er in deutlicher
Überschreitung der Zumutbarkeitsgrenze mit weißer Farbe übermalt hat
(„Whitewash”), das ist ein starker Kommentar zur
Geschichtsvergessenheit in der Wachstumseuphorie.
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| Zhang Xiaogang: Bloodline Series,
1997 |
Mit dem Discountwort vom
„Reich der Mitte” ist jedenfalls nichts anzufangen. Nichts,
überhaupt nichts zeugt in dieser Ausstellung von Mitte. Alles ist
Schieflage, Gefälle, Abgleiten, Haltsuche, Erregung. Konfuzianische
Bescheidung in die vorgezeichneten Wege des Menschen sollte man also
nicht erwarten. Die Künstler, die Uli Sigg versammelt, erzählen von
der Unpassierbarkeit der vorgezeichneten Wege, von der Auflösung der
Ordnungen, vom Traum des selbst bestimmten Lebens. Und das ist dann
doch noch einmal spannender als der Verständigungsversuch über die
Grenzen des Darstellbaren.