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1/2 2002 Links zum Text |
| Kurt Kladler : Samuel Herzog : Seit gut dreissig Jahren fotografiert Richard Prince Illustrationen aus Zeitschriften ab. Er ordnet diese Fotos nach Kategorien, bläst sie zu stattlicher Grösse auf, setzt sie hinter Glas in einen Rahmen und bringt sie so in Ausstellungsräume ein: Die Bilder von Wohnzimmereinrichtungen, Marlboro-Cowboys und Motorradgirls rücken ins Licht des kunstbetrieblichen Mehrwerts. Derzeit zeigt Prince seine ‹Photographs› im Basler Museum für Gegenwartskunst. Kurt Kladler und Samuel Herzog haben sich in der Ausstellung getroffen, einig allerdings wurden sie sich nicht. |
| Die unstet flackernde Flamme des Begehrens Richard Prince im Museum für Gegenwartskunst |
![]() links: Untitled (Cowboy), 1995, Ektacolor print, alle Aufnahmen Courtesy Barbara Gladstone, New York rechts: Untitled (Girlfriend), 1993, Ektacolor print |
| Die Ausstellung ‹Richard Prince – Photographs› im Basler Museum für
Gegenwartskunst dauert bis zum 24.2. Vom 2.2. bis zum 1.4. sind in der
Kunsthalle Zürich malerische Werke des Künstlers zu sehen. Zu den
Ausstellungen entsteht ein zweibändiges Künstlerbuch mit einer Textbeilage
und einem Essay von Bruce Hainley im Hatje Cantz Verlag, ca. 390 S., 2002.
Biografische Angaben *1949 in der Panama-Kanal-Zone, lebt und arbeitet in Upstate New York |
| Kurt Kladler: Kommt Ihnen diese junge Dame nicht auch bekannt vor?
Samuel Herzog: Dame? Ich weiss nicht recht. Könnte auch ein Junge sein. KK: Es ist ein Mädchen von zwölf Jahren, das später einige Bekanntheit als Schauspielerin erlangt hat. Ihre Mutter vermittelte Brooke Shields damals zu einem ‹Mädchenfotografen› und als der später entdeckte, welchen ‹Schatz› er da vor Jahren abgelichtet hatte, wollte er natürlich Kapital draus schlagen und verstrickte sich in eine Auseinandersetzung mit der um ihren erzieherischen Ruf besorgten Mutter des Stars. SH: Sie scheinen sich da auszukennen. Sollte ich auch noch andere dieser Damen und Herren kennen, die mich da anlächeln oder mir ihre sekundären Geschlechtsmerkmale entgegenrecken? KK: Ich folge lediglich der Erzählung des Künstlers, dessen Sujets in der Regel unbekannte Personen und die Bebilderung von Inseraten mit scheinbar autorenlosen Fotografien sind. Im Gegensatz zu Warhol etwa, für den der soziale Wert von Personen immer ein wesentliches Kriterium darstellte. SH: Bei Warhol hat ja alles immer eine Geschichte – bei Prince ist das anders. Sieht man mal von dem Porträt der jungen Brooke Shields ab, dann haben die übrigen Bilder ja eigentlich keine eigene Story. Es sind irgendwelche Cowboys, die durch irgendwelche Prärien und Büsche reiten oder irgendwelche barbusigen Frauen, die sich auf Motorrädern räkeln. Da können wir uns meistens jede Geschichte vorstellen, die irgendwie in den Rahmen eines American Way of Life passt. KK: Der American Way of Life findet bei Prince jenseits von Grossstädten statt. Es ist auffallend, dass Prince eine Kultur zitiert, die nicht urban ist. Der Cowboy, als Markenzeichen einer Zigarettenmarke, dient ihm dabei als Referenzobjekt. Die Weite der Landschaft wird zum Zeichen einer Freiheit, die immer auch eine Flucht aus beengenden Verhältnissen ermöglicht. Sie symbolisiert eine Offenheit, so als gäbe es überhaupt keine Notwendigkeit anzukommen. Gleichwohl ist man aber immer irgendwo. Prince zeigt diese Unorte auch in seinen Werken. Es sind vielfach öde Schuppen in karger Landschaft, umlagert von rostigen Fahrzeugruinen. Wenn man’s genau nimmt, ist ja die Stall- und Wiesenromantik der Kuhknechte von damals nicht viel anders zu denken. SH: Allerdings gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen Mann und Frau bei der Wahl der Motive – zumindest in den jüngeren Arbeiten: Während die Bilder der ‹Girlfriends› des willig-billig wirkenden Fleisches wegen ausgewählt werden, steht bei den ‹Cowboys› das wilde Leben in der Natur im Vordergrund. Die Frauen posieren – die Männer agieren. Das mag ja einer Realität entsprechen, wie sie von der Werbung transportiert wird – ich frage mich bloss, ob es irgendetwas an diesen Verhältnissen ändert, dass sie in der Kunst wiederholt werden. KK: Prince selbst wäre dieser Anspruch auch ganz fremd, ebenso jener einer Medienkritik. Er spricht dagegen von einer eigenen einsamen Welt, die er sich durch die Aneignung dieser Bilder schaffen möchte, und beschreibt sich als jemanden, der eigentlich niemanden braucht, um seine Kunst zu machen. Er kauft Zeitschriften, freut sich, diese zu Hause durchzublättern und fotografiert das, was ihn anregt. Seine ‹Girlfriends› sind Mädchen, die ihrerseits von ihren Freunden fotografiert wurden. Einige dieser Fotos aus Motorradzeitschriften hält Prince für sich fest, wobei er sich mit der Repräsentation zufrieden gibt. Er ermöglicht dadurch, die unprätentiöse Oberfläche eines Begehrens zu sehen, das durch eine These wohl eher verunklärt würde. Verglichen mit den Gesellschaftsspielen der skandalverklärten Glitzersexikonen wird in den hier ausgestellten Arbeiten ein American Way of Life sichtbar, der eine Realität benennt, die sich mit anarchischen Elementen sexueller Freiheiten auflädt. Die Ausstellung amalgamiert gekonnt den privaten Mythos sexueller Freiheit mit der allgemein verbindlichen Pathosformel, für die eben der Cowboy steht. SH: Diese obsessive Beschäftigung mit Bildern in Zeitschriften hat ja auch gewisse Züge einer Tagträumerei. Ich kenne das auch aus eigener Erfahrung: Da gibt es manchmal Bilder, die eine starke Anziehungskraft ausüben, ich bekomme die Augen nicht mehr davon los, starre wie hungrig darauf. Es kommt vor, dass ich solche Bilder dann auch aufbewahre – als sei es mir unmöglich, sie ins Altpapier zu geben. Oft sind es wohl erotische Signale, die mich da fesseln – wohl logischerweise meist in Bildern, die vordergründig gar nicht so erotisch sind. Aber es gibt auch Bilder, die mich aus weniger leicht fassbaren Gründen in dieser Art faszinieren. Irgendwie versetze ich diese Bilder in Bewegung und sie beginnen einen diffusen Tanz in meinen Phantasien. Diese Kraft können sie aber für mich nur dann entfalten, wenn ich quasi ganz für mich allein etwas in ihnen entdecke, von dem ich glaube, dass das sonst niemand gesehen hat. Das Bild wird dann zu meinem Bild, weil ich ‹etwas mit ihm habe›. Es ist mein, so wie meine Phantasien mir allein gehören. Wenn ich das aber, so wie Prince, mit jemandem teilen müsste, dann wäre der ganze Zauber weg. Und eigentlich interessiert es mich auch nicht, Bilder anzustarren, die quasi das Zaubermaterial eines anderen sind – das ist seine Sache, sein Vergnügen und soll auch seine ‹eigene (einsame) Welt› bleiben. Die Welt der Bilder, die täglich billigst zu haben sind, ist reich genug, da kann ich meine eigenen Entdeckungen machen!? KK: Mit ähnlichen Argumenten könnten Sie viel von dem kritisieren, was ich an Gegenwartskunst spannend finde. Prince ist eben Künstler und als solcher auch in andere Register und Bewertungszusammenhänge eingeschrieben als in jene privater Obsessionen. Sein Gestus der Aneignung wird dadurch zum signifikanten Akt und seine Kunst zum Beispiel einer ‹Appropriational Art›. Relativ unabhängig von seinen eigenen Absichten entsteht ein Interpretationsansatz, der Sherrie Levine genauso mit einschliesst, wie vielleicht letzte Arbeiten von Thomas Ruff. Die Werke von Warhol oder Cindy Sherman, die in dieser Ausstellung als bewusste Umrahmung der Arbeiten von Prince ebenfalls gezeigt werden, schaffen ein Netz von Bezügen, in dem sich seine Fotografien bewähren müssen, Kritik erfahren und bewertbar werden. Umgekehrt verhält es sich genauso. Mir wurde die Verschiebung von anfänglich positiv narzisstisch getönten Motiven im Werk von Sherman hin zum Leidensbild autoaggressiver Akte noch nie so bewusst wie hier. Prince hält sich da raus. Die unstet flackernde Flamme seines Begehrens beleuchtet nur kurze Momente, die von anderen selbstbewusst ins Licht gestellt werden. Er übernimmt dadurch die zur Schau gestellte Behauptung jener Freiheit und lässt uns selbst für kurze Zeit daran glauben. |
Links |
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| Ausgabe | 1/2 2002 | |||
| Institutionen | Museum für Gegenwartskunst [Basel/Schweiz] | |||
| Institutionen | Kunsthalle [Zürich/Schweiz] | |||
| Autor/in | Kurt Kladler | |||
| Autor/in | Samuel Herzog | |||
| Künstler/in | Richard Prince |
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