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Kunstberichte

Innsbruck widmet Walter Pichler, Grenzgänger zwischen Zeichnung, Skulptur und Architektur, eine Personale

Ein Raum für einen Einzelgänger

Früh erkannte der Grenzgänger die Dominanz der Medien. Im Bild: Ein TV-Helm aus dem Jahr 1967. Heute lebt der 72-jährige Künstler zurückgezogen mit seinen Kunstwerken auf einem Bauernhof in St. Martin.  Foto: Werner Kaligovsk

Früh erkannte der Grenzgänger die Dominanz der Medien. Im Bild: Ein TV-Helm aus dem Jahr 1967. Heute lebt der 72-jährige Künstler zurückgezogen mit seinen Kunstwerken auf einem Bauernhof in St. Martin. Foto: Werner Kaligovsk

Von Krista Hauser

Kann man mit einem einzigen Thema dem künstlerischen Schaffen aus rund 45 Jahren gerecht werden? Walter Pichler tut es. Unter dem Titel "Es ist doch der Kopf" zeigt der rigorose Einzelgänger im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum hundert Zeichnungen und ein Dutzend Skulpturen.

"Die Welt im Kopf" war ein schmales Taschenbuch, das in den 60er Jahren Canetti der jungen Generation nahebrachte. Daran musste ich beim Besuch der Personale Walter Pichlers im Ferdinandeum denken. Denn so wie uns Canetti die Augen für das Problem von "Masse und Macht" öffnete, so hatte damals Walter Pichler mit seinen visionären Objekten, den TV- und Ton-Helmen, auch mit seinen pneumatischen Räumen die Dominanz der Medien in einer globalen Welt vorweggenommen. Diese Klassiker bieten einen idealen Einstieg in Pichlers zentrale Themen: die menschliche Figur im Raum. Und immer wieder der Kopf.

Der Kopf: ein Raum für Gedanken, eine Behausung, manchmal vielleicht auch ein Panzer. Die Schädeldecke, die schützt wie ein Gebäude, die oft schwer ist, die man öffnen möchte. Walter Pichler hat seine Köpfe oft gezeichnet: da sind Schädeldecken in Tusche und Tempera; Blätter mit der Bezeichnung Schädeldecke, die parallel zu gleichnamigen Skulpturen entstanden.

Da sind Zeichnungen mit Doppelköpfen, Mann und Frau, Mann und Kind, der Doppelte Raucher und die Kopfgeburt, der Kopf der beweglichen Figur.

"Wenn man so wie ich sein Leben fast immer zeichnend begleitet, verselbständigt sich die Zeichnung, wird einmal Notation von Zuständen und dann wieder genaue Analyse, trägt zur Verwirrung und dann wieder zur Klärung bei. Ich könnte kaum denken ohne zu zeichnen", schreibt Pichler im Katalog zur Ausstellung, mit der das Ferdinandeum Wiedergutmachung leistet.

Denn die letzte Museumsausstellung des international gefragten Grenzgängers zwischen Zeichnung, Skulptur und Architektur fand in Österreich vor fast 20 Jahren, 1990 im MAK in Wien, statt. Auch die jetzige Schau in Innsbruck kam nur in Zusammenarbeit mit der renommierten Galerie "Contemporary Fine Arts" in Berlin zustande, die im Dezember 2007 ihren Neubau mit Walter Pichler eröffnete.

Der 72-jährige gebürtige Südtiroler macht es dem Kunstbetrieb von heute freilich schwer, von der Eventkultur lässt er sich nicht vereinnahmen, von seinen Skulpturen, die er aus Bronze, aus Lehm, Holz und Glas, aus Weiden und Knochen formt, trennt er sich schwer. Mit ihnen lebt er auf seinem Bauernhof im burgenländischen St. Martin, er umhüllt sie, baut Schreine, Behausungen für sie. Diese archaisch anmutenden Geschöpfe in Innenräume zu transferieren ist ein Wagnis, was auch private Sammler und Leihgeber wissen.

Kurator Günther Dankl ist eine fast asketische Inszenierung gelungen: sakral, doch frei von pathetischer Weihe. Ohne strenge Chronologie macht er Zusammenhänge sichtbar, den Dialog zwischen den Skulpturen und den Zeichnungen, auch den Dialog der Skulpturen mit der Architektur des Raumes, den Zwischenräumen.

Als Gewerbeschüler hatte er den romanischen Kruzifixus im Ferdinandeum oft gezeichnet, ihm widmete er jetzt eine Hommage.

Die Attraktion ist aber ein profane Arbeit: Dieter Roth hat ein Porträt des Freundes aus Kochschokolade geformt. Walter Pichler setzte es in eine Glasvitrine und verpasste dem frechen Objekt auch einen Körper: nicht aus Glas, sondern aus Lehm. So wie einst Adam rschaffen wurde.

"Es ist doch der Kopf"

Walter Pichler Personale

Tiroler Landesmuseum, Innsbruck

bis 11. Mai

Dienstag, 01. April 2008

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