07.01.2003 19:26
Der Archivar des Wiener Blutes
Zum
Tod des Künstlers und Philosophen Erwin Puls
Wien - Die Globalisierung war noch nicht erfunden und
forderte doch schon erste Opfer. Der Import sollte den Export verunmöglichen -
und damit auch gleich ein traditionelles Handwerk seiner Chance auf Fruchtgewinn
berauben: Die Fertigkeit, "Wiener" wie auch "Pariser Fotos" herzustellen, war
mit einem Schlag brotlos geworden.
Der über Jahrzehnte gewachsene
Kundenstock kam mit einem Mal nur mehr angesichts skandinavischer
Hochglanzprodukte. Bunt waren die, perfekt ausgeleuchtet, und die Modelle hatten
auch keine Wimmerln mehr am Popsch. Und dennoch, ein Wiener begann antizyklisch
zu sammeln, erwarb ganze Konvolute des abgewetzten Materials.
Die "Wiener
Fotos", klärte Erwin Puls die Nachfolgegenerationen auf, unterschieden sich ja
von den "Parisern" dadurch, "dass man den Schwanz in der Fut sah". Sie kamen
explizit dort zur Sache, wo die "Pariser" Schleier drapierten. Und, legte Erwin
Puls fest, pornografische Bilder sind, ebenso wie Musik, Kunst. Als Abfolge von
Zeichen vermitteln beide nonverbale Nachrichten - für die es einen riesigen
Markt gibt, womit wiederum jener Warencharakter belegt wäre, der sie als Kunst
ausweist.
Und also hat Erwin Puls die ebenso verschämt wie massenhaft
verbreiteten Bedeutungsträger seinem Nachdenken ausgesetzt - einer Lust, einem
Wohlwollen; hat die Ästhetisierung der Sexualität als gesellschaftliche
Notwendigkeit festgehalten; hat zu jedem der 393 Takte von Johann Strauß' An
der schönen blauen Donau eine Seite lang Ästhetik abgehandelt; hat mit jeder
Seite auf ein Pornofoto im Anhang verwiesen. Und wollte das Ganze dann nur ja
nicht linear durchgelesen wissen, wollte sein Opus Magnum quer gelesen haben, im
Dreivierteltakt hin- und hergeblättert. Wider alles Schulische, für ein Denken,
das auf dem Zweifel fußt und nicht auf beliebigen Übereinkünften.
Erwin
Puls hat Pornografie denkwürdig gemacht. Nach jahrelangem vergeblichem Suchen
hat sich 1997 der Züricher Haffmans Verlag gefunden, sein Lebenswerk zu
veröffentlichen: Das Mittel, nicht oder nur schwer darstellbare
Bildereignisse dem Kunstliebhaber dadurch nahezubringen, dass er sie schildert,
als sähe er sie außerhalb. Versuch einer teichoskopischen
Vulgärästhetik.
Erwin Puls hat in den 60er-Jahren bei Joseph Beuys
und seither in Wien gelebt. Tabuzonen, neben der Pornografie in frühen Aktionen
immer wieder der Tod, hat er aus einer simplen Fragestellung heraus aufgesucht:
Wo kämen wir hin, müsste man sich daran halten, auch nur irgendein Thema, eine
Äußerung, einen Sachverhalt nicht als Kunst betrachten zu dürfen? Und das mit
dem Walzer und der Pornografie ist nun ja in der Tat nicht weit hergeholt: "Da
begreifet man Frauen und Jungfrauen mit unkeuschen Händen, man küsst einander
mit hurischem Umfangen, und die Glieder, welche die Natur verborgen hat,
entblößt oft Geilheit. Wo geschieht mehr Übermut, Trutz, Mord, Verachtung denn
eben im Tanz? Tanzen ist eine Übung, nit vom Himmel kommen, sondern von dem
Teufel erfunden . . ." ("Vom Tanzen" von Pfarrer Melchior Ambach, Frankfurt am
Main 1545).
Erwin Puls erlag, wie erst jetzt bekannt wurde, am 2.
Jänner, 63-jährig, in Wien einem Krebsleiden. (Markus Mittringer/DER STANDARD;
Printausgabe 08.01.2003)