Wie Kühe in der Hofreitschule
Von Claudia Aigner
Es gibt da eine Bauernregel: Wenn die Menschen niedrig
fliegen - dann hat der Paul Flora schon wieder die Windmaschine aufgedreht
("Stürmischer Tag"). Und es gibt noch so ein Naturgesetz: Wenn die
jährliche Paul-Flora-Ausstellung beim Gerersdorfer (Währinger Straße 12)
aus ist, dann sollte man g'schwind heim rennen und die Kerzen auf dem
Christbaum anzünden. Denn der Flora funktioniert ein bisschen wie ein
Adventskalender. Man weiß nicht, ob er einen im Hirn kitzelt oder
gleich im Bauch (also ein bisschen am Zwerchfell): Man fühlt sich vor
diesen sympathischen Blättern jedenfalls ziemlich erheitert. Vielleicht
hat der Flora ja heimlich Marionettenfäden an unseren Mundwinkeln
befestigt und zieht jetzt nach Lust und Laune daran. Zum Beispiel wenn
zwei Herren sich auf offener Straße begrüßen und aus übertriebener
Höflichkeit den Hut mitsamt dem Kopf abnehmen. Natürlich gibt es da auch
abgründigere, rabenschwarze Blätter. Freilich: Nicht nur die markanten
Charaktere und markanten Einfälle machen den Paul Flora aus, sondern auch
seine disziplinierte Zeichenkunst, das spinnwebenfeine Stricherlgestöber.
Paul Flora hat bekanntlich die Raben in Venedig eingeschleppt. Ihm
haben wir es zu verdanken, dass die Tauben dort auf der Liste der
gefährdeten Arten stehen. Raben auf dem Markusplatz: Das ist so surreal
wie Milchkühe unter den Hinterbacken der spanischen Hofreitschüler.
Möglicherweise hat er das Taubenübel einfach an der Wurzel gepackt: In
seinem Venedig gibt es nämlich keine Touristen (nur einheimische
Pulcinellos, Arlecchinos und Pestärzte). Und ohne Touristen ist halt
keiner da, der die "Mistviecher" füttern könnte. Hat er also in alle
Gondeln ein Loch gemacht oder gar die Ratten dressiert, dass sie ihre
Pestflöhe in haushaltsüblichen Mengen nur an Nichtvenezianer abgeben?
Nein. Natürlich hat er die Touristen und die Tauben einfach nur nicht
gezeichnet. Vor zwei Jahren ist in seine Bildwelt der kultivierte Rabe
Monsieur Corbeau (zu Deutsch: Herr Rabe) eingewandert, ein herzhaft
zerfleddertes Kerlchen (als hätte Nosferatu mit einer Frau Rabe ein Kind
gezeugt und das hätte dann mit einer Steckdose gespielt). Aber eigentlich
ein liebenswerter "Woody-Allen-Typ". Corbeau scheint freilich noch
unter "Evolutionsschock" zu stehen, wenn er zu seinen Vorfahren, den
echten Raben, ins Geäst klettert. Genauso gut könnte Karl Lagerfeld mit
seinem Fächer zu den Orang-Utans krabbeln. Corbeau hat noch einen
italienischen Vetter (Signore Corvino). Kommen also noch mehr von der
Sippe? Flora: "Andre Sprachen kenn i kane. Man könnt an spanischen machen
und an jugoslawischen. Meine Bildung reicht aber nicht so weit."
Erschienen am: 12.12.2000 |
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