ON Kultur: Herr Architekt Nehrer,
Sie haben ja schon im August auf die dramatische finanzielle Situation des
Wiener Künstlerhauses hingewiesen. Von Seiten des Ministeriums, konkret
Frau Minister Gehrer, ist Ihnen da nichts als Unverständnis
entgegengebracht worden. Sie hat das in Worte gefasst wie: "Gutmütigkeit
wird bestraft" und hat das mit diesem Vertrag in Verbindung gebracht, mit
dem sie Ihnen seinerzeit nur über einen finanziellen Engpass hinweghelfen
wollte. Wie berechtigt sind Ihre Forderungen nun wirklich?
Nehrer: Das Künstlerhaus hat die Verhandlungen mit öffentlichen
Stellen jetzt abgeschlossen. Sie sind für uns äußerst enttäuschend
ausgegangen. Es ist so, dass wir vom Bildungsministerium überhaupt nichts
mehr bekommen werden, mangels Zuständigkeit. Frau Minister Gehrer hat
gesagt, sie ist nicht zuständig für die Gegenwartskunst. Wir haben vom
Staatssekretär Morak eine Million zugesagt bekommen. Das ist für Projekte
und für Ausstellungen gebundenes Geld, aber es ist natürlich viel zu
wenig; es kompensiert das bei weitem nicht. Etwas großzügiger war die
Stadt Wien. Stadtrat Mailath-Pokorny hat uns etwa ein Drittel dessen
versprochen, was wir durch den Bund an Ausfall haben, also was wir nicht
mehr an Subventionen durch den Bund bekommen, so dass man unterm Strich
sagen kann, die Bemühungen um Förderungen sind so ausgegangen, dass wir in
etwa die Hälfte von dem, was wir bisher hatten, bekommen. Dieses Ergebnis
ist für uns äußerst unzufriedenstellend.
ON Kultur: D.h. es werden hier nur ein paar Löcher gestopft,
aber das Künstlerhaus kann den Betrieb nicht in voller Weise weiterführen
wie bisher?
Nehrer: Das Künstlerhaus gibt nicht auf. Das Künstlerhaus wird
sich für nächstes Jahr bemühen, weiterhin ein interessantes Programm zu
bieten, weiterhin schöne Ausstellungen zu machen. Wir haben in den letzten
drei Jahren eine Bestätigung bekommen, dass das Programm, das wir gemacht
haben, durchaus Anerkennung findet, vor allem bei den jungen Leuten. Auch
in den Medien wird das gewürdigt. Es freut uns besonders, dass die
Ausstellung "Global Tools", die Design-Ausstellung, jetzt nach Finnland
und nach Griechenland gehen wird. Also, das Interesse im Ausland ist
durchaus da, für das, was wir machen. Trotzdem sind wir nicht in der Lage,
auf Grund der drastisch zurückgegangen öffentlichen Unterstützung, unser
Ausstellungsprogramm in vollem Umfang fortzusetzen. Wir wollen aber
weiterhin arbeiten, wir wollen uns weiter bemühen und wenn wir nicht im
privaten Sektor, sprich Sponsoren, eine wesentliche Unterstützung finden,
kann es sein, dass wir im nächsten Jahr Schließzeiten haben.
ON Kultur: Warum ist das Künstlerhaus eigentlich in finanzielle
Schwierigkeiten geraten? Ist das eine Finanzkrise, sind das die äußeren
Umstände?
Nehrer: Das Künstlerhaus hat in den letzten fünf Jahren von
einem Eigenfinanzierungsgrad von 22 Prozent, jetzt bereits mehr als 50
Prozent Eigenfinanzierung erreicht, das ist der Beweis, dass wir gut
gewirtschaftet haben. Trotzdem ist es schwierig, ein so großes Haus, vor
allem ein Haus, das ausschließlich der Gegenwartskunst gewidmet ist, ohne
öffentliche Mittel, ohne Subventionen, ohne Sponsoren zu führen. Der
Hauptgrund, warum wir finanzielle Schwierigkeiten haben, ist diese
drastische Reduktion der öffentlichen Mittel. Ich habe zuerst schon
gesagt, auch jetzt mit den Zusagen der Stadt Wien sind wir unter 50
Prozent an öffentlicher Unterstützung, die wir bisher hatten. Ein weiterer
Grund, der uns sehr hart trifft, ist der seit Jahren bereits dauernde
U-Bahnbau.
ON Kultur: Wie sehen Sie jetzt das Spannungsverhältnis zwischen
sich und anderen Häusern in Wien?
Nehrer: Wir haben eine ganz andere Situation, wir sind eben ein
privater Verein und wir sehen uns als die Szene der freien Kunst, der
jungen Kunst, im Gegensatz zur musealen Kunst, die in vielen Bereichen
sehr großzügig gefördert wird. Wir merken, dass wir als Ausübende der
Gegenwartskunst sehr wenig Geld bekommen und dass der Schwerpunkt der
Mittel in die historische, in die bewährte, in die museale Kunst
fließt.
ON Kultur: Wie wird es nun weitergehen? Wird es weiter
Pressekonferenzen geben, wo Sie auf die Situation des Künstlerhauses
hinweisen oder wie stellen Sie sich das zukünftige Szenario vor?
Nehrer: Ich hab' schon gesagt, wir geben keinesfalls auf. Wir
werden weiter kämpfen, wir werden sicherlich auch weiterhin versuchen, die
Öffentlichkeit an ihre kulturelle Verantwortung zu erinnern. Aber wir
werden zunehmend versuchen, uns im privaten Bereich jene Mittel zu holen,
die für den Fortbestand des Hauses notwendig sind. Keinesfalls werden wir
das Haus verkaufen und keinesfalls werden wir den eigentlichen Zweck des
Hauses, nämlich der Widmung der zeitgenössischen Kunst,
aufgeben.