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Quer durch Galerien

Das Wettex mag die Wüste nicht

Von Claudia Aigner
Die Dinger, die ich meine, entfernen selbst hartnäckige Lebensformen mühelos von diversen Oberflächen, der Erdoberfläche zum Beispiel (etwa von dort, wo sie am glattesten ist: vom Küchenboden). Und schaffen auch die penetrantesten, insistierendsten Vitalfunktionen aus der Welt, die halt einfach beharrlich darauf bestehen zu existieren.

Das österreichische Webverzeichnis! Meine ich die Allzweckreiniger, die nichts, aber auch gar nichts mehr übrig lassen in Küche und Bad, denn sie sind ultrastark, weil sie sogar die mit freiem Auge gar nicht mehr sichtbaren Anwesenden kurzerhand aus dem Haushalt wegdesinfizieren, nämlich mit den Bakterien kurzen Prozess machen?
Es kann ja tatsächlich nur von den Waffen der Putzfrauen die Rede sein, die berufsbedingt einen Sauberkeitsfimmel haben und derzeit überall auf einem antibakteriellen Kreuzzug sind und sich nicht mehr nur mit harmlosem Zitronenduft begnügen. Die Hygiene-Infanterie, also die Putzfrauen halten sich, wenn sie das antibakterielle Sperrfeuer eröffnen, ohnedies nur an die Gebrauchsanweisung auf ihren Schusswaffen: "Direkt auf die Lebensform sprühen und mit einem sauberen Lappen oder Papiertuch abwischen." Oder ist der "Meister-Proper-Antibakterien-Spray" etwas anderes als eine Handfeuerwaffe? Und ist Putzen etwas anderes als ein Nahkampf?
Nein, eigentlich muss es sich doch um anderes Schießgerät handeln. Denn auf Putzmitteln steht doch immer: "Außerhalb der Reichweite von Kindern aufbewahren!" Und es sind immerhin Kinder, die hier schwer bewaffnet herumgehen. Und außerdem ziehen keine Putzkolonnen durch die Wüste Sinai. Weil sie keine glatte, abwaschbare Oberfläche hat, sondern bloß Felsen und Sand, und demnach völlig ungeeignet ist fürs Wettex oder den Wischmopp.

Galerie Knoll: Der Krieg - ein Spielplatz für Helden

Gut, da es sich kaum um gigantische futuristische Bakterienabwehrkanonen handeln dürfte (um "Baks", in Anlehnung an die "Flaks", die Flugzeugabwehrkanonen), womit die Kinder da durch die Wüste marschieren, also eher nicht um hypertrophes Putzgerät der Zukunft, um die Vision der Putzmittelindustrie von einem Endkampf gegen die Verunreinigung der Welt, wo man dann mit Spatzen auf Kanonen schießen wird (äh umgekehrt), wird das imposante Kriegsspielzeug wohl am ehesten in jene Kategorie fallen, bei der auf dem Beipackzettel steht: "Nach Gebrauch Hände sorgfältig waschen. In Unschuld." Prädikat "besonders tödlich".
Aber so streifenfrei blank wie die metallischen Rohre sind, dürften die kleinen Soldaten sie wenigstens mit dem "Blue Star Power Reiniger" oder mit "Cif" geputzt haben. Für beneidenswerten Glanz ohne Kratzer. Verantwortlich für die eindrucksvoll perfekten, aalglatten Bilder zeichnen AES + F (bis 20. November beim Knoll, Gumpendorfer Straße 18). Das mag ja wie ein Verkaufsargument klingen, wie eine geheimnisvolle Wunderspezialzutat, etwa das legendäre "patentierte TAED-System" eines Waschpulvers, über dessen eigentliche Natur die Hausfrauen und -männer überall im Sonnensystem heute noch rätseln. Hier sind es freilich schlicht die Anfangsbuchstaben der Nachnamen der Künstler: Tatiana Arzamasova, Lev Evzovich und Evgeny Svyatsky und vom sporadischen Zusatzstoff "F": dem Fotografen Vladimir Fridkes.
"Action Half Life": Dort, wo Moses nach dem Exodus aus Ägypten 40 Jahre umherirrte und aus der Luft mit Manna und Wachteln verpflegt wurde (die transzendentale Urform der "Rosinenbomber"), dort setzen die vier Russen mit dem Computer Kinder aus Schauspielmodelagenturen hinein, denen sie die Tarnfarbe der Unschuld angezogen haben (Weiß) und die Tarnkleidung der Pazifisten (kurze Hosen und Rockerln, bloße Füße, manchmal Turnschuhe), bevor sie ihnen nachträglich noch Superwaffen à la "Star Wars" in die Hände drückten. Aus einem Computerspiel. Die chlorgebleichten kleinen Helden, die so klinisch sauber wie die ausgewachsenen großen sind, sind total weltfremd: schwitzen in der makellos sonnigen Wüste nicht (die Wüste ist, nebenbei bemerkt, jener Ort, wo man mit einem Krieg eh nicht mehr viel kaputtmachen kann), sind ultimativ cool, ja brauchen nicht einmal einen Lichtschutzfaktor, um sich am Ende des Tages nicht das glühende Abendrot mit in den Schlafsack nehmen zu müssen und es noch tagelang auf der Haut zu konservieren (den Sonnenbrand).
Das ist kein Auszug aus Ägypten, sondern die Emigration der Kinder aus der Realität, wie sie's ja dauernd vorm Computerkastl tun. Der Computerspieltod ist meist blutleer, man löst sich einfach in Nichtexistenz auf. Und hat noch mindestens zwei Wiederauferstehungen. Brillant irritierende Bilder mit aktuellem Kriegsspiel- und Helden-Zynismus, die wegen der Vollkommenheit ihrer Machart unwiderstehlich sind.

Galerie Wort & Bild: Ein Altweibersommer zum Anziehen

Barophobiker, also Leute, die sich vor der Schwerkraft fürchten und deshalb eine Diät nach der andern machen, weil sie der Erdanziehungskraft Kilo um Kilo entfliehen wollen, könnten beim Anblick der spinnwebfeinen Gewänder von Kyoko Adaniya-Baier Erleichterung verspüren. Durch Empathie mit den überirdischen, gravitationsflüchtigen Leibern, für die die Hagoromos (zu Deutsch: Federkleider) gedacht sind und die sich schließlich so ätherisch fühlen müssen wie aufsteigender Teedampf: Die duftig luftigen Kimonos, die aussehen wie ein Altweibersommer zum Anziehen, in dessen Spinnweben sich Blüten und Blätter verfangen haben, sind für Göttinnen reserviert, deren Reiseziel der buddhistische Himmel ist.
Natürlich bestehen sie nicht aus gewebtem Teeduft (und der Kimono "Wolke" nur scheinbar aus "meteorologischer Zuckerwatte"), sondern aus Baumwolle, Seide, eingestreuten Blättern. Die meisten der ungemein sensiblen Kleider (bis 17. November in der Galerie Wort & Bild, Garnisongasse 18) sind Kyokos Großtante gewidmet, die sich von den Inseln der seligen Teetrinker (Japan) verabschiedete, indem sie auf dem Sterbebett ein allerletztes Mal den Odem des Tees ausatmete, in Form eines Haikus: "Silberne Teeschale und goldenes Tableau / wunderbarer Duft des frisch aufgegossenen Tees." Arbeiten von höchster Poesie, die durch ihre feinsinnige Schlichtheit beglücken.

Erschienen am: 12.11.2004

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