| Textarchiv OÖNachrichten | www.nachrichten.at/archiv |
|
vom 05.10.2007 - Seite 023
|
|
Lentos-Chefin: "Ich habe eine dicke Haut"
Politisch missbraucht fühlt sich Lentos-Direktorin Stella Rollig, nachdem erneut eine Debatte über die Besucherzahlen losgetreten wurde. Im OÖN-Interview bezieht sie Stellung.
Von Bernhard Lichtenberger
OÖN: Was lesen Sie aus Besucherzahlen, speziell aus den aktuellen?
Rollig: Meine Aufgabe ist es nicht, in erster Linie Zahlen zu lesen, sondern ein Programm zu machen. In diesem Jahr haben wir im Lentos ein hochinteressantes, vielfältiges Programm. Ich lese, wie viele Leute das bisher besucht haben, und ich finde es unseriös, wenn das Jahr noch gar nicht zu Ende ist, eine Debatte über Zahlen zu bringen, die nichts anderes in Bezug auf das Lentos thematisiert. Es hat vor zwei Jahren einen Dialog zwischen Museum und Auftraggeber gegeben, einen sehr umfassenden und produktiven Strategieprozess. Dabei ist von allen Beteiligten eine Programmlinie für das Lentos definiert und bekräftigt worden. Genau dem ist in diesem Jahr entsprochen worden.
OÖN: Halten Sie diese Programmlinie für gelungen?
Rollig: Ja. Es gibt eine Vorgabe, die so definiert ist, dass das Lentos ein international orientiertes Haus ist und ein vielfältiges Programm machen soll, mit Schwerpunkt zeitgenössische Kunst vor dem Hintergrund einer Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte, als auch Ausstellungen der Kunst des 20. Jahrhunderts. Das ist heuer in geradezu idealtypischer Weise umgesetzt worden und reicht von neuen, international anerkannten Positionen wie in "fu-ture systems: Rare Momente" bis zur klassischen Moderne mit der Aufarbeitung der Helene Funke.
OÖN: Sind Sie mit dem Publikumsinteresse zufrieden?
Rollig: Ich glaube, dass das Interesse sehr realistisch den gegebenen Möglichkeiten entspricht.
OÖN: Sind Sie mit den gegebenen Möglichkeiten nicht zufrieden?
Rollig: Ich habe Sie akzeptiert, weil ich diesen Job sehr gerne mache. Ich nehme die Gegebenheiten auf und mache daraus das Beste.
OÖN: Wie Sie hält Ihr kaufmännischer Leiter Zahlenvergleiche unter dem Jahr für unseriös. Er stellt bis Jahresende 55.000 Besucher in Aussicht. Ist es seriös, mit einer Schätzung zu operieren?
Rollig: Ich finde, dass die Besucherzahlen vor allem in der Museumsdiskussion einen Stellenwert eingenommen haben, der der Arbeit von Museen nicht entspricht. Ich beurteile nicht, ob Schätzungen seriös sind, sondern wünsche mir , dass man über Inhalte eines Museums diskutiert. Es gibt eine große Diskrepanz zum Renommee, das wir für das Lentos erarbeitet haben, zur nationalen und internationalen Akzeptanz, die sich in zwei laufenden EU-Projekten ausdrückt, in internationalen Kooperationen und Einladungen zu internationalen Kongressen, um die Lentos-Arbeit vorzustellen. Da wird etwas wahrgenommen, über das in den lokalen Medien viel zu wenig gesprochen wird. Über das Lentos wird hier nur dann geredet, wenn jemand findet, dass die Besucherzahlen zu niedrig sind.
OÖN: Stellen Sie sich vor, dass die Stadt Linz ein neues Stadion baut, ein Trainer für eine seiner Meinung nach gute Mannschaft sorgt, aber sich niemand die Spiele anschaut.
Rollig: Es gibt ja so etwas wie einen gesellschaftlichen Konsens, dass Kultur und kulturelle Arbeit wichtig sind. Und es gibt ein Bekenntnis, dass sich das Kulturangebot nicht immer nur an Erwartungen ausrichten darf, denn dann würde ja nie etwas weitergehen, es nie eine Innovation, eine Entwicklung geben. Man muss so etwas wie einen geschützten Raum schaffen.
OÖN: Sehen Sie sich für politische Zänkerei missbraucht?
Rollig: Ja.
OÖN: Wie dick ist Ihre Haut?
Rollig: Zum Glück sehr dick. Ich liebe das Lentos, die Arbeit mit der Kunst. Man darf nicht so tun, als ob sich niemand dafür interessieren würde. Bei 50.000 Besuchern im Jahr war jeder vierte Linzer herinnen. Das könnte man ja auch toll finden.
OÖN: Spielten Sie je mit dem Gedanken, das Handtuch zu werfen?
Rollig: Nein.
OÖN: Wie oft haben Sie Stadtrat Klaus Luger (er hat die aktuelle Diskussion losgetreten, Anm. d. Red.) schon im Lentos gesehen?
Rollig: Noch nie.
Museumsdirektorin Stella Rollig ist stolz auf ihr Programm. Foto: Lentos
st die Museums-Leitlinie wirklich gelungen?
Die neue Museums-Leitlinie wurde einstimmig beschlossen. Jetzt ist es wirklich nicht Aufgabe der Stadt, das Haus schlechtzumachen, sondern das Lentos-Team arbeiten zu lassen und ihm die nötigen Ressourcen zur Verfügung zu stellen.
Erich Watzl
Vize-Bgm. (VP), Linz
Wenn man will, dass die Besucherzahlen explodieren, müssen andere und entsprechende Grundlagen geschaffen werden. So wie die Diskussion derzeit geführt wird, ist sie nicht nur kontraproduktiv, sondern auch unseriös.
Jürgen Himmelbauer
Stadtrat (G), Linz
Es geschieht im Nordico, was vorauszusehen war: Naturwissenschaftliche Ausstellungen ziehen halt mehr Publikum an als Bildkunst. Aber wir rüsten uns für die neue Aufgabe. Und mit dem entsprechenden Geld wird's auch funktionieren.
Willibald Katzinger
Nordico-Chef, Linz |
|
© |