Salzburger Nachrichten am 17. Oktober 2005 - Bereich: Kultur
Die Glosse

Seit Jänner 1997 ist Kunst Chefsache. So erklärte es damals Viktor Klima (SPÖ), als er nach der Wahl eine Regierung bildete. Damals wanderte die Kompetenz für Kunst von einem Minister zum Bundeskanzler, der sich dafür einen Staatssekretär holte. Als Wolfgang Schüssel (ÖVP) im Februar 2000 Bundeskanzler wurde, ist es dabei geblieben: Das für Kunst zuständige Regierungsmitglied ist der Kanzler.

In der Jubiläumspremiere des Burgtheaters, dem wichtigsten künstlerischen Festakt im österreichischen Gedenkjahr, sahen wir den Bundespräsidenten, allerlei Minister, den Präsidenten der Gewerkschaft, den SPÖ-Vorsitzenden, ja, auch den Kunst-Sekretär, doch nicht den Chef. Wolfgang Schüssel fehlte als Bundeskanzler und als Kunstminister.

Das ist alarmierend. Das bestätigt die Vermutung, dass das Gerede von der, ach, so wichtigen Chefsache nur ein Placebo ist. In Sonntagsreden wird Österreich als "Kulturnation" angepriesen, an Wochentagen werden die Kulturbudgets eingefroren. Den Bundestheatern wird ein Sparpaket ums andere verordnet, doch das Burgtheater, 1955 Symbol für Überwindung der Nachkriegsnot und Österreichs Eigenständigkeit, ist nicht einmal einen Premierenbesuch wert. hkk