Kasseler Sprengkraft
Was bleibt von der Documenta?
Sie ist ein Erfolg, ein Besucher- und ein Gefühlserfolg. Rund 700000 Menschen haben die Documenta 12, die am Wochenende schließt, gesehen. Und in den meisten entfachte die Ausstellung eine Reibungshitze von geradezu griechischen Ausmaßen – flammend die Begeisterung, sengend die Wut. Vor allem von den Wütenden gab es viele: »Plump« sei die Documenta, »extrem bevormundend« und sowieso »gründlich gescheitert«. So donnerte es in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift Texte zur Kunst, eigentlich bekannt für unplumpe Analysen. Offenbar hat die Documenta viele und vieles entsichert.
Bis vor Kurzem jedenfalls galt »gründlich gescheitert« noch als schmückende Auszeichnung jeder avantgardistischen Kunstaktion. Die Leute sollten aufschreien, sollten ihr gewohntes Ich- und Kunstbild nicht wiedererkennen. Verstörung war das große Ziel – und verstört hat diese Documenta.
Auf fast schon klassische Weise hat sie das Übliche ins Ungewohnte gewendet: hat nicht die Brachialkunst gezeigt, die sonst so gern genommen wird, sondern sich am Beiläufigen delektiert. Hat sich frei gemacht vom Diktat der Innovation und sich einen Blick in die Geschichte der Moderne gestattet, hoffend darauf, auch die Ideale dieser Moderne zu reaktivieren. Nicht zuletzt hat sie ein neues Vertrauen in die Kunst gesetzt, in ihre ästhetische Eigenmacht. Sie wollte ein Geschmacks-, kein Theorieverstärker sein, sie ließ sich leiten von einer tiefen Lust an der Form.
So haben die beiden Kuratoren Roger Buergel und Ruth Noack recht nonchalant viele Zwangsjacken, die sich die Kunstwelt selbst angezogen hat, abgeschüttelt. Kein Wunder, dass sie nun als Irre beschimpft werden.
Wie in den Debatten ums Regietheater erschallt jetzt auch in der Künstler- und Kuratorenszene der Ruf nach Werktreue. Welch Frevel, Konzeptskulpturen mit iranischen Teppichen zu kombinieren! Noch dazu vor farbigen Wänden und in sanftem Strahlerlicht! Die Kunst aus den üblichen politischen und historischen Bezügen zu reißen, sie in ungewohnten Konstellationen zu erproben, das schien manchen zu viel der kuratorischen Freiheit.
Dabei war es viel zu wenig. Die Kuratoren haben etliche Türen geöffnet, ohne tatsächlich hindurchzugehen. Und so drehte sich die Diskussion am Ende vor allem um Stil- und Inszenierungsfragen, und die inhaltliche Dimension, die Debatte über das, was vom Projekt Moderne noch trägt, blieb unterbelichtet.
Dennoch wird diese Documenta als eine Documenta der Neubestimmungen in Erinnerung bleiben. Auf geradezu verwegene Weise stellte sie nicht die Kunst, sondern den Betrachter in den Mittelpunkt. Sie forderte seine Bildung, und das heißt: seine Bereitschaft, sich selbst etwas einzubilden, eigene Deutungen zu entwickeln, sich heranzutrauen an das Unvertraute. Früher nannte man dergleichen ästhetische Erfahrung. Welche Sprengkraft sie noch immer besitzt, auch das hat dieser Kunstsommer gezeigt.
DIE ZEIT, 20.09.2007 Nr. 39
39/2007