VON ARIANE GRABHER
Bregenz (VN) 35 Jahre sind eine lange
Zeit. Auch in der Kunst. Für das britische Duo Gilbert & George,
deren Ausstellung heute um 19 Uhr im Kunsthaus Bregenz eröffnet
wird, scheint diese Wegstrecke wie im Flug vergangen. Zeitlos
klassisch die Anzüge des Künstlerpaares, erstaunlich frisch das
Konzept und ungebrochen aktuell die Botschaft ihres Werkes:
Emotionen und Kunst für alle.
Mit einer Auswahl von 26 großformatigen Arbeiten und
Werkausschnitten aus den Jahren 1989 bis 2001 überzeugt das
Kunsthaus nicht nur mit der bislang umfassendsten Ausstellung von
Gilbert & George in Österreich, sondern auch mit einer
erstaunlich geschlossenen Werkabfolge. Begeistert von den großen,
grauen Wänden und dem "magischen" Licht im Haus entwickelten Gilbert
& George eine tolle Inszenierung, die von der
mystisch-andächtigen Atmosphäre des verdunkelten Foyers hinauf ins
Licht führt. Ihre Bilder hätten schon anders, aber nie besser
gewirkt als hier, betonen die beiden, und man ist versucht, ihnen zu
glauben.
Macht der Gefühle
Dass Gilbert & George dabei nicht nur sich selbst,
sondern vor allem den Betrachter im Sinn haben, kulminiert in dem
Ausspruch: Der Erfolg des Künstlers liegt im Betrachter, und der
Betrachter hat den Erfolg, nicht der Künstler.
Was zunächst nach Understatement klingt, stellt sich inmitten von
raumgreifenden Bildzyklen aber tatsächlich ein. Keine abstrakten,
unverständlichen Inhalte, man ist der Macht der Bilder und der
evozierten Gefühle vielmehr unweigerlich ausgesetzt. Aber auch das
Künstlerpaar legt sich selbst darin offen. Was manchmal an biblische
Darstellungen, namentlich an Freskenzyklen der Renaissance,
erinnert, findet bei Gilbert & George jedoch im Hier und Jetzt
statt. Die Heiligenfiguren sind ersetzt durch Selbstporträts der
Künstler oder Porträts von jungen, häufig moslemischen Leuten, ihr
Background ist der kulturelle Mix der Großstadt London.
Der Kopf, die Seele und vor allem die Sexualität, der sich alles
andere unterordnet, das sind die drei zentralen Lebenskräfte, die
sich zu immer neuen Konstellationen/Bildern formieren. Wenn sich
dazu die Lebenssäfte gesellen, wenn Exkremente, Blut oder Sperma in
den rasterförmig gegliederten farbigen Tableaus als molekulare
Strukturen oder auch deutlich erkennbar aufscheinen, und das immer
noch bei einem Teil des Publikums einen empörten Aufschrei auslösen
könnte, dann geht es nicht primär um Provokation als probates Mittel
der Kunst.
Leiden und Hoffnung
Lapidar gefragt: Was bedeutet die Scheiße in den
Bildern? "Wenn wir mit Äpfeln arbeiten würden, würde niemand danach
fragen", so George. "Shit is People's first adventure in form, and
it's one that everybody in the world understands . . . It's a great
unifying theme." Oder einfacher gesagt: "Scheiße hat nun einmal eine
tiefere moralische Bedeutung." Dass Kunst mehr bedeutet als eine
neue Form zu (er)finden, das beweisen Gilbert & George in ihren
Arbeiten, die Sex-Anzeigen, Blumen, Münzen und Graffiti zu dichten
Geschichten von menschlichem Leiden und Hoffnung verweben. "Nur in
unseren Träumen können wir alles akzeptieren", sagt das
Künstlerpaar. "Unsere Bilder zeigen nicht das Leben, aber vielleicht
könnte die Zukunft ein bisschen aussehen wie unsere Bilder", so die
beiden scheinbar alterslosen Akteure. Und wenn sie nicht gestorben
sind, dann gibt es sie auch morgen noch - die Kunst und die
Emotionen für alle.
Dass der Katalog, eine Art Bilderbuch im besten Sinn, mit
Statements und biographischem Bildmaterial bereits zur Eröffnung
vorliegt, gehört zu den weiteren positiven Überraschungen der Schau.
Kopf, Seele und Sexualität sind für Gilbert & George
die zentralen Lebenskräfte. (Foto: Shourot)
Die Künstler leben in London.
Ausstellung "The Art of Gilbert & George" vom 27. April bis
23. Juni 2002 im Kunsthaus Bregenz (KUB). Geöffnet Dienstag bis
Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag 10 bis 21 Uhr. Katalog ISBN
3-88375-578-8. Informationen: Tel. 0 55 74/ 4 85 94-0,
www.kunsthaus-bregenz.at