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Wenn du ins Museum gehst, vergiss die Lesebrille
nicht! Vor die Kunsterfahrung hat die dritte Berlin-Biennale das
Proseminar gesetzt. Allüberall in den „Kunst-Werken“ und im
Martin-Gropius-Bau studieren ernsthafte, junge Menschen
„Subversionsreader“ und „Urban-Warfare“-Theorien, versenken sich in
Diagramme und Statistiken zur Hauptstadtwerdung des ehemaligen
Subventions-Dorados, und manchmal sieht man einen Kunstbetrachter in ein
Foto der Mauerfall-Tage oder in eine Collage zur Schloss-Simulation
vertieft, als wolle er diese Erinnerungen wie ein Bilder-Junkie auf Entzug
in sich aufsaugen.
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Es ist zweifellos ein schönes, wenn auch harmloses
Bild, wie hier junges, modisch gekleidetes Hauptstadtpersonal gewissenhaft
auf Uni macht. Es ist ja nicht so, dass die Berlin-Biennale, die sich in
feinstem Marketing-Neusprech „berlin biennale“ schreibt, keinen visuellen
Input liefern würde. Dass die neue Generation Öl auf Leinwand mit ihren
eher leichten, sinnlichen Genüssen hier nahezu gänzlich fehlt, ist sogar
ganz angenehm. Nur hat die Art und Weise, wie die Kunst hier in diverse
Reflexionsschleifen geschickt wird, leider auch Nachteile. Und das liegt
nicht zuletzt an den so genannten „Hubs“.
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Was ist und wozu braucht man ein „Hub“? Darunter
lässt sich vieles fassen: ein Marktplatz, ein Archiv oder schlicht jede
Form von Knotenpunkt, an dem viele Fäden zusammenlaufen. Diese
topografische Metapher ist so modisch wie nichts sagend: ein typisches
Globalisierungsgeschöpf. Es stammt bezeichnenderweise aus der
Computertechnologie und meint den Datenverteiler eines Netzwerks; auch bei
Flughäfen, die sich als Drehscheiben des Luftverkehrs verstehen, spricht
man von „Hubs“.
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Dass es nun also auch bei der dritten
Berlin-Biennale für zeitgenössische Kunst fünf „Hubs“ gibt, zeigt vor
allem, wie sehr sich Kuratorin Ute Meta Bauer dem Globalisierungsesperanto
ihrer nomadisierenden Kollegen verpflichtet fühlt. Die Themen, als da
wären „Migration“, „urbane Konditionen“, „sonische Landschaften“, „Moden
und Szenen“ sowie „anderes Kino“, sollen also Theorie-Drehscheiben sein,
an die die ausgestellten Kunstwerke andocken und von denen sie diskursiv
versorgt werden.
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Grau, lieber Kunstfreund, ist alle Theorie: „Kunst
ist so diskursiv wie ein Text“, sagt Bauer – und lässt in Katalog und
Ausstellung noch einmal die sozio- und subkulturellen Theorie-„Hubs“ der
letzten Jahre Revue passieren: Die elektronische Musikproduktion im
Wohnzimmer hat das Atelier als Ort neuester Mythengenese abgelöst. Frauen
sind derzeit die interessantesten „MusikerInnen“ in Berlin. Die
Architektur der DDR wird systematisch aus dem Stadtbild ausradiert. Der
öffentliche Raum wird zunehmend privatisiert; „gefährliche Orte“ stehen
unter Dauerüberwachung, ganze Stadtviertel werden luxusgerecht verhübscht.
Die wahren Verteilungskämpfe finden an den Rändern der Festung Europa
statt. Mode ist mehr als nur Kleidung. Und immer wieder gern genommen: Das
Ganze ist das Unwahre – von den ausgeblendeten, subkulturellen Randzonen
her sollen der Kultur neue Visionen soziokultureller Glückseligkeit
erwachsen.
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Das Ziel soll sein, das einheitliche Klischee vom
neuteutonischen Berlin aufzubrechen, reaktionäre Marketingkonzepte zu
unterlaufen und eine Kritik der kapitalistischen Metamorphose Berlins zu
etablieren. Nur: Wo bleiben die neuen Ideen, wenn der Kuratorenblick vor
allem ein selbstvergewissernd rückwärtsgewandter ist, die Tiefen der
jüngeren Kunstgeschichte auslotend? Die Berlin-Biennale ist vor allem ein
Resümee und Dêjà-vu bereits bekannter Konzepte der Neunziger, wenn nicht
der Siebziger – ein „dreidimensionales Magazin“, wie Ute Meta Bauer es
nennt.
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So sitzt man also da, im Hub „Sonische
Landschaften“, die Kopfhörermuscheln über den Ohren, und eine Musikerin
erzählt in einem Video gestenreich, dass das Gitarrespielen männlichen
Masturbationsbewegungen gleiche – sie selbst wolle lieber weibliche
Masturbationsbewegungen imitieren, also auf Knöpfe drücken. Das ist
zumindest mal ein angenehm ironisches Statement zur elektronischen Musik
von Frauen, und von Malaria! bis Chicks on Speed oder Peaches ist in den
Kunst-Werken entsprechendes Videomaterial zuhauf abrufbar.
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Zu den aufregenderen Trouvaillen gehört auch Mika
Taanilas Filmporträt über den finnischen Elektro-Pionier Erkki Kurenniemi,
der Hirntätigkeiten über den Tod hinaus speichern will: Selten wurde
Buckminster Fullers Sentenz vom Computer, der von der Tyrannei der Gene
befreie, so assoziationsreich bebildert. Hier ist die Biennale originell,
weil sie die ausgetretenen Pfade der Sozio-Kunst verlässt. Dagegen ist der
Mode-Hub ziemlich überflüssig: Behängte Kleiderpuppen und -bügel, wohin
man blickt: Das also ist sie, die Berliner Kluft, aha. Einzig Walter van
Beirendonck, der unter seinem Label „aestheticterrorists“ 120 Wrestler in
aberwitzigem S&M-Latex-Look über den Laufsteg schickt, oder das Duo
„_fabric interseason“, das am Rande der Pariser Prêt-à-porter-Schauen die
eigene Kollektion in einer Art absurder Demo-Performance vorführt, wagen
Grenzüberschreitungen.
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Sehr viel mehr Raum und Gewicht nimmt in der Schau
der Catwalk urbanistischer Phantasien, die Metamorphose Berlins im Rahmen
des Hauptstadt-Hype ein. Von den migrantentauglichen Zelten, Westernhütten
und Containern Bert Neumanns, des Chefausstatters der Volksbühne, die eine
billige Bauwagensiedlungs-Atmosphäre à la Kreuzberg schaffen, über David
Lamelas’ filmische Überflug-Kartografien, die Berlin als ewige Baustelle
zeigen, bis hin zu Willie Dohertys tristen Aufnahmen nächtlicher
Beton-Ödnis oder den surrealen Szenen aus Ulrike Ottingers
Berlin-Trilogie: Berlin wird in den zahlreichen Foto- und Videostrecken
als graue Maus, als verfallendes Gebilde inszeniert, das Spekulanten und
Schlossbefürwortern schutzlos ausgeliefert ist. Wem die Tristesse zu viel
wird, der kann sich im Martin-Gropius-Bau unter wackliges Zeltgestänge
flüchten, wo aus urbaner Datenflut bunte 3D-Plastiken werden: Jesko Fezer
und Axel John Wieder machen aus Statistik niedliche Kunststoffgebilde, die
aussehen wie utopische Weltraumstädte – oder wie zerlaufender Käse.
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Am Ende wird die Schau sogar unfreiwillig komisch:
etwa wenn Leberecht Migge, der Vater der Schrebergärten, als Erfinder
„transitorischer Zonen“ gepriesen wird, oder wenn Sissel Tolaas aus
Kleidergerüchen von Reinickendorf bis Charlottenburg glamouröse Parfüms
kreiert, die die „Grundessenz Berliner Identität“ in sich tragen sollen:
So viel Stadtmarketing würde auch Wowereit freuen.
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Kein Wunder, dass Isaac Juliens fiktional
verschachteltes Film-Triptychon „Baltimore“ über den
BlaxploitationActionfilmer Mario van Peebles von der Kritik gefeiert wird:
In Zeiten der Berlinale flüchtet man sich vor der Theorie am liebsten in
professionelles Kino. Was bleibt, sind viele Anliegen, wenig Erkenntnisse
und eine umfassende Nachwende-Melancholie. Es ist, wie auf der letzten und
der vorletzten Documenta und wie vermutlich auch auf der nächsten, die
hohe Zeit dokumentarischer Kunst.
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Kunst-Werke und Martin-Gropius-Bau Berlin, bis 18.
April. Filmprogramm im Kino Arsenal ab 18. Februar. Kurzführer 12 Euro,
Katalog 30 Euro (in der Ausstellung).
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