11.06.2003 19:56
Eine Ausstellung von Ausstellungen
"Träume und Konflikte - Die Diktatur des Zuschauers": Die 50. Ausgabe der
"Biennale di Venezia" eröffnet diesen Samstag
Die 50. Ausgabe der "Biennale di Venezia" eröffnet diesen
Samstag. Biennale-Leiter Francesco Bonami stellt die Veranstaltung unter den
Titel "Träume und Konflikte - Die Diktatur des Zuschauers".
Venedig - Am 30. April 1885 eröffnete die erste Biennale von Venedig.
Und damit ein Erfolgsmodell: Am kommenden Samstag, dem 14. Juni, wird die 50.
Ausgabe der Biennale feierlich eröffnet. Von 15. Juni bis 2. November hat dann
jedermann Zutritt zu den Länderpavillons in den Giardini, den verschiedenen
Themenschauen im Arsenale, und zu den Dutzenden begleitenden Präsentationen in
der Stadt. Francesco Bonami heißt der Leiter der Jubiläumsschau, die eine
Ausstellung von Ausstellungen sein soll.
Anstatt wie Harald Szeemann 2001
das Monsterprogramm allein zu bewältigen, hat Bonami Gastkuratoren eingeladen,
sein Thema Träume und Konflikte - Die Diktatur des Zuschauers zu
umreißen.
Acht Ausstellungen
Acht thematisch
gesonderte Sektionen werden das Arsenale strukturieren: Die Zone of Urgency, um
die sich der in Paris lebende chinesische Kurator Hou Hanrou kümmern wird;
Individual Systems, betreut vom Slowenen Igor Zabel (Koordinator der Manifesta
3); The structure of Survival, gestaltet von Documenta-11-Kokurator Carlos
Basualdo; die Utopia Station, um die sich Molly Nesbitt (Department of Art am
Vassar College, Staat New York), der rasende Kurator Hans Ulrich Obrist und die
argentinische Künstlerin Rirkrit Tiravanija kümmern werden. Der Abteilung
Conflict steht Documenta-10-Leiterin Catherine David vor; The Everyday Altered
selektiert der Weltkünstler Gabriel Orozco; um die Clandestines ("die
Heimlichen") kümmert sich Bonami selbst; Fault Lines gehen Gilane Tawardos und
das Forum Africa Contemporary Art nach.
Das Länderprinzip, viele
Biennalen lang thematisiert und als anachronistisch infrage gestellt, sei
diesmal "sehr lebendig", meinte Bonami bei einer Präsentation in Wien. In der
Kunst sei die Entwicklung langsamer als beim Fußball, da hätten etwa Wales und
Schottland eine eigene Mannschaft. Palästina bekommt keinen Pavillon, dafür das
Projekt Stateless Nation, welches stellvertretend für Identitätsfragen
stehe.
Für Kasper König, Direktor des Museum Ludwig in Köln, war die
Zusage Bruno Gironcolis, im österreichischen Pavillon bei der Biennale von
Venedig 2003 auszustellen, gleichsam die "Bedingung", den Job als
Österreich-Kurator (einmalig) auch anzunehmen. Und sich damit den "Traum" zu
erfüllen, über die nötigen Mittel zu verfügen, Bruno Gironcolis ausufernd
raumgreifende Skulpturen international ausstellen zu können. Mit einem Budget
von 300.000 Euro hat er in Josef Hofmanns Österreich-"Kiosk", eine kleine
Werkschau der "international einmalig asynchronen Position" Gironcolis
eingerichtet.
Die Schau zeigt einen Querschnitt durch das Werk des 1936
in Villach geborenen Kärntners, der 1977 die Nachfolge von Fritz Wotruba als
Professor an der Wiener Akademie der bildenden Künste antrat und seitdem im
Ateliergebäude in der Böcklinstraße arbeitet, unterrichtet und auch wohnt. Neben
wegweisenden Arbeiten wie Madonna (1975/76) und Vater, Mutter, Kind sind zwei
neue Abgüsse von Modellen aus den 90er-Jahren vor dem Pavillon
aufgestellt.
Die Enge der Welt
Können Bruno
Gironcolis frühe Polyesterobjekte noch als Paraphrasen auf den Gebrauchswert von
(50er-Jahre-) Mobiliar gelesen werden und damit auch als Kommentare der Enge
kleinbürgerlicher Kabinette, so kommen in den großen, maschinenartigen
Objektkonstellationen auch die Hintergründe und Folgen der Enge der Welt, in die
er geboren wurde - (Austro)faschismus, Gewalt, sexuelle Repression und
Perversion, masochistische und sadistische Praxis -, intensiv zum
Ausdruck.
Weitere Biennale-Teilnehmer aus Österreich sind Josef Dabernig,
Maria Lassnig, Florian Pumhösl und Markus Schinwald. Franz West tritt im Rahmen
der italienischen Gruppe "Zerynthia" in Erscheinung.
DER
STANDARD wird ab Freitag, 13.6., ausführlich von der
Biennale in Venedig berichten. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.6.2003)