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Heillos verknotet: die dritte Berlin-Biennale

Berlin-Biennale
Mief über der Stadt
Von Niklas Maak
 
15. Februar 2004 Es stinkt furchtbar. Es riecht nach öliger Sauna, es riecht schwül, es riecht nach abgestandenem Badewasser und vielleicht auch nach abgestandenen Theorien, man weiß ja nicht, wie Theorien riechen, wenn sie schlecht werden. Der Gestank verdankt sich einem Kunstwerk von Sissel Tolaas. Es besteht aus elf Flakons, der Besucher darf darauf herumdrücken und bekommt einen übelriechenden Geruch an die Finger. Auf den Flakons steht Westen, Südwesten, Osten, jeder Flakon repräsentiert einen anderen Teil von Berlin; Der Duft ist aber nicht real im Westen und Osten eingefangen, sondern von Tolaas "zugeordnet" worden. Der Osten stinkt mehr als der Westen.

Weiter unten hat Bert Neumann ein Dorf aus Containern, Saloon-Fassaden, Plastikstühlen und Getränkeautomaten zusammenmontiert, eine Westernstadt für die Eroberung des Berliner Ostens, eine utopische, vorläufige Trash-Stadt - aber was bisher auf dieser Bühne stattfand, die Pressekonferenz der dritten Berlin-Biennale nämlich, die in den Kunstwerken und im Gropiusbau zu sehen ist, war so trostlos wie die ganze Schau.

Lauter Löcher

Die dritte von Ute Meta Bauer geleitete Berlin-Biennale ist ein Hort der Kuratorenbürokratie. Wie immer, wenn es an Inhalten mangelt, wird zunächst ein möglichst einschüchternder terminologischer Experten-Dada-Wortbrei über die halbgare Kunst gegossen, ein Meta-Konzept erfunden, in dem sich die Kunst einzusortieren hat. In diesem Falle sind es die von Ute Meta Bauer erfundenen "Hubs". Das Wort stammt aus der Informationstechnologie und bezeichnet Knotenpunkte. Die hätte es auf dieser Biennale, auf der ohnehin alles heillos verknotet ist, aber gar nicht gebraucht. Die Hubs heißen "Migration" oder "Sonische Landschaften" und sollen die Reflexion der rasanten urbanen und gesellschaftlichen Entwicklung Berlins ermöglichen. Es spiegelt sich aber nicht viel, eher wirken die Hubs wie nostalgische Zettelsammlungen, in denen dem Traum von der Weltstadt Berlin gedacht wird.

Eine wohltuende Ausnahme ist die von Jesco Fezer und Axel John Wieder kuratierte Unterabteilung "Urbane Kondition", in der man unter anderem ein wildes Bergmodell zu sehen bekommt. Es ist die Statistik der Mietpreise in Berlin, als Bergrelief im Umriß der Stadt dargestellt - eine eingängige, sinnliche visuelle Formel für die oft beschworene soziale Realität der Stadt. Ansonsten wird zum hundertsten Mal das Große und Ganze des Weltelends, der Balkan, die Armut in Asien, das Plattenbauelend des Ostens zu einer globalen Bildsuppe verrührt. Nichts hat eine schlagende visuelle Kraft, man kennt die Bilder, kennt die Thesen. Das Alltägliche perforiert die Kunst in einem Maße, daß man sie vor Löchern kaum noch erkennen kann.

Grimmiger Eifer

Nun ist der Kunstbegriff ja schon länger so ausgiebig gedehnt worden, daß er wie ein nutzlos zerfranstes Gummiseil am Abschlepphaken der Kuratoren hängt - aber immerhin war man sich bisher noch einig, daß ein Kunstwerk sich von allem anderen durch seine Fähigkeit unterscheidet, etwas vor Augen zu führen, das mit anderen Mitteln nicht genauso gefaßt werden kann. Selbst das ist mittlerweile hinfällig. Der fatale Hang, Kunst mit Sozialarbeit oder politisch engagierten Bastelkursen zu verwechseln, schlägt in Berlin unangenehm durch. Kunstwerke, sagt Bauer, müßten vor allem "Ermöglichungsräume für gesellschaftpolitische Auseinandersetzungen sein". Was man sieht, ermöglicht jedoch wenig. Die Künstlerin Maria Bustnes hat eine Mädchenband aufgenommen, als sie "Paint it black" spielte, die Mädchen haben, erklärt ein Führer, Rockmusik als Unterrichtsfach. Darüber hätte man nun gern mehr erfahren, aber das Video will Kunst sein - also Dokumentarfilm ohne Erklärungen.

Der Kunst bekommt die ins Sinnlose gesteigerte Freiheit nicht. Dokumentarfilme auf Arte oder MTV sind nicht nur informativer, sondern auch ästhetisch beeindruckender (und am Ende politisch relevanter) als das, was hier vor die Kamera kommt. Auf der anderen Seite wird der Informationsmangel der Ausstellung mit einem grimmigen Eifer ausgebügelt, daß es nur so staubt. Im Gropiusbau kann man zwischen Stelltafeln auf Decken kuscheln, Hand-Outs mitnehmen und mit Wortbauklötzen spielen; das trostlose Studentenidyll aus Matrazen, Monitoren und Holztischen wirkt wie das Angebot zum Rückzug in eine esoterische, kräuterteeumdampfte Welt, in der pausenlos über das Politische bramabasiert und am Ende doch nur geschlafen wird.

Triste Tapeten

Auf der letzten Documenta konnte man eine Kunst entdecken, die politisch war, weil sie die Ästhetik kollektiver Traumvorstellungen mit den Traumata einer verdrängten sozialen Realität zu zwingenden Bildformeln verdichtete. Chantal Akerman zeigte Bilder von den Scheinwerfern amerikanischer Limousinen auf ihrer Fahrt über die Freeways, daneben die Suchscheinwerfer amerikanischer Hubschrauber, die an der Grenze illegale Einwanderer abfangen - und die ästhetische Parallele der Lichtkegel war beeindruckend. Auf der Berlin-Biennale findet man einen Abglanz dieser Atmosphäre in Ergin Cavusoglus Video eines herumknatternden Hubschraubers, auch im Modell der US-Botschaft in Athen, die 1996 Ziel eines Anschlags wurde. Im Modell ist die Flugbahn der Rakete, die das Gebäude treffen sollte, als Bogen nachgebaut und sieht wie ein schickes architektonisches Detail aus. Die Versprechen einer internationalistischen Ästhetik werden hier ad absurdum geführt.

Ansonsten wandert man auf der Biennale durch blutarme Mode-Reflexionen, schlechte Dokumentarfilme, gähnend langweilige Fotografie. Menschen, von denen man nichts weiß, schauen gelangweilt in den Sucher, Mülltonnen stapeln sich, Autos rasen durch Vorstädte. Was "politisch" gemeint war, ist in Wahrheit dekorativ: Die Fotografie bietet nicht viel mehr als hübsche Tristesse-Tapeten, und man ist erleichtert, wenn man im Seminarordnerdschungel lebensmüder Aufrüttelkunst Isaac Juliens rätselhaftes Filmkunstwerk "Baltimore" entdeckt, das eine überbordende optische Kraft hat und ohne das Grundkurshafte anderer Räume auskommt. Mit der übrigen Schau hat "Baltimore" konzeptionell aber nur wenig zu tun.

Die Berlin-Biennale war, als sie 1998 zum ersten Mal stattfand, ein international wichtiges Forum für zeitgenössische Kunst, es war ein Energiegenerator für eine ganze Generation von Künstlern, und die Karrieren von John Bock, Jonathan Meese oder Ugo Rondinone wären ohne die Biennale vielleicht anders verlaufen. Deshalb sollten die Kuratoren der ersten Stunde schleunigst das Ruder wieder selbst in die Hand nehmen und der wirren Hub-Huberei ein Ende bereiten. Man mußte nur an diesem Wochenende in die Galerien in der Zimmerstraße gehen, um zu begreifen, welchen Elan Berlin haben kann. Es muß unbedingt eine vierte Berlin-Biennale geben, auch eine fünfte und sechste. Aber bitte nicht noch einmal so eine.

Bis 18. April. Der Katalog (Verlag Walther König) kostet 30 Euro.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.02.2004, Nr. 39 / Seite 37
Bildmaterial: AP

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