Salzburger Nachrichten am 1. März 2006 - Bereich: Kultur
Schauen, fühlen, warten

In seinen Arbeiten legt der Bildhauer Karl Prantl das Wesen der Steine frei. Im SN-Gespräch plädiert er für eine stärkere Etablierung der Bildhauerei in Salzburg.

CLEMENS PANAGLSALZBURG (SN). "Steine muss man doch angreifen, man muss ihre Sinnlichkeit mit den Fingern spüren", sagt Karl Prantl und stützt sich für das nächste Foto mit beiden Händen auf die weiße, oval geformte Skulptur, die derzeit im Foyer des Salzburger Museums der Moderne steht.

Dieser Stein ist nicht die einzige Spur, die der Bildhauer in Salzburg hinterlassen hat. Vor dem Museum liegt eine Dauerleihgabe Prantls in Gestalt eines riesigen, radförmigen, smaragdgrünen Steines, dessen polierte Oberfläche ebenfalls darauf wartet, befühlt zu werden, im Haus sind mehrere Arbeiten des 82-jährigen Burgenländers im Rahmen der Ausstellung "Zero. Künstler einer europäischen Bewegung - Sammlung Lenz Schönberg 1956 bis 2006" zu sehen. Und im Toskanatrakt zeugt eine Skulpturengruppe davon, dass Prantl vor 20 Jahren eine Bildhauerklasse für die Salzburger Sommerakademie angeregt hat. Seither wird jeden Sommer im Steinbruch am Untersberg gewerkt.

Ein Zeichen für eine starke Präsenz der Bildhauerei in Salzburg? Für Prantl ein viel zu schwaches: "Schade, dass die Stadt hier so eine große Chance vergibt. Überall werden Bilderhauerklassen geschlossen. Und hier wäre eine Stadt, die aus Stein gebaut ist, die mit dem Untersberg und Adnet zwei große Steinbrüche hat. Früher wurde sogar auf dem Rainberg mitten in der Stadt Stein gebrochen. Und es gibt eine Kunsthochschule. Da müsste man eine Chance erkennen, etwas Neues zu etablieren. Eigentlich dürften die Verantwortlichen keine Nacht ruhig schlafen, bevor das nicht geschehen ist!"

Geht es darum, den stummen Steinen zu ihrem Recht zu verhelfen, kommt Karl Prantl in Fahrt. Ansonsten pflegt der studierte Maler und bildhauerische Autodidakt einen leisen, bedächtigen Zugang zu seiner Kunst - einige seiner Arbeiten sind in ihren Titeln als "Meditationssteine" ausgewiesen, andere strahlen durch ihre Form mächtige Ruhe und Tiefe aus. "Schauen sie sich die Sportler an, die von Olympia heimgekommen sind. Da geht es um Geschwindigkeit, um Zehntelsekunden. Das ist legitim, aber wenn man sich mit Stein beschäftigt, ist eben dieses Moment der Dauer stärker. Da geht es nicht um Tempo, sondern um genaues Hinschauen und Hinhören."

Einen Stein zu behauen, das heißt für den Künstler demnach erst einmal "lang schauen, lang fühlen und lang warten auf ein Signal, das sagt: Jetzt los!" Wie lange? "Sehr lange. Man muss sich in Geduld üben. Man darf nicht erwarten, dass man sofort zu einer Gestalt findet."

Auf der Suche nach Gestalten jenseits der Figuration hat der Bildhauer in den 50er Jahren bald die vier Wände seines Ateliers verlassen. 1959 rief er das erste "Symposion europäischer Bildhauer" im Steinbruch St. Margarethen ins Leben. Weitere Symposien führten Prantl bis Rumänien, Japan und in die israelische Wüste. Die Natur spielt bei der Entstehung seiner Werke immer die zentrale Rolle. Darum sieht er seine Steine weniger gern in Museen stehen, als dort, "wo sie entstanden sind. Der Stein ist ein Wesen wie Sie und ich, er lebt halt schon so viel länger. Und teilzuhaben an einem Gespräch mit diesem Wesen, das bringt allerhand. Und die Botschaften, die man da empfängt, führen in ganz andere Sphären."

Deshalb wünscht Prantl auch Salzburg im Fall einer gelungenen Bewerbung für Olympia 2014, dass die Stadt einen Teil der aufgewendeten Summen in dauerhafte Steinkunst investieren wird: "Die Athleten legen ihre ganze Existenz in die Geschwindigkeit. Aber dass so etwas in der Erinnerung überdauert, liegt dann nicht nur an den Medaillen und Ringen, sondern, auch an den Spuren, die zusätzlich hinterlassen werden. Schauen Sie sich die griechische Kunstgeschichte an - die ist voll davon."