Quer durch Galerien
Rauchen Sie halt Cornflakes!
Von Claudia Aigner
Und Kellogg sprach: Es werde eine Packung Cornflakes. Und es
ward eine Packung Cornflakes. Und Kellogg sah, dass die Cornflakes gut
waren. So oder so ähnlich funktioniert das - mit der Schöpfungsmethode,
die da heißt: "Im Anfang war das Wort". Wenn nun Haim Steinbach (bis
29. März in der Galerie Winter, Breite Gasse Nr. 17) schlicht "Cornflakes"
auf ein Blatt Papier schreibt und das dann einrahmt, ist das
möglicherweise "Popart ohne Bild". Denn die wahren Suppendosen und
Frühstücksflocken sind ja doch im Kopf. Magritte, der etwa ein Ei
vorsätzlich für eine Akazie gehalten hat, hätte wahrscheinlich trotzdem
eine Pfeife vor seinem inneren Surrealistenauge gesehen und hätte die
Zerealien-Natur der flockigen Frühstückskultur standhaft geleugnet. ("Dies
sind keine Cornflakes.") Ich könnte jetzt natürlich die ganze
Zeichentheorie auspacken und vom Signifikanten und vom Signifikat
sprechen, bis mich auch mein letzter, abgehärtetster Leser verlassen hat
(der mir sogar namentlich bekannt ist). An Steinbach ist aber zum Glück
sowieso mehr dran als nur Lehrbuch-Semiotik. Steinbach, der sich als
eine Art "Supermarktarchäologe" einen Namen gemacht hat (als Ausgräber und
Aussteller von Konsumgütern - bis hin zu noch jungfräulichen Klobürsten),
ist nämlich ein Jäger und Sammler von Slogans und Vokabeln aller Art, die
er genau vermisst, um die Buchstabenkörper dann mit ihren korrekten
Proportionen penibelst mit Bleistift aufs Papier oder mit dem Pinsel an
die Wand zu malen - wie gedruckt. Das ist geradezu eine Form von
Fotorealismus. Und kann sogar Humor haben. "Rauchen Sie diese Seite."
Ein surreales Ansinnen. Eine Aufforderung zum Zündeln und zur
anschließenden Rauchgasvergiftung wird das ja wohl nicht sein (also eine
Botschaft an die Kohlendioxydschnüffler). Irritierend: "Es ist hier, aber
WO?" Jetzt denken manche reflexartig an die alljährliche
Osterverzweiflung, an die Osterei-Razzia im Garten, wenn Mama und Papa die
Ostereier zur Fahndung ausschreiben und die Kinder müssen sie suchen gehen
(ohne GPS). Und wenn man ein Auge zudrückt, sind die Zitate auch noch
schriftliche Readymades. Ob Duchamp nun Garderobehaken zweckentfremdet und
als Stolperfallen auf den Fußboden legt oder Steinbach "Or." ("oder" auf
Englisch) in die Galerie hineinmalt, der Unterschied liegt eigentlich nur
in der unterschiedlichen Raumverdrängung. Eine intellektuelle, aber keine
staubtrockene Kunst. Franz Wieser (bis 29. März in der Galerie
Artefakt, Strauchgasse 2) hat sein Schweißgerät am rechten Fleck, soll
heißen: Seine Edelstahlskulpturen gehören zweifellos zur Güteklasse 1a.
Wieser testet den Gleichgewichtssinn von Würfeln aus, stellt sie nämlich
als "Spitzentänzer" übereinander, oder türmt zwölf Säulchen in waghalsiger
Gewichtsverteilung auf. Exakte Formen, lebendige Schweißnähte und
insgesamt keine unpersönliche, blutleere Geometrie. Und einem präzisen
Winkel hat er quasi den Ellbogen gebrochen, aus dem nun das Mark und die
Innereien herausbrodeln. Der Edelstahl "lebt". Man hat das Gefühl,
eine exotische, sehr afrikanische Bilderschrift vor sich zu haben. Bei den
unglaublich frischen und reichen Arbeiten von Amadou Sow (bis 4. April in
der Galerie Sur, Seilerstätte 7) ist es vielleicht ein bisschen so wie mit
der Sprache der Kinder, die gerade die Lust an ihren Sprechwerkzeugen
entdeckt haben und ihre eigenen Wörter erfinden. Und von der Grammatik
noch nicht desillusioniert worden sind. Deshalb liest man diese Bilder ja
mit dem Auge und nicht mit dem Sprachzentrum im Hirn.
Erschienen am: 22.03.2002 |
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