Das Mumok widmet dem österreichischen Starkünstler Peter Kogler auf zwei Ebenen eine Werkschau
Die Ratten aus dem Computerlabor
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Labyrinth mit Ameisendekor: Peter Kogler verleiht dem Mumok eine befremdliche Optik. Foto: Mumok/Rastl
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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Erst in den Abendstunden werden sie aktiv, die weißen Riesennager an
der Fassade des Museums Moderne Kunst (Mumok): Extra für die Werkschau
des heimischen Starkünstlers Peter Kogler wurden drei
computergenerierte Installationen geschaffen, und eine davon lässt nun
weiße Ratten über den grauen Basaltkubus im Wiener Museumsquartier
kriechen. Die Zuspielung kommt von einem Bauturm mit zwei Projektoren
zu je 30.000 Lux – und ist unübersehbar wie Koglers Eingriffe in den
öffentlichen Raum am Flughafen Schwechat und im Grazer Hauptbahnhof.
Die Ambivalenz des Motivs – die Ratte als Versuchstier, doch auch
Feindbild des Menschen – verbindet sich mit der Doppelbödigkeit eines
Informationszeitalters, das von Datenströmen überschwemmt wird. Kogler
ist dessen typischer Vertreter – und hat es daher wie kein anderer
unter Österreichs Künstlern verstanden, sich zweimal bei der Kasseler
"documenta" und sogar im Museum of Modern Art in New York zu
positionieren. Seine mehrjährige Professur in Wien tauschte er zuletzt
gegen eine Lehrstelle für Grafik in München, sein Atelier ist aber noch
in Wien.
Interessant am sorgfältig erarbeiteten Einblick des Mumok in Koglers
Karriere ist das noch nie gezeigte Frühwerk – darunter Kohlezeichnungen
und Modelle aus Karton, die ihre Inspiration expressionistischen
Filmen, etwa von Fritz Lang, verdanken. Zu diesen Werk-Serien gehört
auch ein Film, der das Krabbeln einer Ameise über eine Zeitung zeigt –
sowie eine laufende Ratte in einem quadratischen Bildformat.
Raumordnung durchbrechen
Bei näherem Hinsehen entpuppt sich der vermeintlich bewegte Nager
als ausgeschnittene Ratten-Form – doch die technische Verfeinerung ließ
da genauso wenig wie im Fall der Ameise auf sich warten. Kogler nützte
bald den Computer, auch der Umstieg von Siebdruck auf digitale Technik
kam ihm zugute. Früher musste er sich mit Scherenschnitt und
schwarzweißen Computerprogrammen begnügen – die Collagebilder, die er
1987 in Paris in Großformate verwandelte, wirken noch flach gegenüber
jener begehbaren Rauminstallation, die er im Mumok auf Ebene 4
entwickelte. Sie durchbricht das Viereck der Räume ebenso, wie das hier
geometrischen Netzen von Rauchschwaden gelingt.
Die Synästhesien von Architektur, Design, Malerei und Musik mit
neuen Medien sind das Grundanliegen Koglers – und es gelingt ihm, diese
Zusammenschlüsse derart zu perfektionieren, dass Objekte wie Tapeten
und Tische künstlerisch gleichwertig neben Bildern erscheinen. Damit
macht Kogler die kreative Subversion der neuen Technologien ebenso
sichtbar wie ihre kunstlosen Nachteile: Die Fremdbestimmung des
Menschen durch das gleichsam labyrinthische Internet.
Keine Gefühlsduselei
Dabei werden die vielschichtigen Bedeutungsebenen nicht allzu
gefühlslastig zur Schau gestellt: Sozialkritik etwa steht bei Koglers
experimentellen, seriellen Konzepten eher im Hintergrund. Für ihn waren
Marcel Duchamp und die Strukturarbeit der Film avantgarde des
Expressionismus wichtig, nicht die nervöse Seite dieser Kunstrichtung,
die auf die neue Malerei seiner Generation einwirkte. Zugleich
überfrachtet uns Kogler aber nicht mit Sprach- oder Kunsttheorie. Die
kann man beim Vorbeischreiten an Ratten, Hirnen und beim Begehen der
Labyrinthe parallel dazu im eigenen Kopf ablaufen lassen.
Also keine Zwangsbeglückung durch Kunst: Das Vordergründige prangt schamlos über intellektuellen Weiten.
Ausstellung
Peter Kogler
Edelbert Köb, Rainer Fuchs (Kurat.) Mumok, bis 25. Jänner
Printausgabe vom Freitag, 31. Oktober 2008
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