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10.05.2006 - Kultur&Medien / Ausstellung
"Kunst? Weiß ich doch nicht!"
VON CLAUDIA HERSTATT
Jung und Wild. Die erste "Retrospektive" des deutschen Shootingstars Jonathan Meese.

Sein Schaffensdrang ist überwälti gend. In nur vier Wochen hat Jona than Meese 2500 Quadratmeter in den Hamburger Deichtorhallen mit Installationen, Skulpturen, einem erst am Abend vor der Eröffnung fertig gestellten riesigen Ölgemälde sowie einer ganzen Theaterkulisse gefüllt. Man weiß eigentlich nicht, ob man das Ensemble als Ganzes bewundern oder die mehr als 300 Arbeiten einzeln bewerten soll. Klar ist, dass man sich in einer Art Panoptikum befindet, das erlebte Geschichte und Historie aufs Krudeste vermengt und in verwirrende Zusammenhänge bringt.

Romy Schneider und Pol Pot, Ezra Pound, Richard Wagner, Hitler, Stalin und Steve McQueen, Stanley Kubrik, Caligula, Nietzsche und Störtebecker: Das sind nur ein paar der Personen, die der 37jährige deutsche Shootingstar für die "utopische Macht der Kunst" einsetzt. "Die Kunst", so Meese bei einem denkwürdigen, performance-artigen Auftritt zur Pressekonferenz, "soll ganz weit weg eilen und uns zeigen, was wir noch nie gesehen haben. Ob ich dann Täter oder Opfer bin, ist mir total egal."

Es ist wahrlich ein utopischer Kosmos, in dem sich dieser Künstler bewegt, in dem er Abenteuer besteht, die ihm im normalen Leben Todesangst einflößen würden. "Die Straße macht mir Angst", sagt er. Wer ihn aber beschützt, ist seine Mutter. Ihr ist die Schau mit dem Titel "Mama Johnny" in gewisser Weise auch gewidmet. Auch wenn sie es gar nicht schätzt, wie man erfährt, dass ihr Sohn so viele Nazi-Embleme in seinen Sgraffiti verwendet und seine Skulpturen mit monströsen "Pimmeln" ausstattet.

Im Zentrum der Ausstellung aber steht ein abgehängter Bühnenraum, verkleidet mit schwarzer Folie, die Meese rundum mit weißer Farbe bemalt und betextet hat. Hier, in dieser "Black Box" fanden die beiden letzten Aufführungen von Pitigrillis Drogenschundroman "Kokain" statt, einer gemeinsamen Arbeit des Künstlers mit Frank Castorf, Regisseur der Berliner Volksbühne. Jetzt kann die Drehbühne in Form eines eisernen Kreuzes mit darauf abgestürzten Ufo betreten und eine Runde mitgefahren werden. Überhaupt ist vieles in Koproduktionen entstanden, eine rosa Burg mit Tal R., Gemälde, Skulpturen, ja ganze, für Hamburg rekonstruierte Ausstellungen mit Jörg Immendorf, Albert Oehlen, Daniel Richter.

Als Ganzes macht die Schau durchaus Sinn und ist ein überbordendes Ereignis - auch wenn man den Eindruck nicht ganz los wird, dass rund um die großen Installationen eine Verkaufsschau von Meeses engagiert involvierter Galerie gehängt wurde. Ganz nah sollte man an manchen Gemälden nicht vorbeigehen, die Farbe ist noch nicht getrocknet. Und auch eine Bronzeskulptur, den Künstler als Mischung von Kapitän und Amphibienwesen zeigend, war erst kurz vor Eröffnung angeliefert worden.

Meese geriert sich in seiner ersten großen Ausstellung als eine Art Wahnfried. Man weiß nie, ob er mit dem Vokabular der historischen Figuren spielt, um eine neue Revolution der Kunst anzuzetteln oder ob er bewusst Lunten für Missverständnisse legt. Ob er das Chaos kalkuliert anrichtet oder ob das Chaos in seinem Kopf ist, wie er selber sagt: "unheilbar aber nicht krank". Bevor er das Bühnenbild für "Kokain" erfand, war er nie in einem Theater gewesen - und für Kunst habe er sich "eigentlich auch nie interessiert", wie seine Bürovorsteherin oder besser Mutter-Managerin betont.

Was also treibt Meese? Irgendwie scheint sich alles Luft verschaffen zu müssen, eine Folge von skurrilen Köpfen auf edlen Sockeln, ein paar mit wenigen Strichen perfekte Zeichnungen, wie ein Hitler-Porträt mit Reh und Titel "Die Bergwelt schreit es", wie das Gemälde "Erztonis Wurststüberl", auf dem "Fräulein Katzenzung will Pimmeldung" und Sonstiges steht, was man sonst eher andernorts hingekritzelt vorfindet.

Die manische Produktion kann einem Angst machen. "Ich bin total erschöpft", sagte der Künstler bei der Pressekonferenz. Aber, so gewinnt man den Eindruck, der Kampf gegen die Mickrigkeit in der Kunst und im Leben sowie die eigene Feigheit muss fortgeführt werden. Dafür reibt Meese sich auf. Das nächste Projekt ist schon in Arbeit. Wieder gemeinsam mit Castorf wird er Wagners "Meistersinger" inszenieren. Die Proben laufen bereits. "Ob das hier alles Kunst ist, weiß ich doch nicht", erregte er sich ins Publikum und schildert sein Künstlerdasein: "Man ist sehr einsam, weil man ja Käpt'n Ahab ist und sowieso im Maul von Moby Dick verschwinden muss. Aber man winkt den Menschen noch zu beim Abschied."

Bis 3. September. http://www.deichtorhallen.de/  

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