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BAWAG Foundation: "Atelier van Lieshout"

Mit Kunstbox zum Freistaat

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Debattieren Sie mit!Daniel Defoes "Robinson Crusoe" fasziniert Kinder wegen der autarken Lebensweise des Helden nach einem Schiffbruch auf einer scheinbar einsamen Insel. In unserer zivilisationsüberdrüssigen Gesellschaft ist es nicht erstaunlich, dass Künstler wie Joep van Lieshout einen Freistaat gründen und zum Selbstversorger werden - oder besser fast, denn die selbstentworfenen Maschinen, Boxen und Möbel aus Polyester müssen natürlich außerhalb hergestellt werden.
1963 in Ravenstein geboren, besuchte der Künstler 1980 bis 1985 die Akademie in Rotterdam, arbeitete danach als Designer u. a. mit dem Architekten Rem Koolhaas in Lille und gründete 1995 sein eigenes Atelier (AVL), dem 2001 die Gründung des Freistaates AVL-Ville im Hafen von Rotterdam folgte.
Dieser scheinbar utopische "Sonnenstaat" versorgt sich selbst, zieht Gemüse und Tiere, stellt Häuschen für den Einzelnen her, in dem nach dem Prinzip der "mobilen Denkzelle" des österreichischen Psychiaters Wilhelm Reich durch Orgonen-Akkumulation in Konzentration auch eine eigene Lebenskraft entwickelt wird.
Die Ausstellung in der BAWAG Foundation bis 26. August mit dem Titel "Atelier van Lieshout (AVL) - Schwarzes und graues Wasser" zeigt diese neuen Prototypen zum alternativen Leben: eine große Kläranlage, eine Metzgerei und Küche und davor im Eingangsbereich den großen transportablen Herd.
Dabei taucht der Gedanke an ein Lagerleben wie beim Militär auf und das erstaunliche in dem ansonsten friedlichen Konzept ist die Waffenherstellung dieses Freistaats, die auf eine eventuelle Verteidigung angelegt ist.
Das stört ein ansonsten alternatives künstlerisches Projekt und seine Konzeption durch einen aggressiven Anstrich, der sich letztlich aber auch in dem nicht gerade geruchsfreien Polyestermaterial widerspiegelt. Wahrscheinlich passt da auch das Rennfahren des Ateliergründers und seine marktwirtschaftlichen Kriterien ganz gut dazu - einem pazifistischen Konzept der sechziger und siebziger Jahre ist dieses nicht mehr zu vergleichen - es passt in die Jetztzeit und von alternativen und vielleicht grünen Ideen ist nicht die Rede. So zeichnet sich auch eine leise Diskrepanz mit feministischen Ideen ab - wenn auch Frauen in dem künstlerischen Wirtschaftsunternehmen erst einmal scheinbar gleichwertig erscheinen.
Als nicht politisch und eher der Piraterie zuzuordnen empfindet Joep van Lieshout sein Konzept mit einer eigenen Verfassung, Fahne, Geld- und Landwirtschaft, einer Akademie, Wohneinheiten, einem Feldspital usw.
Der Freistaat im Hafen von Rotterdam wird wohl wie alle menschlichen Utopien trotz seiner Mobilität nicht ewig (mit Bewohnern) existieren, als (Gesamt-)Kunstwerk könnte er bestehen bleiben.

Erschienen am: 13.08.2001

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