| Salzburger Nachrichten am 23. März 2006 - Bereich: Kultur
Leben in der toten Stadt Mit Florian Flickers Doku
"No Name City" wurde am Dienstag die Diagonale in Graz eröffnet.
Intendantin Birgit Flos träumt von "provokanten Strategien".
PIA FEICHTENSCHLAGERGRAZ (SN). Das blonde Frauenwunder hat grellrote
Fingernägel und schmiert rasch Mayonnaise auf die blassen Toasts, um sie
noch eiliger zu verschlingen. Denn der Nachschub ist bereits in
Vorbereitung. Aus dem Toaster mit dem "Diagonale 06"-Etikett wird er
herausgeschleudert, um verschlungen zu werden, auch wenn das, was so
gierig und schmierig konsumiert wird, mit Sicherheit nicht verdaut werden
kann. Jessica Hausners Diagonale-Trailer, eine Kritik an den zementierten
Wiederholungen von filmischen (Frauen)Bildern und Geschichten, präsentiert
sich als Horrorbild der Produktions- und Konsummaschinerie in niedlichem
Pastell. Hausner ist die erste Spielfilmregisseurin, die mit einem Trailer
beauftragt wurde. "Es wird anstrengend, aber es lohnt sich. Sie werden sehen!" So lautet
das von Festivalintendantin Birgit Flos ausgegebene Motto der diesjährigen
Ausgabe. Nach dem Bruch mit dem Diagonale-Leitungsteam ist Flos allein für
die Programmauswahl der Leistungsschau der heimischen Filmproduktion
zuständig. Ihr erklärtes Ziel: Als "effiziente Plattform" dem "Markt
Relevanz und Unabhängigkeit entgegensetzen", mit "innovativen, provokanten
Strategien, jenseits des Mainstreams, die durchaus Mainstream werden
können". Als Beispiel dafür wurden an Stelle der gewohnten Gastrednerinnen und
-redner Experimentalfilme prominent als Vorfilme zum offiziellen
Eröffnungsfilm "No Name City" gestellt. Für Flos soll die Diagonale ein "Übungsfeld" sein, mit dem Traum von
großen "Synergien" und "heimischen Blockbustern", die ganzjährig die
"heimischen Kinosäle füllen". Aus einem anderen Munde kommend, würde das
zynisch klingen. Nicht so bei Flos. Etwas befremdend wirkt es trotzdem.
Befremdend wirkt auch die "Stadt", durch die Florian Flicker in der Doku
"No Name City" führt: eine Westernkulisse 30 Kilometer vor Wien. "Lass uns
mit den Sonnenstrahlen ziehen..." Waterloo & Robinson sitzen auf einem
Bankerl vor einem romantischen See und singen "Das ist meine kleine
Welt..." Waterloo trägt ein Winnetou-Kostüm. Doch er trägt es nicht als
Kostüm. Längst, so scheint es, hat er die Rolle derart verinnerlicht, dass
ihn ein Strahlen von "indianischer Weisheit" umgibt. Doch die Welt im
Wildwest-Themenpark ist alles andere als "frei und ohne Sorgen". Der im
Jahr 2001 eröffnete Park ist keine Goldgrube, er gleicht eher einer "Dead
City", in der die Betreiber von Bars, Geschäften und Shows (Pistolen,
Pferde und Banküberfälle) um ihre Existenz und gegen den Verwaltungsstil
des neuen Managers Armin kämpfen. Der hat Erfahrung in Personalpolitik und
erklärt: "Das ist alles zu ersetzen", wenn es um zwischenmenschliche
Kommunikationsprobleme geht. Dagegen kommt Waterloos Leitsatz "Together we
are strong" nicht an. Flickers Blick gilt nicht den Attraktionen für das zahlende Publikum,
sondern den Menschen, die hier täglich arbeiten. Wenn sie von
"Überlebenschancen" der Stadt sprechen, dann nicht aus fanatischer Liebe
zum Western, sondern weil damit die eigene Überlebenschance auf dem Spiel
steht. Ihnen begegnet Flicker mit so viel Sensibilität, dass er von der Stadt
beinahe völlig absorbiert wird. Indem der Regisseur vom Dokumentaristen
von außen zum neuen Mitglied der Westernstadt und somit auch zum
wesentlichen Handlungsträger im Film wird, erhält die Doku
spielfilmähnlichen Charakter. Ein trauriger Blick auf die skurrilen Auswüchse der Tourismusindustrie:
Der Wilde Westen hat hier Existenz gefährdend an Attraktion eingebüßt. Und
im Film beschwört Waterloo "Good Old Hollywood is dying". Was für eine
Show! |